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  • Socken auf links oder auf rechts waschen? – Das ist die Antwort.

    Socken auf links oder auf rechts waschen? – Das ist die Antwort.

    Eine der drängendsten Fragen der Menschheitsgeschichte ist neben der Frage, wie der Klimawandel gestoppt werden kann und ob man das zweite Stück Kuchen essen soll oder nicht, die Frage, ob Socken auf links oder rechts gewaschen werden sollten. Wir schreiben das Jahr 2024 und künstliche Intelligenz ist in aller Munde, ja teilweise sogar in Waschmaschinen. Da muss es doch mittlerweile endlich eine Lösung geben. Ich machte mich auf die Suche.

    Zuerst befragte ich den Klassiker: dieses Internet. Wenig überraschend lieferten die Ratgeber, Blogs, Artikel und Geschichten widersprüchliche Informationen darüber, ob Socken vor dem Waschen auf links gedreht werden sollten oder nicht. Denn natürlich kommt es auf die Socken an, auf das Material, die Waschtemperatur, das Waschmittel, die Schleuderdrehzahl… blablabla. „It depends.“

    ChatGPT weiß die Antwort

    Ich wollte eine eindeutige Antwort. Und selbst keine Statistiken darüber erheben, welche Antwort im Netz am häufigsten und daher am wahrscheinlichsten ist. Die Antwort sollte ChatGPT geben. Der Shootingstar der KI-Modelle. Die ultimative Zusammenfassung aller Quellen und allen Wissens der modernen Welt. Und so stellte ich ChatGPT die Frage:

    „Socken auf links oder auf rechts waschen?“

    Die knappe Antwort lautete:

    „Es ist eigentlich egal, auf welcher Seite du deine Socken wäschst. Hauptsache, sie werden sauber!“

    Ähm, ja, okay. Das ist leider wenig hilfreich. Und NATÜRLICH ist die Hauptsache, dass sie sauber werden (und das sogar mit Ausrufezeichen).“ Das ist alles, was du zu bieten ist, ChatGPT? Die Summe aller Informationen, die du in den letzten Jahren von den Menschen gesammelt hast lautet „Es ist egal“?

    Gemini weiß noch mehr

    Glücklicherweise existieren mittlerweile gute Alternativen zu ChatGPT. Also wandte ich mich an Gemini, Googles Ansatz, im KI-Game mitzumischen. Die Frage an Gemini war ebenfalls:

    „Socken auf links oder auf rechts waschen?“

    Und die Antwort war überraschend ausführlich:

    Es ist besser, Socken auf links zu waschen. Die folgenden Vorteile sprechen dafür:

    1. Bessere Reinigung: Durch das Wenden der Socken werden Hautpartikel, Schmutz und Fusseln, die sich in der Innenseite absetzen, besser vom Wasser und Waschmittel erreicht und gelöst. Dies führt zu einer gründlicheren Reinigung und verhindert unangenehme Gerüche.

    2. Schonung der Fasern: Die Außenseite der Socken ist meist robuster als die Innenseite. Durch das Wenden werden die empfindlicheren Fasern der Innenseite geschützt und die Bildung von Pilling reduziert.

    3. Vermeidung von Verknotungen: Socken auf links neigen weniger dazu, sich während des Waschens mit anderen Kleidungsstücken zu verknoten. Dies schützt die Socken und die Waschmaschine.

    4. Erhalt der Farben: Durch das Wenden der Socken werden die Farben vor Verblassen und Auslaufen geschützt.

    5. Bessere Trocknung: Socken auf links trocknen schneller und gleichmäßiger, da die Feuchtigkeit besser entweichen kann.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Waschen von Socken auf links mehrere Vorteile bietet. Es sorgt für eine bessere Reinigung, schont die Fasern, verhindert Verknotungen, erhält die Farben und fördert die Trocknung.

    Es gibt allerdings einige Ausnahmen:

    • Empfindliche Socken: Bei sehr empfindlichen Socken aus Wolle oder Seide ist es ratsam, sie im Schonwaschgang oder per Hand zu waschen. In diesem Fall kann es besser sein, die Socken nicht auf links zu wenden, um die Fasern nicht zu beschädigen.
    • Socken mit Motiven: Socken mit Aufdrucken oder Stickereien sollten auf rechts gewaschen werden, um die Verformung oder Beschädigung der Motive zu vermeiden.

    Im Zweifelsfall sollten Sie immer die Pflegehinweise auf dem Etikett der Socken beachten.

    Wow. Nimm das, ChatGPT. So sieht eine detaillierte Antwort aus. Wobei – wenn ich mir die einzelnen Punkte genauer ansehe, fallen mir doch einige Dinge auf.

    Punkt 1: Natürlich werden Schmutz, Hautpartikel und Fusseln auf der Innenseite der Socken beim Waschen auf links besser entfernt. Aber was ist mit den Partikeln, Haaren und Schmutz auf der Außenseite der Socken, die von der Außenwelt aufgenommen werden und durch das Linksdrehen danach IN den Socken stecken?

    Punkt 2: Weiß Gemini überhaupt, was es bedeutet, Socken auf links und rechts zu drehen? Wenn die robusteren Außenfasern nach innen gewendet werden, sind sie vielleicht besser vor Pilling geschützt als die empfindlicheren Innenfasern. Aber sind diese Innenfasern dann nicht noch ungeschützter und anfälliger für Pilling?

    Punkt 3: Wie lang müssen Socken sein, damit sie sich in der Maschine verknoten? Pippi Langstrumpf hatte wahrscheinlich dieses Problem und auch bei Kniestrümpfen kann ich mir ein solches Szenario vorstellen. Aber auch das Wenden ändert nichts an der Länge der Socken.

    Punkt 4 klingt in der Tat vernünftig, während ich bei Punkt 5 nicht glaube, dass linksgedrehte Socken schneller trocknen als rechtsgedrehte. Oder anders gefragt: Wurde das jemals wissenschaftlich getestet?

    Auch die Ausnahme mit den Motiven klingt nicht sonderlich sinnvoll, wenn man darüber nachdenkt. Motive sind auf links gewendeten Socken mit Sicherheit haltbarer.

    Was sagt Microsofts Copilot zum Thema?

    Mit der gleichen Frage konfrontiert, antwortete der Copilot von Microsoft hiermit:

    Es empfiehlt sich, Socken auf links zu waschen. Auf diese Weise werden Hautpartikel der Füße deutlich besser ausgespült. Um möglichst schonend mit Ihren Socken umzugehen, achten Sie auf das richtige Waschprogramm, die Temperatur und das passende Waschmittel. Wenn du deine Socken in der Waschmaschine wäschst, solltest du sie auf links drehen. Dadurch werden Hautpartikel und Körperfette besser ausgewaschen, und die Socken werden wirklich sauber. Ein schonendes Universalrezept für die Sockenwäsche ist, sie bei 30 Grad im Schonwaschgang mit Fein- oder Wollwaschmittel (enzymfrei) im Wäschenetz zu waschen. So machst du auch bei empfindlichen Socken nichts falsch Keine Bleiche oder Weichspüler verwenden und die Socken hängend trocknen lassen. Wenn du keine Herstellerempfehlung mehr griffbereit hast, helfen Checklisten zur Sockenpflege nach Material für Merinosocken, Strümpfe aus Kunstfasern, Kompressionsstrümpfe und Baumwollsocken. Also, auf links drehen und schonend waschen – dann bleiben deine Socken in gutem Zustand! 🧦🌟

    Löblich, dass der im Hintergrund durch ChatGPT angetriebene Copilot direkt angibt, aus welcher Quelle die Information stammt und sogar direkt dorthin verlinkt. Andererseits handelt es sich letztlich um nichts anderes, als um eine Recherche im Netz, wie ich sie bereits ganz zu Anfang gemacht hatte. Immerhin, auch hier scheint die Tendenz in Richtung links waschen zu gehen.

    Lasst sie kämpfen

    Es ließ mir allerdings keine Ruhe, dass ChatGPT das Thema so undifferenziert behandelt hatte und auch keine konkrete Aussage treffen wollte. Also konfrontierte ich ihn/sie/es damit und schrieb:

    „Microsoft Copilot und Gemini sagen aber, dass man Socken auf links waschen solle.“

    ChatGPTs Antwort darauf:

    Ah, das ist interessant! Das Auf-links-Waschen kann helfen, die Außenseite der Socken zu schützen und das Ausbleichen zu verringern. Es ist also eine gute Idee, diesem Rat zu folgen, wenn du deine Socken länger schön halten möchtest.

    Ich daraufhin: „Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“

    Und ChatGPT so:

    Entschuldigung dafür! Es ist wichtig, hilfreiche Informationen weiterzugeben, besonders wenn es um den Schutz deiner Kleidung geht. Danke, dass du das erwähnt hast!

    ChatGPT rät mir also, dem Rat von Gemini und Copilot zu folgen. Und gibt indirekt sogar zu, bei seiner/ihrer ursprünglichen Antwort nicht genau gewusst zu haben, wovon er/sie/es spricht. Da hat ChatGPT nun hoffentlich etwas gelernt.

    Wobei, wenn das KI-Modell jetzt etwas gelernt hat, dann ja von anderen KI-Modellen. Oh Gott. Handelt es sich hierbei um einen Ouroboros? Die Schlange, die sich selbst frisst, bzw. die KI, die nicht mehr durch die Erfahrungen und Inhalten von Menschen lernt, sondern von anderen KI-Modellen? Also quasi von sich selbst? Nicht auszudenken, was KI-Modelle in Zukunft tun werden, wenn sie nicht mehr aus echten Daten lernen, sondern aus generierten und möglicherweise fehlerhaften, vereinfachten, falsch interpretierten Daten. (Hier bitte Platz für die Diskussion lassen, inwieweit Daten von Menschen heutzutage noch zu trauen ist…)

    Ich konfrontierte Gemini mit den Aussagen von ChatGPT und schrieb: „ChatGPT sagt, dass es egal ist, ob links oder rechts.“ Die Antwort von Gemini lautete:

    Es stimmt, dass es in einigen Fällen nicht unbedingt notwendig ist, Socken auf links zu waschen. Dies hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab, wie zum Beispiel dem Material der Socken, dem Verschmutzungsgrad und dem verwendeten Waschprogramm.

    In folgenden Fällen ist es tatsächlich egal, ob Socken auf links oder rechts gewaschen werden:

    • Socken aus pflegeleichten Materialien: Socken aus synthetischen Fasern wie Polyester oder Nylon können bedenkenlos auf rechts gewaschen werden. Diese Materialien sind robust und neigen nicht zum Pilling.
    • Leicht verschmutzte Socken: Socken, die nur leicht verschmutzt sind, können ebenfalls auf rechts gewaschen werden. In diesem Fall reicht ein normaler Waschgang mit einem milden Waschmittel aus.
    • Waschprogramme mit geringer Schleuderdrehzahl: Wenn Sie ein Waschprogramm mit geringer Schleuderdrehzahl wählen, ist es weniger wahrscheinlich, dass sich die Socken verknoten oder beschädigen. In diesem Fall können Sie die Socken auch auf rechts waschen.

    In den folgenden Fällen sollten Sie jedoch Ihre Socken auf links waschen:

    • Socken aus empfindlichen Materialien: Socken aus Wolle, Seide oder anderen empfindlichen Materialien sollten auf links gewaschen werden, um die Fasern zu schonen.
    • Stark verschmutzte Socken: Stark verschmutzte Socken sollten vor dem Waschen auf links gedreht werden, damit Schmutz und Fusseln besser entfernt werden können.
    • Waschprogramme mit hoher Schleuderdrehzahl: Bei Waschprogrammen mit hoher Schleuderdrehzahl besteht die Gefahr, dass sich die Socken verknoten oder beschädigen. In diesem Fall sollten Sie die Socken immer auf links wenden.

    Fazit:

    Ob es wirklich egal ist, ob Socken auf links oder rechts gewaschen werden, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Um die Socken optimal zu pflegen und ihre Lebensdauer zu verlängern, sollten Sie jedoch grundsätzlich die Pflegehinweise auf dem Etikett beachten. In den meisten Fällen ist es empfehlenswert, Socken auf links zu waschen, da dies eine bessere Reinigung und Schonung der Fasern ermöglicht.

    Danke, Gemini, für dein Fazit. Ob mir das nun weiter hilft und die Frage somit beantwortet ist, bezweifle ich leider noch.

    So wäscht man Socken richtig

    Wie lautet denn nun die Erkenntnis aus dieser Befragung? Wäscht man Socken nun besser auf link oder auf rechts? Die Antwort ist ein ganz klares „It depends“. Oder auch: Am besten wäscht man Socken zuerst auf links und dann noch einmal auf rechts. Nur so kann man sicher sein, den Schmutz von innen und außen entfernt zu haben. Komisch, dass noch keine KI auf diese Idee gekommen ist. Wahrscheinlich, weil sie völlig unökologisch und dumm ist. So bleibt es weiterhin jedem selbst überlassen, wie er seine Socken wäscht. Hauptsache, sie sind sauber, stinken nicht und werden paarweise getragen. Verdammt. Dann hatte ChatGPT am Anfang ja doch Recht…

  • Mein Freund, der Baum

    Mein Freund, der Baum

    In meiner Heimatstadt Aachen gibt es zu wenig Bäume. Statt mehr Bäume zu pflanzen, werden immer mehr gefällt. Weil… aus Gründen. Experten finden Pilze, kranke Äste, instabile Wurzeln, Bäume, die umzustürzen drohen und eine Gefahr für alle darstellen. Und in solchen Fällen ist die einzige Lösung, den Baum zu entfernen. Zugegeben, ich habe keine Ahnung davon. Ich weiß nur, dass ich mir mehr Bäume in der Stadt wünsche und gefühlt mehr gefällt als gepflanzt wird.

    Wer im Hochsommer durch manch spanische Großstadt mit ihren begrünten Straßen flaniert, weiß, wie kühlend Bäume in Städten wirken. Und das nicht nur durch Schatten, sondern auch durch abgegebene Feuchtigkeit. Bäume schlucken Schall und bieten Lebensraum für alle möglichen Lebewesen. Und – das mag die meisten überraschen – Bäume produzieren Sauerstoff. Einfach so. Sie stellen einfach etwas zur Verfügung, was wir zum Leben brauchen. Kurzum: Bäume sind lebensnotwendig. Und ehrlich gesagt, ich möchte in einer Stadt auch leben und nicht nur Auto fahren.

    Aber, Bäume haben es auch schwer. Abgase, kein Platz für Wurzeln, Müll, pinkelnde Hunde und Menschen, Schädlinge und natürlich das Klima setzen unseren Bäumen zu. Und eine Stadt ist in jeder Hinsicht ein lebensfeindlicher Ort. Für Menschen, Tiere und Pflanzen (außer für Autos). Außerdem kosten Bäume Geld. Jede Menge Geld. Diese ganze Pflege, das Gießen, das Zurechtschneiden, die Entfernung des Laubs im Herbst. Man kann so einen Baum ja nicht einfach wachsen lassen. Und so werden Hunderttausende Euro im Jahr pro Großstadt für den Erhalt von Bäumen ausgegeben. Oder man macht die Rechnung auf und stellt fest, dass ein Platz aus Pflastersteinen viel billiger (und mit weitaus weniger Aufwand verbunden) ist, als ein Baum. Diese Rechnung kennen wir auch von so manchem Hausbesitzer, dessen Vorgarten aus kaltem (bzw. im Sommer extrem heißem) Stein viel unkomplizierter ist als diese aufwändigen Pflanzen.

    Bäume sind toll. Wir sollten viel mehr Bäume und überhaupt Pflanzen haben. In unseren Straßen, in unseren Vor- und Hintergärten, auf Terrassen, auf Dächern und an Hauswänden. Und wir sollten sie pflegen, ihnen die bestmöglichen Bedingungen bieten und uns um sie kümmern. Koste es, was es wolle. Denn sie geben uns so viel zurück.

    Liebesbriefe an den Baum

    Melbourne hat vor einigen Jahren eine öffentliche Karte erstellt, auf der jeder der 70.000 Bäume der Stadt mit einer eindeutigen ID und einer E-Mail-Adresse verzeichnet ist. Die Idee war, dass die Bürger über diese Adressen melden konnten, wenn sie der Meinung waren, dass ein bestimmter Baum mehr Aufmerksamkeit oder Hilfe benötigte. Doch was dann geschah, überraschte die Stadt. An die E-Mail-Adressen wurden Liebesbriefe geschickt. Liebesbriefe an Bäume. Der wohl beliebteste Baum der Stadt ist eine 80 Jahre alte Ulme an einer viel befahrenen Kreuzung. Rund 10.000 Briefe wurden im Laufe der Zeit an das zuständige Amt geschickt, viele wurden sogar beantwortet. Selbst wenn Kinder Baumwitze schickten, bekamen sie einen anderen Baumwitz zurück. Wie toll ist das denn? Die Melbourner fühlen sich ihren Bäumen wieder ein Stück näher.

    Na, Aachen, wäre das nicht auch eine Idee für uns? Eine Karte für die Bürger, um den Bäumen um uns herum eine gewisse Identität zu geben, eine Verbundenheit und damit am Ende vielleicht auch mehr Pflege und Anerkennung.

  • Meine Experience beim UX-Festival der GermanUPA in Erfurt

    Meine Experience beim UX-Festival der GermanUPA in Erfurt

    „You are not the user“ ist mit Sicherheit eine der wichtigsten Regeln im Bereich des User Experience Designs. Egal wie sehr wir es durch Zuhören, Beobachten und mit Empathie versuchen, als Designer werden wir nie das gleiche erleben wie echte Anwendende, die in einem anderen Kontext stecken, anders denken, anders empfinden. Doch auch wir UX Designer sind Menschen und oft nichts weiter als User, die eine Experience haben (wir betrachten sie vielleicht nur anders – Berufskrankheit).

    Wenn ich also über das mittlerweile zweite UX-Festival der GermanUPA in Erfurt am 17. und 18. Juni 2023 berichten möchte, könnte ich die Fakten aufzählen, die einzelnen Vorträge auflisten, die Menschen, die ich kennenlernen durfte mit Namen nennen. Oder ich könnte einfach versuchen, meine User Experience zu beschreiben.

    Die User Journey

    Die Reise begann mit einer Bahnfahrt mit meinem ehemaligen Team, einem Hotel in angenehmer Nähe zum Bahnhof, einem abendlichen Spaziergang durch die Erfurter Altstadt und einem gleichzeitigen Bummel über das bunte und vielfältige Erfurter Krämerbrückenfest. Der Spaziergang am nächsten Morgen zum Zughafen, der Event-Location in alten, urigen Hallen des nahegelegenen Güterbahnhof, zauberte uns ein Lächeln herbei, denn kleine, auf die Straße gemalte UX-Wegweiser leiteten uns. Es sind die Details, die den Unterschied machen. Das Lächeln verließ uns nicht bei der Ankunft am Veranstaltungsort, der Ausgabe unserer Teilnehmer-Badges, der herzlichen Begrüßung von vielen orange gekleideten Helfern und der Vorfreude auf die kommenden Tage. Schnell wurde klar, was uns alles an diesem Barcamp geboten werden würde.

    Community
    UX Sign

    Informations- und Navigationsarchitektur

    Wer das Prinzip eines Barcamps noch nicht kennt: Jeder Teilnehmende kann eine Session zu einem bestimmten Thema einreichen, dann wird die ungefähre Teilnehmerzahl ermittelt, um daraufhin einen passenden Zeitslot und eine Örtlichkeit für die Session zu finden. Sessions können Workshops sein, Vorträge, Präsentationen, Gesprächsrunden oder gar Selbsthilfegruppen. Alles ist erlaubt.

    Auf dem UX-Festival mussten insgesamt 62 mögliche Sessions in 5 Zeitslots an 8 (oder mehr) unterschiedlichen Plätzen in eineinhalb Tagen verplant werden. An einem Whiteboard oder auch online konnte man sich jederzeit informieren, wo welche Session stattfindet. Hat man das Gefühl, in einer Session nichts mehr mitnehmen oder beitragen zu können, kann man sie jederzeit verlassen, eine andere besuchen oder etwas völlig anderes zu tun. Die großartige Moderation und die Möglichkeit, mitgestalten, mitarbeiten oder sich zurücklehnen zu können, vermittelte im Vergleich zu anderen, starren Konferenzen ein gewisses Gefühl der Freiheit.

    Sessions

    Content, Margins, Whitespaces

    Neben all der Annehmlichkeiten und der Freiheit ging es auch in diesem Jahr darum, zu lernen, Erfahrung zu sammeln, sich auszutauschen. Die Sessions waren bunt und vielfältig. So wurde erklärt, wie Gamification in Produkten genutzt werden kann, wie man mit Hippos (Highest paid persons opinion) umgeht, wie man die eigene Perfektion in den Griff bekommt und wo UX bei der Nachhaltigkeit unterstützen kann. In weiteren Sessions wurde erörtert, was die Gastronomie mit UX zu tun haben könnte. Es wurde dafür geworben, weitere Mentoren zu finden (eine Runde, in der ich selbst ein wenig beitragen konnte). Und der Arbeitskreis UX Writing, in dem ich Mitglied bin, berichtete von seinen bislang erarbeiteten Heuristiken, die im September auf der Mensch und Computer Konferenz (ebenfalls von der GermanUPA) vorgestellt werden sollen.

    Nachhaltig beeindruckt hatten mich zwei Workshops. Zum Einen „Perspektivenwechsel bei der Produktentwicklung“ von Thomas Hermenau. Und zum zweiten „Was macht UX Management“ von meinem persönlichen Helden Dominique Winter. Im Perspektivenwechsel-Workshop war die Aufgabe eines Teilnehmers die Rolle eines Product Owners einzunehmen, der nur durch sprachliche Anweisungen einer Gruppe von Entwicklern (wir anderen) mitteilen durfte, wie ein Auto aus Legosteinen gebaut werden sollte. Die Anleitung dafür war am anderen Ende des Raumes, wodurch der Product Owner zusätzlich die Schwierigkeit hatte, sich Dinge zu merken zu müssen und diese so zu vermitteln, dass die Erbauer es verstanden. Es dürfte keine Überraschung sein, dass am Ende ein Auto gebaut wurde, das nur grob aussah, wie gedacht. (Schönes Randdetail dabei, dass die Entwickler natürlich bereits mit dem Bau des Autos begonnen hatten, noch bevor der Product Owner etwas dazu gesagt hatte – weil, ist ja klar, wie ein Auto aussehen sollte, ne?)

    Im UX Management Workshop bestückten drei Gruppen unter Zeitdruck jeweils ein Poster mit relevanten Punkten zum Thema UX Ziele, UX Strategie und UX Ressourcen, stellten die Inhalte vor und wechselten dann zum jeweils nächsten Poster, um dieses mit größerem Zeitdruck zu ergänzen. Nach dem dritten Wechsel war es faszinierend zu sehen, wie viel dermaßen guter Content in nur 45 Minuten erstellt worden war. Einfach durch die Tatsache, dass die Teilnehmer motiviert waren, Spaß hatten und die Methode perfekt passte.

    Sessions

    Research und iterative Verbesserungen

    Die Veranstalter hatten auf die Teilnehmer des ersten UX-Festivals gehört. So wie richtige UX Professionals es nunmal tun. Dinge, die im Jahr zuvor nicht ganz reibungslos funktionierten, wurden geändert, alles weitere blieb oder wurde verbessert. So waren die Locations der einzelnen Sessions besser voneinander getrennt, um akustische Störungen zu vermeiden. Das Catering war in diesem Jahr günstiger platziert, qualitativ deutlich besser und – zu unserer Überraschung – sogar kostenlos dank großzügiger Sponsoren.

    Neben kostenlosen Getränken standen jederzeit Obst und Süßigkeiten zur Verfügung und der Zughafen selbst gab weiterhin viel Raum, um es sich zum Beispiel in Liegestühlen bei bestem Sonnenwetter in feinem Sandstrand gemütlich zu machen und sich auszutauschen. Daneben stand im Angebot T-Shirt Druck, Yoga, Tanz-Akrobatik mit alten XBox Kinect-Controllern, ein Eisstand, eine kostenlose Fotobox und natürlich auch die obligatorische Disco. Ob das spätabendliche Feuerwerk zum Krämerbrückenfest oder doch zum UX-Festival gehörte, konnte nicht abschließend geklärt werden, war aber eine gelungene Krönung.

    Healthy Food

    FOMO und zu viele Optionen

    Wenn es Kritik anzumelden gibt, dann vielleicht diese: Die Masse an Teilnehmern, Sessions, Locations und Möglichkeiten machten es mir schwer, Entscheidungen zu treffen. „Too many options“ ist ein weit verbreitetes Problem heutiger Systeme und führt zu schlechter User Experience. Auch wenn das „Law of two feet“ galt (also die Möglichkeit, jederzeit Sessions zu wechseln oder zu verlassen) hatte ich zu oft das Gefühl, spannende Dinge in den anderen, parallel laufenden Sessions zu verpassen. Auch zum gemütlichen Austausch war oft wenig Zeit, weil ein jeder in die nächste Session wollte. Ein Luxusproblem, gewiss. Aber eines, auf das man sich vorbereiten sollte. Denn wenn die Teilnehmerzahl jährlich steigt, werden auch die Sessions und die Optionen jährlich mehr werden. Und ob es dann eine gute Idee ist, das Festival über drei Tage zu machen?

    Auch wurde in der Vorstellungsrunde zwar grob erklärt, welchen Inhalt jede Session haben sollte – im späteren Entscheidungsprozess war es dann aber doch etwas schwer, sich zu erinnern oder einen Überblick zu bekommen, um eine „gute“ Entscheidung treffen zu können. Natürlich, keine Entscheidung war am Ende falsch, jede Session und jedes Gespräch war genau richtig. Das Gefühl, etwas verpasst zu haben, blieb bei mir dennoch.

    Lego Enten

    Die Experience

    Das UX-Festival ist und war auch diesmal geprägt von tollen Menschen, von Offenheit, Neugier, Menschlichkeit. Von einem großartigen Miteinander und einem ständigen Wir-Gefühl. Zwei Tage hatte ich das starke Gefühl unter meinesgleichen zu sein, unter Menschen, die mich verstehen, meine Nöte und Probleme kennen. Menschen, die bereits in ähnlichen Situationen steckten oder gerade dabei sind, dort hinein zu geraten und froh sind, von anderen lernen zu können.

    Es war phantastisch zu erleben, dass unter den etwa 300 Teilnehmern nicht nur UX Professionals gekommen waren, sondern auch Entwickler, Produktmanager, Strategen, Marketingleute, die alle an diesem großen Thema UX arbeiten und verstehen wollen, wie wir es schaffen, gute UX zu etablieren. Denn auch das hat dieses Festival wieder gezeigt: Es geht am besten (oder gar nur) gemeinsam. Und: Es sind die Menschen, die gute UX schaffen, die verstehen, wie Menschen funktionieren und welche Anforderungen sie haben.

    In Zeiten, in denen aus allen Richtungen zu hören ist, dass AI uns Designern die Jobs wegnehmen wird, bin ich davon überzeugt, dass wir weiterhin Menschen benötigen, die mit Verstand und Empathie, mit Visionen und unterschiedlichen Perspektiven weitaus bessere Erlebnisse schaffen werden. Heute mehr denn je. Und auch wenn es abgedroschen klingen mag: Ja, wir arbeiten daran, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und als UX Professional und Mentor bin ich stolz und glücklich, Teil dieser Community sein zu dürfen.

    Und so kann ich nur alle Lesenden einladen, im nächsten Jahr am 15. und 16. Juni 2024 ebenfalls dabei zu sein, zu lernen, sich zu vernetzen, sich auszutauschen und Spaß zu haben.

    Gruppenfoto
    Sonnenuntergang auf dem UX Festival

    Die Aufzeichnungen des Live Streams

  • Süddeutschland ist auch Baden!

    Süddeutschland ist auch Baden!

    Die Geschichte über den südlichen Teil Deutschlands ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Gewiss, jedes der 16 Bundesländer hat mit Vorurteilen und Falschinformationen zu kämpfen. Jede Region Deutschlands dürfte sich im kollektiven Verständnis unterrepräsentiert fühlen. Besteht der Osten Deutschlands nicht nur aus Sachsen? Wo genau ist dieses Ost-Westfalen? Weiß eigentlich irgendjemand, wo das Sauerland beginnt und endet? Und liegt Ostfriesland nicht in Wirklichkeit an der Westküste der Nordsee? Ich kenne dieses Gefühl, denn ich selbst stamme aus einer Region Deutschlands, die den meisten Menschen nicht bekannt ist. Und damit räume ich jetzt auf.

    Um es konkret zu machen: Woran denkt der/die übliche Mittel-, Ost-, West- und Norddeutsche, wenn nach Süddeutschland gefragt wird? Vermutlich meist an Bayern. Im besten Fall an Schwaben. Als bestünde Süddeutschland aus einem einzigen Bundesland. In Wahrheit sind es derer zwei. Und dieses unscheinbare kleine Ländle neben Bayern heißt Baden Württemberg. Baden Württemberg! Ein Bundesland so reich an Geschichte, so reich an wundervollen Landschaften, so reich… Nun, ein Bundesland so verkannt, dass der Rest der Welt der Meinung ist, es lebten nur Schwaben darin. Dabei kommt das Wort Schwaben nicht einmal im Namen vor. Das Land heißt Baden Württemberg. Es ist das einzige Bundesland, das durch einen Volksentscheid entstand. Württemberg-Baden, Baden und Württemberg-Hohenzollern entschlossen sich 1952 ein einziges Bundesland zu werden. Badener und Württemberger friedlich vereint. Wer hätte das gedacht?

    Baden Baden Baden

    Fiel nun oft genug der Begriff Baden? Ist mittlerweile klar geworden, worauf ich hinaus möchte? Dass Baden Württemberg nur zu einem Teil aus Württemberg besteht. Zu einem großen Teil besteht es aus Baden. Meine Güte, Baden möchte so sehr darauf hinweisen, dass es Baden heißt, dass sogar eine Stadt darin Baden Baden getauft wurde. Was soll man denn noch tun? Es „Baden Baden!“ nennen? (Das ist natürlich ein Scherz. Ein Ausrufezeichen hat noch nie dazu geführt, einen Text und dessen Bedeutung zu verstärken. Deshalb, liebe Kids, Finger weg von den Ausrufezeichen!!!! (und von den falschen Apostrophen, aber ich schweife ab))

    Das schöne Baden ist der äußerste Südwesten Deutschlands. Und somit neben Württemberg (nicht Schwaben) und Bayern ein nicht zu unterschätzender Teil Süddeutschlands. Baden ist mein Heimatland, hier wuchs ich auf, hier verbrachte ich Jahrzehnte meiner – nunja – Jugend, bevor es mich in die weite Welt hinaus trieb. Baden wird südlich und westlich durch den Verlauf des Rheins klar definiert, während die Grenzen im Norden und Osten – auch sprachlich – gerne schwammig werden. Landschaftlich wird Baden durch die stets warme Rheinebene und den Schwarzwald bestimmt. Und der vorherrschende Dialekt ist das Alemannisch, dem Schweizerdeutschen nicht unähnlich. Vieles spricht für Baden als Land, als Kulturgut, dass ich hier gar nicht alles aufzählen kann. Doch im kollektiven Verständnis kommt es kaum vor. Warum ist das so?

    Baden hat so viel zu bieten

    Zum Einen liegt es vermutlich am Mangel an Prominenz. Außer Jogi Löw dürften die wenigsten weitere Berühmtheiten kennen, die aus Baden stammen. Des Weiteren am Mangel an politischem Einfluss. Die Politik wird in Stuttgart gemacht, von Schwaben. Zudem am Mangel an Skandalen. Welches Ereignis oder welche Person hat in den vergangenen Jahrzehnten das Land in das kollektive Gedächtnis gebrannt? Positiv oder negativ. Und schließlich auch durch Mangel an Präsenz in den Medien. Welche Filme oder Serien spielen in Baden und thematisieren dies auch? Ein Freiburger Tatort vielleicht. Apropos Freiburg: Immerhin ist Freiburgs Fußballmannschaft mittlerweile ein Begriff in der Bundesliga, im Europapokal, in der – Wahnsinn – Champions League? (Stand: Mai 2023. In zehn Jahren werde ich seufzend auf diesen Artikel zurück blicken)

    Auch die Sprache in Baden dürfte den meisten unbekannt sein, zu präsent ist das Schwäbische im südwestlichen Bundesland. Und zugegeben, Alemannisch als Dialekt ist wirklich ungeheuer schwer zu destillieren, zu nah ist die Grenze am Schweizerdeutsch, zu sehr verschwimmt der Dialekt ins Schwäbische je weiter man in den Osten kommt und nördlich von Offenburg und Karlsruhe nimmt schnell ein badischer, pfälzischer Dialekt überhand. Ich erinnere mich an kleine Dörfer, die ihren eigenen Dialekt hatten, während die Bewohner des Nachbardorfes viele Begriffe wieder anders aussprachen. Für Außenstehende ist das Alemannisch kein Dialekt, der in Deutschland gesprochen wird.

    Zugegeben, in meiner Jugendzeit im Markgräflerland (grob gesagt die Kreise Lörrach und Freiburg) blickte ich oftmals neidisch in die viel cooleren Bundesländer und Städte. Nach Köln und Berlin. Mit ihren TV- und Radiosendern, mit ihren Kinos und Fast-Food Restaurants. Mit all den Möglichkeiten, dem Lifestyle, den es bei mir in der Provinz einfach nicht gab. Da saß ich dann auf einem gemütlichen Weinfest, während anderenorts Raves stattfanden. Aber vielleicht lag es auch an mir und meinem Blickwinkel.

    Ich halte das Badener Land für eines der schönsten Landstriche Deutschlands, mit seinen gemütlichen Dörfern und Städten, den Hügeln und (Wein-) Bergen, den Wäldern und der Landwirtschaft, den Baggerseen und dem Rhein, der Nähe zu Frankreich und der Schweiz, dem Essen, des mediterranen Klimas, der Traditionen, der Menschen und der Lebensfreude. Das mag sehr subjektiv sein, doch ich kenne niemanden, der Baden und Schwarzwald besucht hat und gegenteiliger Meinung sein kann.

    Und so halte ich das Zepter hoch und breche eine Lanze für Baden. Den schönsten Teil Baden Württembergs. Den kleinsten und vielleicht unbekanntesten Teil Süddeutschlands. Der Teil Deutschlands, der es verdient hat, mehr im kollektiven Bewusstsein stattzufinden. Denn auch wenn wir alles außer Hochdeutsch können, so mag ich diesen Werbespruch noch immer sehr: „Schön hier. Aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?“ Kommt nach Baden und überzeugt euch selbst. Und lernt, dass Süddeutschland eben auch Baden ist!

  • Selektive Wahrnehmung – Wiesbaden ist überall

    Selektive Wahrnehmung – Wiesbaden ist überall

    Paul Watzlawick sagt „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Aber kann man auch nicht nicht lesen? Und was soll das mit diesen doppelten Verneinungen? Ich werde später darauf zurück kommen. Lasst mich zunächst mit einer kleinen persönlichen Geschichte beginnen. Ich hasse SUVs. Leidenschaftlich. Vor ein paar Monaten standen zwei dieser Monster regelmäßig in unserer Straße. Und zwar so, dass sie nicht nur einen Teil des Bürgersteigs in Beschlag nahmen, sondern es mit ihrer Überbreite auch schafften, den Autoverkehr zu behindern. Darüber kann man sich nur aufregen.

    Jetzt bin ich nicht nur ein SUV-Hasser, sondern auch einer, der KFZ-Kennzeichen liest. Oder um es anders auszudrücken: Ich kann KFZ-Kennzeichen nicht nicht lesen. Ich sehe und lese sie. Oder noch einmal anders formuliert: Ich sehe sie und interpretiere sie. Und diese Geländewagen hatten Wiesbadener Kennzeichen.

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  • Ich vergesse alles

    Ich vergesse alles

    Die Finger schweben über der Tastatur. Ich überlege, was ich schreiben wollte. Gerade war es doch noch da. Das ganze Thema, die ersten Sätze. Worüber wollte ich denn noch schreiben,verdammt? Vergessen.

    Kennt ihr das? Steht ihr auch hin und wieder in der Küche vor dem offenen Kühlschrank und fragt euch, weshalb ihr ihn überhaupt geöffnet habt? Klar, man nimmt sich eine Cola raus, ein Stück Wurst und Käse, den übrig gebliebenen Kuchen von gestern und einen Apfel wegen des schlechten Gewissens. Aber war das der Grund um von der Couch aufzustehen?

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  • Ein Meter Vernünfzig Abstand

    Liebe Aachener*,

    der Kerl, der euch nun seit über einem Jahr auf den Straßen und Gehwegen entgegen kommt und euch fragt, bittet, anfleht, ein bisschen zur Seite zu gehen, bin ich. Auch nach so langer Zeit, nach einer ersten Welle, einer zweiten Welle, an der Schwelle zur dritten Welle, scheint ihr das Prinzip Abstand noch immer nicht kapiert zu haben. Ich zitiere gerne mal die Wikipedia für euch:

    Der Abstand, auch die Entfernung oder die Distanz zweier Punkte ist die Länge der kürzesten Verbindung dieser Punkte.

    Wikipedia
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  • Alles alte Klamotten

    Irgendwann öffnet man den Schrank und bemerkt, dass zu viele Klamotten darin verstaut sind. Sie hängen von Bügeln, liegen gefaltet auf Stapeln und verstauben in Schubladen. Irgendwann bemerkt man, wie dieser Haufen Kleidung zu einer Last wird, einer Bürde, derer man sich entledigen möchte. Irgendwann ist das alles nur noch Ballast, man sortiert aus, stellt fest, wie viele der Teile man seit Jahren nicht mehr angefasst oder gar getragen hat und ist mutig genug, sich davon zu lösen. Und dann steht man da mit 5 großen Tüten voll guter Kleidung, die eigentlich viel zu schade ist, um sie weg zu werfen.

    Natürlich möchte man sie spenden. Aber wo? Wohin mit den alten Klamotten? Man hört und liest ja so viel Übles. Über eine Altkleider-Mafia, über Firmen, die mit den abgegebenen Kleidungsstücken reich wurden, von Bedürftigen, bei denen die Spenden nie ankamen. Man liest über das Rote Kreuz, das offenbar Geld mit den Klamotten verdient, von der Caritas, die mittlerweile nicht nur von gut erhaltenen Altkleidern, sondern von jeglichem Müll überhäuft werden. Und man sieht Reportagen über Sammelstellen, die ebenfalls in den Bergen an alten Textilien untergehen. Wohin also damit?

    Das enorm-Magazin hat sich dieser Frage angenommen und versucht, Licht ins Dunkle zu bringen und Tipps zu geben, wohin man alte Kleidungsstücke bringen kann. Worauf sollte man unbedingt achten? Was sollte man meiden? Welche Organisationen gibt es überhaupt, die Altkleider-Spenden annehmen? Wo findet man zentrale Informationen? Und was steckt eigentlich wirklich hinter den Geschichten und Reportagen, wie mit Kleiderspenden Geld verdient wird?

    Ein sehr gut recherchierter Artikel, der uns anregen sollte, über unseren Konsum nachzudenken und der letztlich mit dem besten aller Tipps schließt: Hört auf, so viel Scheiß zu kaufen.

    Aufmerksam wurde ich auf die Seite durch die Attention Please Aktion von Felix Lobrecht auf seiner Instagram-Seite.

  • Ghosting, als es Ghosting noch nicht gab

    Unter Ghosting versteht man – in knappen Worten – den überraschenden und völligen Kontaktabbruch von Freunden oder Geliebten. Von heute auf morgen sind diese Menschen von der Bildfläche verschwunden, nicht mehr zu erreichen und quasi nur noch ein Geist. Der Begriff Ghosting existiert seit ca. 2015. Dass dieses Verhalten überhaupt zu einem Phänomen wurde, dem man einen Namen geben musste, dürfte vermutlich dem Internet, Social Media, Tinder und Co. und den ganzen Verlockungen, Ablenkungen und Möglichkeiten zu verdanken sein. Und der Tatsache, dass man, trotz ständiger Verfolg- und Erreichbarkeit genau dies bewusst unterbinden und verwehren möchte. Mir selbst ist dies erst vor kurzem mit „guten Freunden“ passiert. Eine Erklärung für das Ghosting blieb bis heute aus. Aber letztlich ist das ja genau das Prinzip.

    Früher™ gab es sowas nicht. Oder etwa doch? Ich kann mich an einige Lieb- und Bekanntschaften erinnern, die irgendwann einfach nicht mehr da waren. Dabei handelte es sich meist um einen schleichenden und/oder nicht überraschenden Prozess. Man einigte sich im Stillen darauf, keinen Kontakt mehr zueinander zu pflegen. Selbst wenn es schmerzhaft war. Aber hat man im vergangenen Jahrhundert einfach kommentarlos und völlig willkürlich den Kontakt zu jemandem abgebrochen? Ohne als Entschuldigung wenigstens den Tod oder Schlimmeres anführen zu können?

    Für mich hat Ghosting aber noch eine andere Bedeutung. So ist es mir unerklärlich, wie Menschen heutzutage einfach nirgendwo stattfinden können. Weder bei Google, Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest, Tumblr, Youtube, Xing, Linkedin oder wenigstens Etsy, dem Telefonbuch oder ebay auffindbar zu sein, ist einfach unglaublich. Entweder sind einige Menschen niemals online, oder wissen sich bestens zu verstecken.

    Aus meiner Vergangenheit gibt es Menschen, über deren Leben ich gerne mehr wüsste. Egal aus welchen Gründen der Kontakt damals abgebrochen wurde, mittlerweile ist so viel Zeit vergangen, dass ich mir eine Kontaktaufnahme wünschen würde. Selbst wenn es nur eine Bestätigung für die damalige „Trennung“ wäre. Was ist aus diesen Menschen geworden, mit denen man tage- und nächtelang gelacht, geweint, gefeiert, getröstet, gefiebert und vielleicht auch gestritten hat? Mit denen man sehr lange sein Leben geteilt hat?

    Und die andere Frage: Suchen sie mich hin und wieder? Ich bin nun wahrlich nicht schwer im Netz zu finden und war eine Zeitlang auf quasi jeder Social Media Plattform aktiv. Mittlerweile ist es ruhiger geworden und obwohl ein gleichnamiger Autor stets weit vor mir die Suchergebnisse blockiert, bedarf es nur weniger Minuten, alle meine Accounts zu finden. Inklusive diesem Blog. Suchen und lesen sie mich? Oder bin ich raus aus ihrem Leben, wie ein Geist, den man nie wieder in seinem Haus haben möchte?

    Falls ihr das lest: Liebe Grüße. Ihr wisst, dass ich euch meine.

  • Wenn schwarze Wäsche stinkend aus der Waschmaschine kommt

    Wir Hausfrauen müssen zusammen halten, sage ich immer. Und wir Waschweiber erst Recht. Sucht man im Netz nach Antworten zu genau dem einen quälenden Waschproblem, findet man mit Sicherheit tausend verschiedene Erklärungen, aber selten die wahre Lösung. So erging es mir beim Problem der schwarzen Wäsche, die immer müffelnd aus der Maschine kam.

    Egal, was ich versuchte, die Wäsche stank. Ich versuchte es mit Hygienespüler, mit höheren Temperaturen und verschiedenen Waschmitteln. Pulver und Tabs, Flüssig und Gel. Ich gab mehr oder weniger duftenden Weichspüler hinzu, spielte an den Schleuderzahlen, Programmen und Wasserbeigaben der Maschine herum. Ich gab mehr Waschmittel hinzu, verringerte die Menge der Wäsche. Irgendwann warf ich die am deutlichsten stinkenden Kleidungsstücke in den Müll, in der Annahme, sie seien Auslöser des Übels und verpesteten die anderen Teile.

    Allein, es half nichts. Manche Waschladungen wusch ich direkt ein zweites Mal, um dem Gestank Herr zu werden. Das Müffeln, so die Erklärung der vielen Ratgeber, stamme aus billigen, dunklen Farbstoffen und in der Tat schienen eher die billigen Teile den Geruch nicht loswerden zu wollen. Bunte und weiße Wäsche waren ebenfalls stets aprilfrisch. Guter Rat war irgendwann nicht mehr nur teuer, sondern unbezahlbar.

    Doch Rettung ist nah, denn hier nun die ultimativen Tipps, wie schwarze Wäsche duftend aus der Waschmaschine kommt:

    1. Der wichtigste Punkt ist tatsächlich die Menge des Waschmittels. Und dabei ist es völlig egal, ob ein Pulver oder ein Gel benutzt wird. Entscheidend ist, genau die Menge zu nehmen, die auf der Packung vorgeschlagen wird, in Abhängigkeit des Verschmutzungsgrads und der Wasserhärte. Der Gedanke, mehr Waschmittel müsste doch zu noch saubererer Wäsche führen, stimmt nicht. Denn was die dunkle Wäsche müffeln lässt, sind nicht ausgewaschene Seifenreste. Hinzu kommt der zweite Effekt bei zuviel Waschmittel: Die starke Schaumbildung. Zuviel Schaum bremst das „Schlagen“ der Wäsche aus, das durch die Drehung der Trommel und dem Herunterfallen der Wäsche simuliert wird.
    2. Was uns zum nächsten Punkt bringt. Nicht umsonst wurde Wäsche früher noch regelrecht geprügelt, um sauber zu werden. Damit die Wäsche auch in der teueren Maschine geschlagen wird, darf die Maschine nicht überladen werden. Eine Handbreit sollte noch Platz sein.
    3. Auf Weich- und Hygienespüler kann getrost verzichtet werden. Ebenso wie auf zusätzliche Wassermengen oder höhere Temperaturen, um Rückstände „auszukochen“ (Ausnahmen bestätigen gewiss die Regel). Ein gutes Vollwaschmittel genügt.

    Mit diesen einfachen Regeln gelang es mir endlich, all meine schwarze Wäsche – egal, ob fein, ob Sport, ob billiges T-Shirt oder hochwertiges Hemd – frisch, duftend und sauber zu bekommen. Und da wir Waschweiber zusammen halten, helfen diese Tipps euch hoffentlich auch.

  • Die Ex

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    Dann kommt der Zeitpunkt, an dem du die neue gefunden hast und glücklich bist. Und dir gar nicht mehr vorstellen kannst, wie du es so lange mit der alten aushalten konntest. Natürlich erinnerst du dich an die zumeist schönen Zeiten, glanzvolle Erinnerungen voll leichter Wehmut. Doch du erinnerst dich auch an die schlechten Zeiten, in denen dir alles zu eng wurde und du ausbrechen wolltest. Und nun ist der Lack ab, das neue lockt, und alles was vergangen, scheint grau.

    Bis die Nachfolger auf den Plan treten. Das elende Pack, die Meute, die wie Geier nur darauf gewartet haben, dass du endlich verschwindest. Sie sind voll des Lobes, schwärmen, umgarnen und heben sie auf einen Sockel. Doch lass dich nicht täuschen. Natürlich hinterfragst du deren Euphorie, fragst dich, ob du einen Fehler gemacht hast. Fragst dich, was mit dir nicht stimmt, dass du dir einfach eine neue gesucht hast. Die alte zurück lässt. Hat sie denn wirklich den Lack ab oder liegt es an mir? Weshalb ist jeder begeistert außer mir?

    Verzweifle nicht. Du hast alles richtig gemacht. Diese Gefühle kommen immer, die Wehmut übernimmt gerne das Ruder. Bewahre dir das Gefühl in deinem Herzen. Lass sie los, in dem guten Wissen, dass sie lange genug perfekt zu dir gepasst hat und immer noch so großartig ist, wie damals, als du sie zum ersten Mal sahst. Doch ihr habt euch auseinander gelebt. Niemand kann etwas dafür. Lass sie gehen und anderen ihre Freude an ihr haben.

    Freu dich einfach auf deine neue Wohnung.

  • Weil ich ein Mann bin?

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    Warum muss das Essen immer etwas würziger sein, das Steak etwas blutiger, die Portionen etwas größer? Warum muss die Massage immer etwas härter sein, das Wasser etwas heißer, der Kaffee etwas kräftiger? Warum muss die Geschwindigkeit immer etwas höher sein, die Entfernung etwas weiter, das Gefühl etwas intensiver? Warum muss der Bass immer etwas stärker sein, die Lautstärke etwas höher, der Bildschirm etwas größer? Warum muss der Prozessor immer etwas schneller sein, das Gadget immer etwas dünner und immer etwas exklusiver? Warum muss die Küche immer etwas größer sein, der Equipment etwas professioneller, die Messer etwas schärfer? Warum muss der Kontostand immer etwas höher sein, das Ansehen etwas größer und der Urlaub etwas länger? Warum müssen Chips immer etwas knuspriger sein, die Action etwas krachender, die Gags zum totlachen?

    Warum muss es immer etwas mehr sein? Nur etwas…?

  • Wie im Kindergarten

    „Sind wir hier im Kindergarten?“ Nein, da waren wir mal. Ist schon lange her und mittlerweile sind wir erwachsen. Wir können über unsere Probleme sprechen, über den Frust, den Ärger und besonders über die Konflikte, die wir mit den anderen Kinde… Erwachsenen haben. Erwachsene sprechen über Konflikte. Sie schmollen nicht, hauen nicht einfach ab oder legen den Telefonhörer auf. Erwachsene heulen nicht und vor allem schreien sie nicht. Als Erwachsener ist man gebildet und erfahren genug, Differenzen mit vernünftigen Worten zu lösen, in vernünftiger Lautstärke, vernünftig artikuliert.

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  • Das schlechteste Deo für Männer

    Vor über drei Jahren stellte ich in diesem Blog öffentlich die Frage, welches das beste Deodorant für Männer sei und erzählte dabei von meinen persönlichen Erfahrungen mit diversen Produkten. Derartiges würde ich heute nicht mehr machen, dennoch scheint das Thema selbst immer noch brennend zu interessieren. Schließlich gehört der Text seit je her zu den Top 5 der meistbesuchten Artikel.

    Ebenfalls interessant ist, dass es vor drei Jahren noch eine Sensation war, Deos mit 24-Stunden-Wirkung auf den Markt zu bringen. Derartiges ist heute selbstverständlich. Und darüber hinaus. Denn 24 Stunden waren den Produzenten und/oder Werbetreibenden nicht genug. Ein Deo musste irgendwann 48 Stunden lang durchhalten. Dann staunte ich nicht schlecht, als ich vor noch nicht allzu langer Zeit im Duft-Regal des Drogeriemarktes Deodorants entdeckte, die eine 72-stündige Wirkung versprachen. Aber auch das ist offenbar noch nicht genug. Seit kurzem auf dem Markt: das Deo mit 96 Stunden Duft- und Frische-Versprechen.

    96 Stunden. Im Kopf musste ich erst einmal ausrechnen, von wie vielen Tagen wir hier sprechen. Das sind vier Tage. Wenn ich mich verabrede, sage ich nie „Wir sehen uns in 96 Stunden“ sondern „Wir sehen uns in vier Tagen“. Auf die Frage „Wie lange hast du denn Urlaub?“ antworte ich mit „Leider nur vier Tage“ und nicht „Leider nur 96 Stunden.“ Man ahnt, worauf ich hinaus möchte. 96 Stunden ist keine umgängliche Zeitangabe und dient damit noch offensichtlicher nur dem Versuch, mit einer möglichst großen Zahl zu beeindrucken.

    Doch auch wenn man davon ausgeht, dass ein Deo wirklich 4 Tage lang die Achselhöhlen davor bewahrt unangenehme Gerüche abzugeben – im Ernst, wer will das denn? Bedeutet das Versprechen doch für so manchen: „Oh klasse, ich muss mich 4 Tage lang nicht mehr duschen oder waschen.“ Und in einem solchen Fall möchte ich mir nicht einmal vorstellen, wie andere Körperpartien, die weder Deo noch Wasser und Seife abbekommen gären und duften.

    Oder anders gefragt: Wer ist die männliche Zielgruppe, die es vier Tage lang nicht schafft, sich zu waschen? Expeditionsteilnehmer? Raumfahrer? Irakische Geiseln?

    Ein wenig erinnert diese Jagd nach noch mehr Stunden Wirksamkeit an die Digitalkamera-Industrie, die noch immer versucht, Kunden mit noch größeren Megapixel-Zahlen in ihren Objektiven zu locken. Und das, wo mittlerweile bei jedem Handy-Knipser angekommen sein sollte, dass mehr Pixel nicht gleich bessere Fotos bedeuten (sondern genau das Gegenteil). So ist längere Deo-Wirksamkeit auch nicht mit angenehmerem Klima in der vollen U-Bahn gleichzusetzen.

    Deshalb ist die Antwort auf die Frage nach dem besten Deo für Männer nur für jeden persönlich zu finden. Die Antwort auf die Frage nach dem schlechtesten Deo ist aber für alle eindeutig. Es ist das Deo, das den Männern einzureden versucht, ihre Hygiene vergessen zu können. Pfui.

    P.S.: Ich frage mich indes auch, wie die Hygiene des Mannes in drei Jahren aussehen wird. Mir graut schon jetzt. Wie viele Stunden sind drei Jahre?

  • Der Schrank

    Der Schrank wog schwer in seinen Händen. Er hatte sich gar nicht mehr an sein hohes Gewicht erinnert. So lange hatte er in dem Keller gestanden. Vor sich hin gestaubt und gewartet, dass etwas passierte. Nun war es passiert. Der Schrank war verkauft. Und er trug den Schrank mit dem Käufer durch den langen Flur. Eigentlich hatte der Käufer den Schrank gar nicht erstanden. Seine Frau war es, wie er keuchend und hustend erzählte. Und, so fuhr er fort, er hatte ihr gesagt, das Angebot nicht anzunehmen. Schließlich wüsste er, was so ein Möbelstück kostete und es war ihm nicht wohl dabei, es für so wenig Geld zu erstehen. Auch wenn ihm klar war, dass es in Internetauktionen nur darum ging, Dinge für so wenig Geld wie möglich zu kaufen, so war ihm nicht wohl dabei, diesen schweren, dunklen Schrank gleich für sechs Euro und fünf Cent in sein Auto zu verladen. Er hätte dem Verkäufer lieber die Chance gegeben, den Verkauf noch einmal zu versuchen. Mehr heraus zu holen. Wenigstens zehn oder zwanzig Euro hätten doch drin sein müssen. Aber dazu kam es nicht. Gemeinsam hievten sie den Schrank durch die Tür, trippelten in kleinen Schritten über den Parkplatz zu einem Kombi mit geöffneter Heckklappe, wo die Frau des Käufers bereits den Kindersitz verstaut hatte um Platz zu schaffen. Die beiden Männer stellten das Möbelstück ab. So, sagte die Frau, das wären dann sechs Euro fünf, nicht wahr? Hier bitte. Und mit diesen Worten überreichte sie genau diesen Betrag. Auf den Cent genau. Der Verkäufer nahm das Geld, steckte es in seine Tasche und sah herüber zu dem anderen Mann. Der auf den Boden starrte, vor Scham am liebsten in den Schrank gekrochen wäre und nicht die Socken in der Hose hatte, um den Betrag wenigstens auf volle zehn Euro aufzurunden. Peinlich berührt verabschiedete er sich. Und knurrte seine Frau an, dass sie sich mal etwas einfallen lassen sollte, wie das überraschend große Teil in das Auto passen sollte. Der Verkäufer ließ die beiden ratlos auf dem Parkplatz zurück. Hätte man genau hingesehen, so wäre einem bestimmt das leichte Kopfschütteln aufgefallen.

  • Fahrrad geklaut

    Dumm ist es, einen Fahrradkeller nur als vergitterte Abstellfläche zu bauen. Im Hinterhof. Verborgen vor jeglichen Blicken. Aber einsehbar für jeden, der daran vorbei läuft. Und dadurch abschätzbar, welche Werte darin stehen. Gesichert nur durch ein normales Schloss. Man könnte auch frisches Fleisch in einen Korb legen und den hungrigen Löwen hinstellen. Irgendwann werden sie den Korb – von der Verlockung getrieben – geöffnet haben.

    Dumm ist es, sein Fahrrad in diesen „Fahrradkeller“ zu stellen und sich sicher zu fühlen.

    Dumm ist es, sein Fahrrad verkaufen zu wollen, die ersten Angebote aber nicht anzunehmen, weil man hofft, noch bessere zu bekommen.

    Dumm ist es, wenn der „Fahrradkeller“ schließlich aufgebrochen und das Rad gestohlen wird. Kurz vor dem möglichen Verkauf.

    Richtig dumm ist es, wenn man dann erst feststellt, die Hausratversicherung noch immer nicht abgeschlossen zu haben, deren Antrag seit Monaten auf eine Unterschrift wartet.

    Gar nicht dumm ist es, wenn der Dieb dieses Fahrrads böse stürzt und sich alle Zähne dabei ausschlägt und mindestens beide Beine bricht. Ja, das wäre alles andere als dumm.

  • Vorsätzlich

    Zu Silvester ist es Brauch, sich gute Vorsätze für das kommende Jahr zu machen. Meist werden sie nicht eingehalten und irgendwie weiß auch jeder, dass es nichts bringt, sich an einem willkürlichen Datum wie dem 31.12 etwas für das komplette neue Jahr vorzunehmen. Dennoch tun es die meisten. Wichtig dabei ist, ganz im Vergleich zum Sternschnuppen-Wünschen, die Vorsätze laut und deutlich auszusprechen, so dass ein jeder sie hören und einem ein Jahr später um die Ohren pfeffern kann, wenn man sie nicht eingehalten hat. Das Schöne an einem Blog ist: ich kann das in aller Öffentlichkeit tun.

    Dass (ein Großteil von) 2009 mein persönlich beschissenstes Jahr überhaupt war, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Umso wichtiger wiegen meine vier Vorsätze für 2010. Sie sind wichtig für mich. Als Beweis für.. nunja, das kann ich sagen, wenn ich es geschafft habe. Vermutlich nur als Beweis, es schaffen zu können. Bitte fragt im September nochmal, wie weit ich mit meinen Vorsätzen gekommen bin und schlagt mich im Dezember, wenn ich nicht wenigstens einen davon umsetzen konnte.

    1) Ich möchte endlich wieder Gitarre spielen. Diesen Wunsch trage ich nun schon seit so vielen Jahren mit mir herum und irgendwann vor langer Zeit nahm ich sogar an einem Einsteigerkurs teil. Das Wissen von damals ist mittlerweile komplett verschwunden. Es wäre also nötig, wieder ganz von vorne anzufangen. Das nehme ich mir für 2010 vor.

    2) Ich möchte Spanisch lernen. Und ehrlich gesagt, frage ich mich hin und wieder, weshalb eigentlich. Ich könnte auch mein Englisch aufbessern, Italienisch lernen oder Russisch. Aber ich entschied mich für Spanisch. Zwei der wichtigsten Sätze kann ich bereits (Ja, ich habe sehr viel gelernt im letzten Jahr, unter anderem auch dies): „Necesito un beso“ und „Te chiero tus ojos“ Ich möchte 2010 endlich einen Spanischkurs machen.

    3) Ich möchte mich in einem Ruderverein anmelden. Sport tut Not, aber da mir Schwimmen Nackenprobleme bereitet und ich mit Joggen nun gar nichts anfangen kann (trotz schweineteurer Schuhe), erinnerte ich mich an das Rudern. Ich habe immer gern gerudert, selbst wenn es nur an den entsprechenden Maschinen im Fitness-Studio war. Rudern ist perfekt für den Oberkörper und den Rücken. Es ist entspannend oder auspowernd. Und ich stelle mir die Einsamkeit auf dem Wasser, während man im Flow der Bewegung ist, als beruhigend Zen-artig vor. Ich möchte 2010 regelmäßig rudern gehen.

    3.5) Das Gesamtziel ist natürlich mehr als offensichtlich: Ich möchte ein muskelbepackter Gitarrenspieler werden, der am Lagerfeuer spanische Liebeslieder schmettert. Ein Scherz.

    4) Der letzte und wichtigste Vorsatz. Und da er die größte Bedeutung für mich hat, habe ich ihn direkt einmal abgeändert. Ursprünglich war der Vorsatz 2010 glücklich zu werden. Doch was heißt das? Wann ist man das? Was bedeutet glücklich? Und wie lange? Habe ich es geschafft, wenn ich eine Woche glücklich bin? Zuviele Fragen, die nicht beantwortet werden können. Deshalb lautet mein wichtigster Vorsatz für 2010 schlicht und einfach:

    4) Ich möchte lieben. Ich möchte richtig und ehrlich lieben und im Idealfall dieses Gefühl erwidert bekommen. Alles weitere (auch das mit dem Glück) findet sich dann von alleine. Denn letztlich will ich die spanischen Liebeslieder auf meiner Gitarre nur für eine Frau spielen. Die ich von ganzem Herzen liebe. Kein Scherz.

    Ich habe noch 363 Tage Zeit! Ich schaffe es.

  • 60 Stunden Solitaire

    Der Name Solitaire stammt aus dem französischen und bedeutet „Allein“. Und er bezeichnet unter anderem ein populäres Kartenspiel, das natürlich allein gespielt wird. Man versucht dabei Ordnung in ein Chaos von herumliegenden und verdeckten Karten zu bringen. Auf meinem iPhone habe ich eine Variante dieses Spiels und die darin befindliche Statistik sagt, ich hätte in den letzten Wochen insgesamt 60 Stunden gespielt. Zweieinhalb Tage habe ich demnach nichts anderes getan, als Karten aufzudecken, sie zu ordnen und zu versuchen, Ordnung in das Chaos zu bringen. Zweieinhalb Tage meines Lebens. Nur für ein Spiel. Es bedarf keiner großen Phantasie um die Metapher zu erkennen, die ich hier zu beschreiben versuche.

    Vor etwas mehr als zwei Monaten zog ich mich aus dem Netz zurück. Quasi komplett, bis auf E-Mail und das Chatprogramm Skype, das mich nicht völlig von meinen Kontakten Abstand nehmen ließ. Selbst mein Blog ließ ich zurück. Dieser Schritt war wohl überlegt, nötig und richtig. Ich bereue ihn nicht. Ich habe die letzten zwei Monate genutzt, Ordnung in das Chaos zu bringen, unaufgedeckte Karten zu betrachten und zu versuchen, endlich Klarheit zu erlangen. Was soll ich sagen, es ist mir zu einem großen Teil gelungen und zu einem noch größeren noch nicht. Ich starte das neue Jahr 2010 mit vielen Erkenntnissen, mit vielen Plänen und mit einem Berg an Arbeit. Und ich kehre zurück ins Netz.

    Ab sofort möchte und werde ich wieder bloggen. Das Schreiben hat mir schon immer geholfen, bereits damals, als ich aus Liebeskummer meinen ersten Roman verfasste. Schreiben gehört zu mir. Ich habe es sehr vermisst. Allerdings werde ich unter anderen Voraussetzungen bloggen. Meine Geschichten bleiben persönlich, das Blog wird weiterhin deutlich als mein Blog zu erkennen sein. Aber ich setze mich nicht mehr unter Druck damit. Ich schreibe nur noch, wenn mir etwas einfällt und meine Kreativität mich nicht im Stich lässt. Ansonsten nicht. Bloggen soll Spaß machen und diesen Spaß versuche ich wieder zu finden.

    Auch das Design hat sich geändert. Nunmehr noch minimalistischer. Damit möchte ich ein Zeichen setzen, dass es mir in meinem Blog einzig und allein um Texte und Fotos geht. Der ganze „Social-Kram“, die ganzen technischen Spielereien bleiben absichtlich außen vor. Hier gibt es nur was zu lesen, nichts zu spielen.

    Ich habe auch meinen Facebook-Account reaktiviert. Und auch dies ist wohl überlegt. Mein Rückzug von allen Kontakten (bis auf Skype) sollte mir helfen, mich wieder auf mich zu besinnen. Um zu erkennen, was ich eigentlich möchte und wohin ich möchte. Denn diese Frage umtrieb mich das ganze Jahr 2009 und führte mich von einer Katastrophe in die nächste (oder nächst schlimmere). Nun, da ich erste konkrete Antworten gefunden habe, sehe ich keinen Sinn mehr darin, mich abzukapseln. Ich möchte mich der Welt wieder öffnen, auch wenn es nur eine virtuelle, technische Welt ist. Ich öffne mich auch nur auf einer Plattform und weit vorsichtiger und unter anderen Vorzeichen. Was ich damit meine, werden die lieb gewonnenen Menschen, die ich durch das Netz finden durfte, bald bemerken. Twitter allerdings lasse ich derzeit noch in der Schublade. Die Gründe dafür erkläre ich vielleicht irgendwann.

    Wundervoll ist, dass ich das neue Jahr nicht unglücklich beginnen muss. Wo ich an einer Stelle Freunde verlor, kamen auf der anderen Seite neue dazu. Und mehr als das. Ich bin unendlich froh, diese geliebten Menschen um mich zu wissen. Zu wissen, dass sie sich kümmern, sich sorgen und dass ich so manche Karte nicht alleine einordnen muss. Und die restlichen Karten – da ist die Hoffnung größer denn je, auch das allein zu schaffen. Und währenddessen spiele ich Solitaire.

  • Von Fusseln und Flüssigkeiten

    Über Realismus in Filmen diskutiere ich schon lange nicht mehr. Filme sollen nicht realistisch sein. Filme sind dazu da, mich in fremde Welten zu entführen, mich Abenteuer miterleben zu lassen, mir Dinge zu zeigen, die es so gar nicht geben kann. Filme sind Märchen, Träume, Erfindungen und haben nichts mit Realismus zu tun. In seinen eigenen Grenzen natürlich. So habe ich kein Problem damit, wenn Superhelden alle Gesetze der Physik auf den Kopf stellen, denn im Rahmen der Geschichte sollen, können und dürfen sie das. Auch ein James Bond vollbringt im Film Dinge, die kein Mensch so zustande brächte. Würde er allerdings aus eigener Kraft davon fliegen und übermenschliche Kräfte bekommen wie Superman, so würde er dadurch seinen eigenen Realismus-Rahmen sprengen. Für mich wäre das dann inakzeptabel. Jeder Film bestimmt seinen eigenen Realismus-Rahmen. Wer auch immer ins Kino geht und beim Hinausgehen sagt, das sei völlig unrealistisch gewesen, verdient nichts als mein Mitleid, denn er hat das Prinzip Kino nicht verstanden.

    Worauf ich damit hinaus möchte? Nun, es gibt bei aller Liebe dennoch immer wieder Aspekte im Film, die mich Kopfschütteln lassen. So kann ich bis heute nicht verstehen, wie Personen im Film sich ein Bad einlassen, in der Wohnung herum laufen, Dinge erledigen, wieder ins Bad kommen, sich entkleiden und dann einfach so in das heiße Wasser steigen können. Wenn ich meine Socken ausziehe, so klebt an ihnen etwa ein Pfund Fusseln, die alsdann wie in einer Schneekugel mit schwarzen Flocken im Wasser herum treiben. Auch wenn ich barfuß bin und in der Wohnung umher laufe, nehme ich allerhand Krümel, Fussel und Haare mit in das Badezimmer. Helden im Film scheint das nie zu passieren. Sie müssen in einer komplett fusselfreien Welt leben. VÖLLIG UNREALISTISCH.

    Auch beim Thema Sex habe ich bis dato noch nie gesehen, dass die beiden Liebenden sich nach dem Akt Sorgen um diverse Flüssigkeiten machen. Da wird kaum geschwitzt, da wird nach dem Orgasmus nicht nach Taschentüchern, Handtüchern oder Küchenrollen in greifbarer Nähe gesucht. Da wird auch nicht aufgestanden, um zumindest ein wenig den entstehenden nassen Fleck auf der Matratze zu vermeiden. Nein, im Film zieht man das dünne Laken einfach wieder hoch (bei Frauen bis zum Hals, bei Männern grundsätzlich nur bis zum Bauchnabel) und niemand beklagt sich darüber, dass es unangenehm feucht ist. Körperflüssigkeiten sind beim Sex im Film niemals Thema. VÖLLIG UNREALISTISCH.

    Ok, ich könnte natürlich wetten, dass Superman völlig fusselfreie Füße hat (vermutlich weil er über dem Schmutz schwebt) und trocken ejakuliert. Ich muss nur lernen, auch dies in den Realismus-Rahmen mit einzubeziehen.