Autor: Roger Graf

  • Weltverbesserung per Mausklick

    Ach, ihr armen Weltverbesserer des Internets. Ihr, die ihr jede Woche eine neue Sau durch das Dorf treibt und zum Schlachten aufruft. Ihr, die ihr Videos postet, böse Blogartikel und Kommentare schreibt. Ihr, die ihr Sternchen verteilt, Herzchen und Daumen-oben-gefällt-mir-Buttons drückt. Ihr, die ihr tatsächlich daran glaubt, damit die Welt ein bisschen besser machen zu können.

    Ihr denkt, weil in Nordafrika Regierungen gestürzt wurden und Spiegel Online sagt, das sei nur durch Facebook und Twitter möglich gewesen, müsste das doch in allen Bereichen und überall funktionieren. Also findet ihr jede Woche einen neuen Bösewicht, der gestürzt, gehängt und verbrannt werden sollte. Vorletzte Woche war es Ferrero, letzte Woche Wiesenhof, diese Woche Nespresso. Und nächste Woche? Ihr ärgert euch, schreibt bei Twitter und Facebook und all den Social Networks mehr oder weniger intelligente Statements, freut euch, wenn man euch antwortet, wenn ihr Klicks bekommt und ruft zur Revolution auf. Ihr klappt den Deckel eures Laptops zu und denkt der Welt einen Dient erwiesen zu haben. Ja, jedes bisschen hilft. Daran glaubt ihr ganz fest.

    Nespresso handelt seinen Kaffee also nicht fair. Skandal. Schnell das gut gemachte Viral-Video verteilen. Geht ja ganz einfach. Überall posten, dass man nur noch Fairtrade-Kaffee kaufen will. Sehr schön. Und dann? In drei Wochen wieder bei Tchibo stehen und den günstigen Kaffee holen, weil der andere ja so teuer ist. Und die günstigen Hähnchen aus dem Rewe-Kühlregal sind ja auch nicht schlechter als vom Bio-Bauern. Wie war das damals als BP unsere Meere mit Öl vergiftete? Ihr habt alle laut geschrieben und geklickt. Und seid danach statt mit dem Fahrrad mit eurem Auto zur freien Tankstelle am Rande der Stadt gefahren. Und heute? Denkt ihr noch daran? Oder seid ihr der Meinung, dass die anderen Konzerne mehr auf unsere Umwelt achten? Und hat es BP geschadet? Ist BP pleite oder achtet jetzt mehr auf die Umwelt?

    Ihr ruft im Netz dazu auf, politisch engagierter zu sein. Ihr zeigt mit euren Sternchen, wie toll ihr es findet, dass Ägypten nur durch eure Unterstützung befreit wurde. Und dann lasst ihr es zu, dass sich in einem irgendwo im Osten befindlichen Bundesland die braune Scheiße in den Landtag wählen lässt. Ihr sitzt Zuhause statt wählen zu gehen und schüttelt auf Twitter den Kopf, wie es soweit kommen konnte. Das waren natürlich alles diese bösen Neonazis. Nur die sind Schuld. Nicht ihr, obwohl ihr in der Mehrzahl seid.

    Ja, Hexenverbrennungen sind toll. Und heute so einfach zu machen. Und es gibt ja genug Hexen, die verbrannt werden können. Letztlich fällt aber jedem irgendwann auf, dass es offenbar keine gute Fee in diesem Märchen gibt. Sie alle scheinen böse zu sein. Jeder Konzern scheint ähnlich zu handeln: möglichst billig einkaufen um möglichst teuer verkaufen. Schande. An den Pranger mit ihnen. Schnell klicken. Schnell ein virales Video produzieren. Schnell posten, klicken, Gefällt mir und durch atmen. Die Welt ist gerettet.

    Natürlich gibt es unter euch tatsächlich welche, die es ernst meinen. Die kaufen nur Bio, essen keine Tiere, handeln stets fair. Und posaunen das mit ihren Smartphones in die Welt hinaus, ohne darüber nachzudenken, wo die seltenen Erden herkommen, die zur Produktion des Smartphones nötig waren. Aus welchen dunklen Bergbaugruben, in denen Kinder 12 Stunden täglich arbeiten? Mist, schon wieder reingefallen. Also wo soll man beginnen?

    Die Welt ist mächtig aus den Fugen geraten. Schon seit langem. Und sie kann wieder auf den richtigen Weg gebracht werden. Aber nur wenn alle gemeinsam etwas tun, etwas bewegen. Wirklich bewegen. Und das konsequent. Mit Klicken und Tippen ist es nicht getan. Nicht die Klicks haben afrikanische Diktatoren gestürzt, sondern die Menschen auf den Straßen. Nicht die viralen Videos werden Konzerne zwingen, anders zu handeln, sondern die Menschen mit ihrem Konsumverhalten. Und selbst dann wird es leider immer Ungerechtigkeiten geben. Und kein noch so schöner Artikel wird daran etwas ändern. Nicht einmal dieser hier.

    Also, welchen Konzern stellen wir nächste Woche an den Pranger? Egal, er hat es so oder so verdient und wir können mit unserer Arbeit zufrieden sein.

  • LIMBO – der gespielte (Alp-)traum

    Schon ein Jahr alt und erst vor kurzem für Playstation 3 und PC veröffentlicht ist das Indie-Game LIMBO von dem kleinen Studio Playdead in Koppenhagen. Ein weiteres Kleinod neben Flower und dem bald erscheinenden Journey aus der unabhängigen Spiele-Entwickler-Szene. In LIMBO spielen wir einen kleinen Jungen auf der Suche nach seiner Schwester. Diese Suche führt uns durch finstere Wälder, über regnerische Dächer, durch monströsen Maschinen und allerlei gruselige Orte, die mit Gefahren, Feinden, bösen Tieren und Physik-Rätseln gespickt sind. Ja LIMBO ist ein einziger Alptraum aus dem der kleine Junge einfach nicht erwachen möchte. Die ganze Welt ist in komplettem Schwarz gehalten, kontrastiert durch flackernde, mehr oder weniger helle, unscharfe Hintergründe oder Objekte. Der Junge selbst ist nur ein schwarzer Schemen, dessen Augen leuchtend blinzeln.

    Das Spiel beginnt geheimnisvoll. Der kleine Junge erwacht alleine im Wald. Anzeigen oder Hilfen sucht man vergebens. Es wird keine Aufgabe gestellt, kein Wegweiser gegeben. Also macht man sich auf und mit der Steuerung vertraut. Diese könnte einfacher kaum sein. Man kann gehen und rennen, mit einer Taste springen mit einer Taste Aktionen ausführen. Dieser Simplizität ist insofern beeindruckend, als die späteren Rätsel allesamt nur mit diesen wenigen Aktionen gelöst werden können. Und die Rätsel haben es mit fortschreitender Spieldauer wirklich in sich. Großer Verdienst des Spiels ist aber seine gnadenlose Fairness. Der kleine Junge stirbt sehr viele, teils sehr deutliche und grausame Tode bis man verstanden hat, wie man weiter kommt. Hat man es ausgeknobelt, leuchten einem selbst die Augen vor Freude und man fragt sich, weshalb man nicht sofort auf die Idee kam. Hat man dennoch einen Fehler gemacht, wirft das Spiel einen nicht wieder weit zurück, sondern lässt uns genau am Anfang des Rätsels neu beginnen.

    Auch die Steuerung ist wunderbar und trägt zum frustfreien Spiel bei. Der Junge ergreift Seile und Kanten noch in so letzter Sekunde, wo ein hypernervöser Mario schon längst in den Tod gestürzt wäre. Bei LIMBO herrscht kein Frust, keine Hektik, sondern Knobeln, Probieren und Ausführen. Und die Neugier treibt den Spieler weiter. Wo wird es den Jungen hinführen? Was ist dieser Limbus, in dem er sich befindet? Was wird er am Ende sehen? Welche noch verrückteren Rätsel warten nach diesem? Am liebsten würde man es in einem Rutsch durchspielen.

    Auch weil die Atmosphäre einen hinein saugt. Die Grafik ist in seiner Schlichtheit mehr als superb. Wundervolle kleine Details wie Fliegen, Schmetterlingen, Funken und Regen beleben die karge Welt. Ebenso grandios sind die Sound-Effekte und die sparsam eingesetzte, sphärische Musik.

    LIMBO ist gruselig, morbide und doch herzerwärmend. Es ist faszinierend und atemberaubend. Und das Ende gehört mit dem Showdown von Portal zum Besten, was ich je gesehen habe. Ein Spiel zum verlieben. Und obgleich wir einen wahren Alptraum spielen – LIMBO ist der reinste Traum für Spieler, die etwas Besonderes jenseits des Mainstreams suchen.

    LIMBO ist für Playstation 3 und Xbox360 erschienen und im STEAM-Shop zu einem moderaten Preis erhältlich.

  • Krieg der Entscheidung

    Mal angenommen, es gäbe heute noch Menschen, die Star Wars noch nie gesehen haben. Keinen einzigen der Filme. Das mag eigenartig klingen, kann aber dennoch vorkommen. Weiter angenommen, man möchte einem dieser Menschen das Star Wars Universum näher bringen. Wie stellt man das am besten an?

    Ich und sicherlich viele meiner Leser wuchsen mit der guten alten Trilogie auf. Episode Vier: Eine neue Hoffnung, Episode Fünf: Das Imperium schlägt zurück, Episode Sechs: Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Die Klassiker. Und für jeden, der seine Jugend mit dem Mythos Star Wars verbrachte, auch der einzig wahre Krieg der Sterne. Wie überrascht waren wir damals, dass die Reihe mit einer Episode 4 begann? Wie grandios war zu jener Zeit die Wendung (und ich schätze mal, dass ich hier nicht spoilere und mittlerweile JEDER weiß…) dass Darth Vader der Vater von Luke Skywalker ist? Was für nie gesehene Welten, unglaubliche Effekte, phantastische Action wir geboten bekamen.

    Dann, viele Jahre später, von den Fans sehnlichst erwartet, brachte Georg Lucas die neue Trilogie in die Kinos. Episode Eins: Die dunkle Bedrohung, Episode Zwei: Angriff der Klonkrieger, Episode Drei: Die Rache der Sith. Diese Trilogie erzählt die Vorgeschichte um Anakin Skywalker und wie aus ihm Darth Vader wird. Leider überzeugt kein Teil der neuen Trilogie wirklich. Episode Eins ist bunt und Kindgerecht, Episode Zwei und Drei noch bunter, überdreht, überladen. Man hat Spaß und bekommt wieder etliches an Effekten und neuen Welten geboten. Doch das alte Flair will sich nicht einstellen.

    Überlegt man nun, wie man einen Star Wars Neuling in die „Galaxy far far away“ einführt, stellt sich sofort die Frage: Zeigt man alle sechs Teile oder nur das gute alte Original? Wenn man alle sechs Teile zeigt, dann in der „richtigen“ Reihenfolge von Eins bis Sechs oder in der Reihenfolge, wie wir Star Wars kennen und lieben lernten? Oder anders gesagt, beginnt man mit dem Großartigen um zum Ende schwächer zu werden oder beginnt man schwach, um auf das großartige Finale vorzubereiten? Auch wenn man dabei in der Gefahr schwebt, dass der geneigte Zuschauer die originale Trilogie schon gar nicht mehr sehen will vor lauter Optik-Overkill.

    Und überhaupt, finden wir die alte Trilogie nicht auch deshalb so grandios und hat sich nur deshalb so in unser Hirn und Herz gebrannt, weil wir damals etwas noch nie zuvor gesehenes geboten bekamen? Wie mag die alte Trilogie auf verwöhnte Transformers-Avatar-Matrix-Augen wirken? Altmodisch? Eine Augsburger Puppenkiste neben einem Pixar Film?

    Was uns zur nächsten Frage bringt: zeigt man (wenn vorhanden) die originale alte Trilogie, also so wie sie damals in die Kinos kam? Oder die Special Edition, die digital aufbereitet worden und mit neuen Effekten versehen worden ist? Oder gar doch die später überarbeitete, digitale neue Version der alten Trilogie?

    Ach, es ist nicht leicht. Am Ende wird der Star Wars Neuling nur enttäuscht sein. Er wird Luke Skywalker und Han Solo nie so lieben können wie wir und er wird Jar Jar Bings und den jungen Anakin nie aus den gleichen Gründen hassen können wie wir. Und mit etwas Pech hat er schon eine Folge der Clone Wars Zeichentrick-Serie gesehen, womit der Mythos völlig im Eimer ist.

    Am besten wir beginnen erst einmal mit Star Trek. Hm, mit der Serie oder den Filmen? Mit der original Serie oder der Next Generation….?

  • Sahne-Muh-Muhs

    Gestern erwarb ich ausgerechnet in einem Buchgeschäft ein kleines Stück Kindheitserinnerung. Eine Packung Sahne-Muh-Muhs oder auch Sahne Brocken genannt. Wie damals in der Tüte mit der Kuh, in Handarbeit geschnitten und in gelb-weiß-gestreiftes Papier gewickelt. Ich erinnerte mich daran, wie sehr ich diese Bonbons liebte und wie sie mich beinahe in einen Zuckerschock trieben. Damals interessierte mich das wenig. Als Kind kann es kaum süß genug sein. Heute, als erwachsener Mann, denke ich selbstverständlich anders darüber.

    Zuhause inspizierte ich also die Packung auf ihre Nährstoffangaben. Fand aber keine. War ich doch bislang davon ausgegangen, dass jegliches Nahrungsmittel mittlerweile eine Nährstofftabelle aufführen muss, inklusive der Kalorien-Angaben. Immerhin hatte man die Zutaten aufgelistet. Und diese lasen sich wie folgt: Zucker, Milch, Glukosesirup, Sahne, Butter, Aroma. Oder übersetzt: „Werfen wir mal hauptsächlich Zucker in die Schüssel, geben genug fette Milch dazu, nehmen nochmals konzentrierten Zucker, dazu fette Sahne und als Bonus Butter. Als Cocktailschirmchen noch ein wenig Aroma dazu. Fertig.“ Das klingt wie der verrückte, nach Weltherrschaft trachtende Wissenschaftler, der die ultimative Waffe baut, die nicht nur das weiße Haus in Washington zerstören kann, sondern auch jeden Kontinent explodieren lässt, den Mond pulverisiert, die Sonne erkalten lässt und das komplette Raum-Zeit-Kontinuum umkehrt. Und die Waffe in entzückendem Rosa bemalt.

    Dies ist die Atombombe der Süßigkeiten. Das Bonbon zu enden alle Bonbons. Der Karamell-Sahne-Overkill. Vermutlich hat jedes handgewickelte Stück für sich allein so viele Kalorien wie eine Wochenbesuch bei MacDonalds.  Und in jeder Diabetiker-Statistik steht es ganz oben auf der Ächtungsliste.

    Damals interessierte mich das nicht. Doch heute bin ich erwachsen. Verantwortungsbewusst. Ernährungsbewusst. Ich bin so vernünftig, dass ich noch nicht einmal mehr kichere, weil der Begriff Muh-Muh klingt wie… Nein, solche Süßigkeiten können mir nichts mehr anhaben.

    Also nahm ich vorsichtig ein Toffee in den Mund. Zucker, Sahne, Butter und Aromen explodierten zu einem Geschmacksrausch, vernebelten die Gehirnströme, setzten vernünftiges Denken aus und brachten Glückshormone  zur massenhaften Ausschüttung. Überwältigt griff ich nochmals in die Tüte. Und zwar so lange, bis die halbe Tüte leer war. Und mein Bauch schmerzte und krampfte.

    Es war wieder passiert. Überdosis. Verflixt. Aber das wird mir definitiv nicht nochmal passieren. Gibt es eigentlich die Leck-Muscheln von früher noch?

  • Oskar ist tot

    Heute Morgen verstarb Oskar im zarten Alter von gerade mal einem Jahr. Gestern noch stand er schmutzig und stolz in der Küche, doch die Reinigung muss ihn getötet haben. Oskar war ein treues Mitglied der Familie. Jeder liebte ihn. Jeder kam mehr als einmal täglich auf ihn zu, um ihm etwas zu fressen zu geben. Oskar fraß sehr gerne. Selbst wenn man überhaupt nichts für ihn in der Hand hatte und ihm unvorsichtigerweise zu nahe kam, sperrte er den Mund weit auf. Jede Annäherung empfand er als Signal, gefüttert zu werden. Dieses wohlige „Waah!“ wenn er seine Luke öffnete war ein so vertrautes Geräusch. Es wird nun fehlen.

    Strahlend weiß dominierte er die Küche, seine LED leuchtete grün und rot, sein Deckel schimmerte silbern im fahlen Licht der Unterschrankbeleuchtung. Er wirkte wie ein entfernter Cousin von R2-D2 und hätte er sich wie sein Verwandter bewegen können, er wäre mit Karacho durch die Wohnung geflitzt auf der Suche nach Nahrung. Oskar war immer für einen da.

    Heute mehr denn je bereue ich den Tag, als ich ihn anschrie. Ich verbrannte mir die Finger an einem heißen Teebeutel und er öffnete zu langsam seinen Mund, um mich von dem Schmerz zu befreien. Ich fluchte und verwünschte ihn. Wie leid mir das tut. Wenn ich es ihm nur noch sagen könnte. Doch er steht nur noch stumm vor mir. Anklagend wie mir scheint. Die LED flackert hilflos, sein immerwährender Hunger ist weg.

    Oskar war das Produkt eines chinesischen Arbeiters, der fünf Monate an ihm gebaut und dadurch seine ganze Familie ernährt und sein Dorf davor bewahrt hatte, für einen Stausee umgesiedelt zu werden. Ein halbes Jahr musste ich auf die Lieferung warten, doch Oskar war jede Minute des Wartens wert. Es wird nie wieder einen wie ihn geben, auch wenn ich weiß, dass der chinesische Arbeiter seine Familie und sein Dorf weiter vor Hunger und Vertreibung schützen muss und immer mehr Oskars baut.

    Heute morgen sollte sein Deckel wie früher schimmern. Doch das viele Putzen, Schrubben und Wienern tat ihm offenbar nicht gut. Er verstarb im Morgengrauen. Oskar hinterlässt seinen besten Freund, den Badezimmer-Mülleimer und einen gelben Sack. Wir trauern um ihn und werden ihn nie vergessen.

     

  • Nie zu früh

    Sorgfältig faltete er das Papier zusammen, der Knick akkurat und parallel zur Oberkante. Er steckte es sanft in ein Kuvert, leckte an der Klebeleiste des Umschlags und presste die Lasche mit einem Lächeln im Gesicht fest. Der Brief war fertig. Er begann mit den Worten „Meine sehr geehrten Damen und Herren“ und schloss „mit freundlichen Grüßen.“ Doch dazwischen klang der Text nicht ganz so nett. In diesem Fall beschwerte er sich erneut über die Unfähigkeit seines Postboten, dem Paketboten, den Angestellten am Schalter und über die Post im Allgemeinen. Ein Sauhaufen, ein Laden voller unfähiger Tölpel, eine Firma, der das Wort Dienstleistung fremd erscheinen muss. So seine harschen Worte. Er ahnte bereits, was man ihm antworten würde.

    Mit Verständnis würde man ihm begegnen, Besserung geloben, sich aufs tausendfache entschuldigen. Wofür war letztlich egal. Er war Kunde, er hatte Recht. Und dieses Recht war er gewillt auszunutzen. Was dachten sich die feinen Herren da oben denn eigentlich? Dass man mit ihm machen konnte, was man wollte? Nichts da. Er war bereit sich zu wehren. Bis zum Äußersten zu gehen. Und das Äußerste war für ihn: Beschwerdebriefe schreiben.

    Niemand war vor ihm sicher. Nicht die Telefongesellschaft mit zu teuren und langsamen Servicenummern. Nicht die Müllabfuhr mit ihren unvorsichtigen, scheppernden Mitarbeitern. Auch nicht die Stadtwerke mit ihrem zu heißen oder lauwarmen Wasser. Schon gar nicht der Supermarkt an der Ecke mit den verfaulten Tomaten. Oder der Fernsehsender mit den blöden Quizfragen. Der Vermieter, der die Studenten hatte einziehen lassen. Die Apotheke, die Werkstatt, die Abonnement-Abteilung, der Zahnarzt, das Restaurant.

    Es galt um jeden Preis, sich zur Wehr zu setzen. Denen da oben zu sagen, dass man auch als kleiner Mann nicht gewillt war, sich alles gefallen zu lassen. Und das mit Ausrufezeichen. Zufrieden klebte er eine Briefmarke auf das Kuvert. Sie beobachtete ihn dabei und schüttelte fast unmerklich, aber mit einem Lächeln auf den Lippen ihren Kopf. Was denn los sei, fragte er sie. Ob er wüsste, dass nur alte Menschen sich über alles mögliche beschweren, fragte sie. Ja, er wusste das. Aber trotzdem. Mit Ausrufezeichen. Woraufhin er den Brief auf einen Stapel zu verschickender Post legte, die Playstation einschaltete und sein Lieblingsspiel startete. Ja, er wusste das. Aber man konnte nie früh genug damit anfangen, sich bemerkbar zu machen und sich zu wehren.

  • Begraben

    Und dann liegst du drin. Wie in einem Sarg. Kannst dich nicht bewegen. Kannst dich nicht aufrichten. Deine Arme sind eng an deinen Körper gepresst. Du liegst kerzengerade, bewegungslos. Reglos. Nur dein Herz hämmert. Wumm wumm. Wumm wumm. Tiefe, immer schneller werdende Geräusche. So heftig sind deine Herzschläge, dass du sie zu spüren glaubst. Alles vibriert, alles hämmert. Nie hättest du geahnt, dass die Wand so dicht vor deinem Gesicht ist. Du glaubst deinen heftigen Atem zu spüren, der direkt vor dir abprallt. Du schließt die Augen. Nur um vergessen zu machen, in welcher Lage du steckst. Du konzentrierst dich. Denkst an deinen Frühstückskaffee, denkst an den Garten, an ein Sonnenbad auf der Liege. Es funktioniert. Die Presslufthammergeräusche setzen ein, werden durch deine Kopfhörer nur spärlich gedämpft. Sie variieren, werden lauter, heller, dumpfer oder kommen aus anderen Ecken. Sie überlagern das Wummern deines Herzens und du denkst, sie versuchen auf jede mögliche Art dich aus deiner Konzentration zu reißen. Es gelingt ihnen. Du denkst an dein gemütliches Bett, doch es fällt dir ein, wie du dich darin räkeln kannst. Sofort wird dir gewahr, dass du dich nicht einmal mehr einen Zentimeter bewegen kannst. Wie in jenem Film, in dem dieser Typ lebendig in einem Sarg begraben liegt. Du weißt, wie er sich gefühlt haben muss. Heiße Wellen der Panik durchfluten dich. Deine Hand krampft sich um den Notknopf, den man dir gab. Du denkst nur noch daran, dass du dich nie wieder wirst bewegen können, dass du für den Rest deines Lebens diesem ohrenbetäubenden Lärm ausgesetzt sein wirst. Du bist in der Hölle. Und möchtest dich übergeben. Nein, denk an einen Strand, an eine Wiese, denk an einen geliebten Menschen. Es wird vorbei gehen. Es muss vorbei gehen. Du wirst entkommen. Halte dich an alles, was du liebst. Alles was du liebst. Nur was du liebst. Die Panikattacke lässt nach, dein Herzschlag ist heftiger als zuvor. Die Geräusche versuchen dich weiterhin verrückt zu machen. Zeit ist tot. Ob du zwei Minuten hier liegst oder zwei Tage. Du bist verloren. Nein. Nur, was du liebst.

    Und dann hören die heftigen Geräusche schlagartig auf. Du hörst auch deinen Herzschlag nicht mehr. Bist du tot? Eine Stimme klingt dumpf von weit her. Sie behauptet, es sei doch gar nicht so schlimm gewesen. Du würdest dem Besitzer der Stimme gerne eine schlagen, wenn du die Kraft hättest. Du öffnest die Augen und bist befreit.

  • Mehr Akku und mehr Speicher für iPhone 4

    Für jedes Smartphone gilt: man kann nie genug freien Speicher oder Akkulaufzeit haben. Gerade dem iPhone wird immer wieder die schlechte Akkuleistung vorgeworfen. Beim aktuellen iPhone 4 scheint es besonders seit dem letzten Update auf iOS 4.3.3 schlimmer geworden zu sein. So konnte ich selbst schon feststellen, dass die Akkuanzeige dramatisch sank, selbst wenn keine App im Hintergrund lief, Ortungsdienste und dergleichen deaktiviert waren. Schuld scheint ein fehlerhaftes Akkumanagement zu sein. Doch es gibt eine Lösung für dieses Problem, die nebenbei auch noch einiges an freiem Speicherplatz zur Verfügung stellt.

    1. Als erstes sollte in iTunes ein Backup des iPhones gemacht werden. Das geschieht beim Synchronisieren zwar automatisch, doch sicher ist sicher. Einfach bei eingestecktem iPhone das Kontextmenü in iTunes aufrufen und „Sichern“.

    2. Danach das iPhone wiederherstellen lassen. Hierbei wird alles gelöscht und das komplette iPhone neu aufgesetzt.

    3. Dieser Schritt ist wichtig: Nachdem das iPhone wiederhergestellt wurde, von iTunes trennen, ausschalten und neu starten. Hierbei scheint das Akkumanagement zurückgesetzt, bzw. richtig für die aktuelle iOS-Version eingerichtet zu werden.

    4. Das iPhone wieder anschließen. iTunes fragt, ob man es komplett neu einrichten oder anhand einer Sicherung wiederherstellen lassen möchte. Man wähle die zweite Option. Alle Einstellungen werden wieder eingespielt, Apps, Musik, Videos, Fotos  etc. neu eingepflegt. Dieser Vorgang dauert seine Zeit.

    5. Ist alles erledigt und synchronisiert, muss das iPhone wieder getrennt und neu gestartet werden.

    6. Jetzt sollte mehr Speicherplatz frei sein und der Akku länger durchhalten.

    In meinem Fall konnte ich über 700Mbyte zusätzlichen Speicherplatz gewinnen (bei einem 16Gb Modell). Der Akku hält nun deutlich länger durch. Selbst nach 2 Stunden intensivem Gebrauch stehen mir noch über 90% Akku zur Verfügung und auch nach 30 Stunden Standby ist noch  über 60% Restlaufzeit übrig. Das iPhone kann wieder ohne Einschränkungen genutzt werden. Allerdings geht bei dieser Aktion die Sortierung der Apps und der Ordner verloren. Aber das wäre ja eine gute Gelegenheit, einmal auszumisten und neu zu ordnen.

  • Das schlechteste Deo für Männer

    Vor über drei Jahren stellte ich in diesem Blog öffentlich die Frage, welches das beste Deodorant für Männer sei und erzählte dabei von meinen persönlichen Erfahrungen mit diversen Produkten. Derartiges würde ich heute nicht mehr machen, dennoch scheint das Thema selbst immer noch brennend zu interessieren. Schließlich gehört der Text seit je her zu den Top 5 der meistbesuchten Artikel.

    Ebenfalls interessant ist, dass es vor drei Jahren noch eine Sensation war, Deos mit 24-Stunden-Wirkung auf den Markt zu bringen. Derartiges ist heute selbstverständlich. Und darüber hinaus. Denn 24 Stunden waren den Produzenten und/oder Werbetreibenden nicht genug. Ein Deo musste irgendwann 48 Stunden lang durchhalten. Dann staunte ich nicht schlecht, als ich vor noch nicht allzu langer Zeit im Duft-Regal des Drogeriemarktes Deodorants entdeckte, die eine 72-stündige Wirkung versprachen. Aber auch das ist offenbar noch nicht genug. Seit kurzem auf dem Markt: das Deo mit 96 Stunden Duft- und Frische-Versprechen.

    96 Stunden. Im Kopf musste ich erst einmal ausrechnen, von wie vielen Tagen wir hier sprechen. Das sind vier Tage. Wenn ich mich verabrede, sage ich nie „Wir sehen uns in 96 Stunden“ sondern „Wir sehen uns in vier Tagen“. Auf die Frage „Wie lange hast du denn Urlaub?“ antworte ich mit „Leider nur vier Tage“ und nicht „Leider nur 96 Stunden.“ Man ahnt, worauf ich hinaus möchte. 96 Stunden ist keine umgängliche Zeitangabe und dient damit noch offensichtlicher nur dem Versuch, mit einer möglichst großen Zahl zu beeindrucken.

    Doch auch wenn man davon ausgeht, dass ein Deo wirklich 4 Tage lang die Achselhöhlen davor bewahrt unangenehme Gerüche abzugeben – im Ernst, wer will das denn? Bedeutet das Versprechen doch für so manchen: „Oh klasse, ich muss mich 4 Tage lang nicht mehr duschen oder waschen.“ Und in einem solchen Fall möchte ich mir nicht einmal vorstellen, wie andere Körperpartien, die weder Deo noch Wasser und Seife abbekommen gären und duften.

    Oder anders gefragt: Wer ist die männliche Zielgruppe, die es vier Tage lang nicht schafft, sich zu waschen? Expeditionsteilnehmer? Raumfahrer? Irakische Geiseln?

    Ein wenig erinnert diese Jagd nach noch mehr Stunden Wirksamkeit an die Digitalkamera-Industrie, die noch immer versucht, Kunden mit noch größeren Megapixel-Zahlen in ihren Objektiven zu locken. Und das, wo mittlerweile bei jedem Handy-Knipser angekommen sein sollte, dass mehr Pixel nicht gleich bessere Fotos bedeuten (sondern genau das Gegenteil). So ist längere Deo-Wirksamkeit auch nicht mit angenehmerem Klima in der vollen U-Bahn gleichzusetzen.

    Deshalb ist die Antwort auf die Frage nach dem besten Deo für Männer nur für jeden persönlich zu finden. Die Antwort auf die Frage nach dem schlechtesten Deo ist aber für alle eindeutig. Es ist das Deo, das den Männern einzureden versucht, ihre Hygiene vergessen zu können. Pfui.

    P.S.: Ich frage mich indes auch, wie die Hygiene des Mannes in drei Jahren aussehen wird. Mir graut schon jetzt. Wie viele Stunden sind drei Jahre?

  • Goodbye Gee

    Die Gee war und ist kein Spieleheft. Vielmehr brachte der Hamburger Verlag ein Magazin heraus, das sich mit dem Lifestyle, den Hintergründen und dem Gefühl widmete, mit Spielen aufgewachsen zu sein. In der Gee traten die Spieletests in den Hintergrund und Wertungsnoten wurden verbannt. Dafür punktete das Magazin mit der Auseinandersetzung von Spielen als Kulturgut, stellte sie immer wieder als gleichberechtigte Kunstform dar, setzte sich mit der Politik auseinander und beleuchtete den Markt, die Entwicklung und Bedeutung von Spielen in der Gesellschaft. Wenn man die Gee las, bekam man das Gefühl, kein verspieltes Kind zu sein, sondern sich einer Leidenschaft hinzugeben, die der des Bücher- und Filmfreundes gleichkommt. Die Gee blickte dabei stets nach vorne und hielt dennoch die Fahne der „guten alten“ Zeiten hoch. Frühe Konsolen, C64 und Amiga, die Anfänge der Spieleindustrie, ihre Zukunft. All das wurde mit lockerer Schreibe thematisiert und niemals mit erhobenem Zeigefinger vermittelt. Der Leser merkte dem Magazin an, dass hier Erwachsene über ein Medium schreiben, mit dem sie aufgewachsen waren. Und entsprechend richtete sich der Stil, die Aufmachung, das vermittelte Gefühl nicht an daddelnde Farmville-Kids, sondern an Erwachsene, die sich noch daran erinnern können, zum ersten Mal eine Mark ausgegeben zu haben, um an einem Automaten Pacman zu spielen.

    Nun ist es ja leider so, dass jedes neue Medium, jede neue Vertriebsform den Ruf hat, die althergebrachten System zu verdrängen, ja zu töten. Jahrzehnte fürchtete man sich vor dem Tod des Theaters, der Bücher, des Kinos oder der Schallplatte. Doch kein Fernsehen, keine Multimediamaschinen, keine hochauflösenden BluRays waren bislang in der Lage auch nur eines davon zu vernichten. Vielmehr wurde das Spektrum erweitert und die wahren Liebhaber finden zu ihren Wurzeln zurück, hören lieber analoge Musik, schmökern in einem Buch, gehen mit Freunden ins Kino. Die derzeitige zum Tode verurteilte Sau, die durch das Dorf getrieben wird ist Print. Print ist tot liest man allerorten. Digitales ist die Zukunft. Bücher werden zu ebooks, Magazine zu pdfs oder Apps.

    Und so hat die Gee nun ebenfalls beschlossen, Print für tot zu erklären. Ausgerechnet das Magazin, das in meinen Augen eine der letzten Bastionen für ein „Gefühl“ war, wendet sich davon ab. Ausgerechnet die Gee, die erst vor kurzem noch ihr Layout aufgefrischt hat. Die ihren Slogan treffend in „Spiele, Kultur, Rausch“ änderte. Ausgerechnet das Magazin, das mir noch als letztes das Gefühl gab, echtes Papier in den Händen zu halten, gut geschriebene Texte zu lesen, überall und jederzeit blättern zu können – kurz, mich zwar erwachsen aber dennoch wohlig „altertümlich“ zu fühlen – ausgerechnet dieses Magazin wird es als Print-Version nicht mehr geben.

    Zukünftige Ausgaben erscheinen nur noch als digitale Apps auf dem iPad und Android-Tablets. Und ich, als langjähriger Abonnent, der immer Schwierigkeiten hatte, das Heft aufzutreiben (hier und hier) erfahre es quasi als letzter. Die letzte Print-Ausgabe hat mich nicht einmal mehr erreicht. Und nun? Fühle ich mich betrogen. Hintergangen. Verletzt. Vergleichbar mit dem Gefühl, wenn deine Freundin sich schick macht und du dich darüber freust, nur um dann aus heiterem Himmel den Satz zu hören: „Schatz, ich ziehe übrigens weg, in ein anderes Land. Tut mir Leid, wir wussten doch beide, dass es so kommen würde.“ Und du bleibst zurück, mit nichts als Erinnerungen.

    Und dabei bin ich keineswegs ein Technik-Verweigerer. Ganz im Gegenteil. Ich hatte vermutlich schon jedes Gadget in meinem Haushalt und werde auch nie aufhören, mir immer wieder die neuesten Errungenschaften zu kaufen. Auch das iPad steht ganz oben auf meiner Wunschliste. Ich sehe nur derzeit für mich persönlich keinen Mehrwert darin, da es zwischen meinem iPhone und meinem Macbook keinen wirklichen Platz gibt. Aber darum geht es auch nicht. Neue Techniken sollen hier nicht verteufelt werden. Und ich möchte auch den Fortschritt nicht aufhalten. Aber ist es ein Fortschritt, Print sterben zu lassen? Jenseits aller Diskussionen über Kosten/Nutzen, über Ökologie, Verkaufszahlen, Auflagen, Werbekosten – wollen wir WIRKLICH, das Print stirbt? Wollten wir je, das Theater, Schallplatten, Kino, Bücher sterben? Haben wir lieber ein Tablet in der Hand als ein gedrucktes Heft? Und ja, auch ich weiß, dass Print nicht stirbt, nur weil ein Magazin sich vom Papier abwendet. Und dann noch eins. Und dann noch eins. Und dann…

    Ich wuchs mit Büchern auf. Mit Heften, mit Magazinen, mit altmodischen Fernsehserien, mit spartanischen Spielekonsolen, die nur 16 Farben und Pieps-Sound darstellen konnten und mich dennoch in eine faszinierende fremde Welt entführten. Ich wuchs in einer Zeit auf, in der sich die Medien Jahr um Jahr wandelten und es auch weiter tun werden. Regelmäßig meine Gee als gedruckte Ausgabe zu erhalten, gab mir aber immer aufs Neue das Gefühl, das sich nicht ALLES ändert. Dass es andere wie mich gibt, die sich dem Rausch und dem Gefühl neuer Medien hingeben können, ohne dabei die Wurzeln zu vergessen und sich hin und wieder etwas melancholisch an die guten alten Zeiten zu erinnern. Die Gee gab mir stets das Gefühl, kein Kind mehr zu sein. Jetzt gibt sie mir das Gefühl, wie ein reaktionärer alter Sack zu klingen. Danke Gee.

  • Die perfekte Musik

    Und dann sieht man sie wieder. Auf dem Boden liegend. Auf diesem grünen, zertretenen Teppich, der weiß Gott wie viele schmutzige Schuhe und Füße bereits gesehen hat. Doch da liegen sie. Der eine auf der Seite, der andere auf dem Rücken, den Blick verträumt an die nicht minder schmutzige Decke gerichtet. Zwischen ihnen stehen zwei Gläser, welche wie Königsgarden die Flasche Whisky begleiten. Die Flasche und ihr kostbarer Inhalt ist warm. Die Hälfte davon bereits durch Gläser, Münder und Rachen geflossen, warm und seidig und erst kurz danach brennend wie ein kleiner Schreck. Die Lautsprecher, die das viel zu kleine Zimmer beherrschen sind mannsgroß. Mit fingerdicken Kabeln an eine überhitzte Endstufe angeschlossen, die digitale Musik aus einem der besten CD-Player übersetzt, umsetzt, und wahrhaft durchsetzt. Der Raum ist geflutet mit Musik. Mit brachialem Orchester, Geigen und Pauken, Hörnern und Harfen. Es ist die Musik eines Filmes. Es ist die Musik ihres Filmes. Der alkoholgetränkte Traum eines perfekten Nachmittags. Sie werden die Flasche leeren und einer der beiden wird sich an der Wand im Flur entlang tasten müssen, bis er sein Zimmer findet. Und diese Erinnerung wird immer bleiben. Immer wenn das Orchester aufspielt.

  • Der Schrank

    Der Schrank wog schwer in seinen Händen. Er hatte sich gar nicht mehr an sein hohes Gewicht erinnert. So lange hatte er in dem Keller gestanden. Vor sich hin gestaubt und gewartet, dass etwas passierte. Nun war es passiert. Der Schrank war verkauft. Und er trug den Schrank mit dem Käufer durch den langen Flur. Eigentlich hatte der Käufer den Schrank gar nicht erstanden. Seine Frau war es, wie er keuchend und hustend erzählte. Und, so fuhr er fort, er hatte ihr gesagt, das Angebot nicht anzunehmen. Schließlich wüsste er, was so ein Möbelstück kostete und es war ihm nicht wohl dabei, es für so wenig Geld zu erstehen. Auch wenn ihm klar war, dass es in Internetauktionen nur darum ging, Dinge für so wenig Geld wie möglich zu kaufen, so war ihm nicht wohl dabei, diesen schweren, dunklen Schrank gleich für sechs Euro und fünf Cent in sein Auto zu verladen. Er hätte dem Verkäufer lieber die Chance gegeben, den Verkauf noch einmal zu versuchen. Mehr heraus zu holen. Wenigstens zehn oder zwanzig Euro hätten doch drin sein müssen. Aber dazu kam es nicht. Gemeinsam hievten sie den Schrank durch die Tür, trippelten in kleinen Schritten über den Parkplatz zu einem Kombi mit geöffneter Heckklappe, wo die Frau des Käufers bereits den Kindersitz verstaut hatte um Platz zu schaffen. Die beiden Männer stellten das Möbelstück ab. So, sagte die Frau, das wären dann sechs Euro fünf, nicht wahr? Hier bitte. Und mit diesen Worten überreichte sie genau diesen Betrag. Auf den Cent genau. Der Verkäufer nahm das Geld, steckte es in seine Tasche und sah herüber zu dem anderen Mann. Der auf den Boden starrte, vor Scham am liebsten in den Schrank gekrochen wäre und nicht die Socken in der Hose hatte, um den Betrag wenigstens auf volle zehn Euro aufzurunden. Peinlich berührt verabschiedete er sich. Und knurrte seine Frau an, dass sie sich mal etwas einfallen lassen sollte, wie das überraschend große Teil in das Auto passen sollte. Der Verkäufer ließ die beiden ratlos auf dem Parkplatz zurück. Hätte man genau hingesehen, so wäre einem bestimmt das leichte Kopfschütteln aufgefallen.

  • Wenn das Display flackert

    Auch ein MacBook geht hier und da mal kaputt. Und ich höre sie immer, die Aufschreie: „Waaas, wie kann denn ein so teures Gerät kaputt gehen?“ „Wie bitte? Da gibt man so viel Geld für aus und dann ist es nach nicht einmal drei Jahren kaputt?“ “ Also mein 600 Euro Gerät funktioniert immer noch einwandfrei.“ Ja, so ist das. Machen wir uns mal eines klar: Jedes Apple Produkt ist in allererster Linie nur ein Produkt. Es wurde nicht vom Himmel gesandt und auch nicht von Engelchen zusammen geschraubt. Es hat auch nicht die Segnung von Heiland Steve Jobs persönlich bekommen. Selbst mir als Apple-Fanboy ist das mehr als klar. Alles, was Apple herstellt, kann und wird irgendwann den Weg alles Irdischen gehen. Der etwas höhere Preis rührt nicht von dessen Langlebigkeit her. Apple Produkte kosten mehr, weil sie im Vergleich zu Produkten anderer Hersteller ein deutliches Mehr an Design, Komfort, Bequemlichkeit, Nutzen und Spaß bieten (und ja, mir ist selbst bewusst, das dieser Satz wie der eines Fanboys klingt. So what?)

    Ich ziehe hierzu immer wieder gerne meinen Auto-Vergleich heran. Und hier passt er sogar hervorragend. Denn niemand würde bestreiten, dass auch an einem BMW irgendwann etwas kaputt geht. Genauso wie auch an einem KIA. Beide Hersteller stellen Automobile her, die mich von A nach B bringen. Der Preisunterschied entsteht durch den Umstand, WIE sie das tun. Ein BMW bietet unbestreitbar mehr Komfort und ein besseres Design. Und dafür zahlt der Kunde nun einmal. Ein KIA hat irgendwann einen Defekt, ein BMW, ein (ebenfalls hochpreisiges) Sony Vaio und eben auch ein MacBook.

    So wie meines. Seit etwa einem halben Jahr flackert das Display. Wobei, nein, das beschreibt es nicht genau. Das Display hat an der rechten Kante einen Wackelkontakt, so dass ich immer ein wenig darum herum drücken muss, um ein stabiles Bild zu bekommen. Denn sonst ist die Hälfte des Bildschirms einfach eingefroren. Das Problem ist auch nicht reproduzierbar. Manchmal kommt es, manchmal nicht. Ein wenig Drücken und Klopfen und das Bild bleibt stabil. Ärgerlich ist es dennoch immer, wenn es auftritt.

    Die Apple-Mitarbeiter im nahe gelegenen Store konnten mir nur den Rat geben, das Display reparieren zu lassen. Bei Kosten von über 300 Euro überlege ich mir das lieber acht Mal. Im Moment kann ich damit leben. Aber was, wenn das Problem schlimmer wird? Was, wenn kein Drücken und Klopfen mehr hilft? Und was, wenn ich doch irgendwann ein neues MacBook kaufen möchte? Der Wiederverkaufswert meines jetzigen Modells ist durch diesen Fehler natürlich stark geschmälert.

    Eines ist mir allerdings klar. Woher dieser Defekt kommt und wie ich ihn in zukünftigen Modellen vermeiden werde. Man sollte nie, nie niemals, den Deckel seines Laptops aus Wut zu klatschen. Egal, wie ärgerlich die eben gelesene Mail, das gesehene Foto, der entdeckte Kontostand auch ist. In Zukunft klappt man den Deckel in Ruhe zu, entfernt sich von dem Gerät und geht hinaus zum Holz hacken. Da darf man kaputt machen, soviel man will. Und tut sogar etwas für seine Gesundheit.

  • Fahrrad geklaut

    Dumm ist es, einen Fahrradkeller nur als vergitterte Abstellfläche zu bauen. Im Hinterhof. Verborgen vor jeglichen Blicken. Aber einsehbar für jeden, der daran vorbei läuft. Und dadurch abschätzbar, welche Werte darin stehen. Gesichert nur durch ein normales Schloss. Man könnte auch frisches Fleisch in einen Korb legen und den hungrigen Löwen hinstellen. Irgendwann werden sie den Korb – von der Verlockung getrieben – geöffnet haben.

    Dumm ist es, sein Fahrrad in diesen „Fahrradkeller“ zu stellen und sich sicher zu fühlen.

    Dumm ist es, sein Fahrrad verkaufen zu wollen, die ersten Angebote aber nicht anzunehmen, weil man hofft, noch bessere zu bekommen.

    Dumm ist es, wenn der „Fahrradkeller“ schließlich aufgebrochen und das Rad gestohlen wird. Kurz vor dem möglichen Verkauf.

    Richtig dumm ist es, wenn man dann erst feststellt, die Hausratversicherung noch immer nicht abgeschlossen zu haben, deren Antrag seit Monaten auf eine Unterschrift wartet.

    Gar nicht dumm ist es, wenn der Dieb dieses Fahrrads böse stürzt und sich alle Zähne dabei ausschlägt und mindestens beide Beine bricht. Ja, das wäre alles andere als dumm.

  • Der Reiter

    Das Pferd schnaubt. Angestrengt. Doch es wehrt sich nicht, steigt den schmalen, steilen Weg empor. Die Hufe kratzen und stampfen mühsam auf dem Fels. Ich ziehe meinen Hut tiefer ins Gesicht, um mich vor dem Regen zu schützen. Ein trauriger Versuch, ich bin bereits durchnässt. Schon als ich am Flussufer auf mein Pferd stieg war klar, dass wir nicht trocken bleiben würden. Schwarze Wolken am Horizont kündeten von lange ersehntem Regen. Ich höre eine Musik, eine Westerngitarre wird gespielt. Leise, zarte Klänge, die die Ruhe und die Atmosphäre unterstreichen. Regentropfen und Saiten. Manchmal ziehe ich an den Zügeln, spreche ein sanftes Ho! zu meinem Pferd, um ihm eine andere Richtung zu weisen. Der Gipfel ist bald erreicht. Es donnert und kurz darauf erstarrt die Landschaft für eine Sekunde in einer schwarzweißen Fotografie. Das harte Land zeigt sich in harten Kontrasten und unheilvollen Schatten. Und die Musik ändert sich. Jemand singt, so als käme eine völlig neue Szene. Das Schnauben, die Hufe, das Trommeln des Regens, der Donner, alles tritt einen Schritt zurück. Lässt der Musik ihren Platz. Der Gesang, der mich begleitet, als ich auf dem Gipfel ankomme. Bleibe stehen und lasse meinen Blick schweifen. Der Horizont ist verschwunden und Himmel und Land scheinen eine Einheit zu bilden. Graues Gewitter unter mir, sandige Felsen darüber, ich kann es nicht sagen. Mein Pferd und ich berühren unwirkliche Welt, spüren unwirkliche Wetter, sehen unwirkliche Lichter, hören unwirkliche Musik. Und alles ist so wirklich. Minuten, die auch Tage sein könnten vergehen. Der Gesang verstummt. Der Regen hört auf. So ist es immer. Und ich kehre dem Tal hinter mir den Rücken zu und lenke mein Pferd in die nächste Stadt zu neuen Abenteuern.

  • Von der Hand in den Mund

    Niemand sieht dich komisch an, wenn du gestehst, Angst vor dem Zahnarzt zu haben. Beinahe jeder hat Angst vor Zahnärzten. Vor den Schmerzen. Vor der Hilflosigkeit, diesem Gefühl, ausgeliefert zu sein. Nicht mehr sprechen und um Hilfe schreien zu können. Und niemand geht gerne zum Zahnarzt, außer vielleicht wirklich dem einen oder anderen Masochisten.

    So dachte er, auf dem schneeweißen Behandlungsstuhl sitzend. Alles in diesem Behandlungszimmer war unschuldig weiß oder apfelgrün. Lediglich eine kleine rote Lampe am modernen Monitor über seinem Kopf störte den Gesamteindruck. In der Tat, mit dieser Praxis hatte sich jemand sehr viel Mühe gegeben. Und vermutlich auch sehr viel Geld ausgegeben. Geld, das erst wieder verdient werden musste.

    Natürlich hatte auch er Angst vor dem Zahnarzt. Aber aus völlig anderen Gründen als der Rest der Menschheit. Um ehrlich zu sein, machten ihn Frisörbesuche weitaus nervöser. Er hatte weiß Gott schon viele Frisöre gehabt. Mehr als Zahnärzte. Doch auch diese wechselte er bei fast jedem zweiten oder dritten Besuch. Immer dann, wenn er sich schlecht behandelt fühlte. Ungenügend beraten. Und schier abgezockt.

    Zahnärzte, die ein Leuchten in den Augen bekamen, wenn sie einen Blick in des Patienten Mund warfen, mussten unbedingt gemieden werden. Das deutlich hörbare Klingeling rührte nicht von heruntergefallenem, medizinischem Besteck her, sondern von der imaginären Kasse im Kopf so manchen Arztes. Mit einem Male schienen der teure Behandlungsstuhl, die extravagante Wandbemalung und die hochmoderne IT-Einrichtung bezahlt. Vom dritten Jahresurlaub ganz zu schweigen.

    Begonnen hatte alles mit dem üblichen Dorfzahnarzt, der mit seiner Ausbildung aus den 40ern und dem Equipment aus den 50ern des letzten Jahrtausends zwar die komplette Jugend vom ersten Milchzahn bis zur ersten Zahnlücke begleitete, dabei aber Schlimmes anrichtete. Da wurde gebohrt, gezogen und mit Amalgam aufgefüllt, dass es nicht mehr schön war. Mit dem Umzug aus der Heimat kamen auch neue Ärzte und das Wissen um die Wichtigkeit gesunder und schöner Zähne. Ab hier ging es quasi nur noch um Schadensbegrenzung.

    Jeder Zahnarzt den er besuchte, war ihm von jemandem empfohlen worden. Denn jeder ist mit seinem Zahnarzt zufrieden. Oder weiß es einfach nicht besser. Komischerweise schien außer ihm niemals jemand auf der Suche nach einem Zahnarzt zu sein. Jeder Befragte schwor auf seinen. So hatte ihm eine Freundin ihren Zahnarzt ans Herz gelegt. Er sei geduldig, kompetent und sehr gut, beschrieb sie. Nun, er war gut darin, Amalgam zu Gold zu machen. Im Mund und in der Tasche. Als er den Arzt Tage später grinsend und weiße Zähne bleckend in einem Jaguar vorbei fahren sah, dachte er sich, dass zumindest die Kühlerfigur nur durch seinen Besuch bezahlt worden war.

    Und offenbar lernte er nicht. Immer wieder fiel er auf toll designte Homepages, teuer eingerichtete Praxen, unglaublich hübsche und freundliche Sprechstundenhilfen und warme, freundliche Worte herein. So wie auch dieses Mal. Seit zehn Minuten hockte er nervös auf dem vermutlich unglaublich teuren Behandlungsstuhl, der so strahlend weiß war, dass bestimmt noch keine zehn Patienten darauf Platz genommen hatten. Leise Musik rieselte aus einem unsichtbaren Lautsprecher, der Monitor zeigte beruhigende Tierfilme.

    Doch nichts beruhigte ihn. Er wusste, dass ihm in wenigen Minuten die teuersten Behandlungen angeboten wurden, alles natürlich nötig und nur in seinem Sinne. Er schwitzte und spürte, wie sich seine Hände um die weißen Armlehnen des Stuhls  klammerten und seine Knöchel ebenso weiß hervor traten. Er musste raus, stand auf, schlich sich an der hübschen und freundlichen Rezeptionisitn vorbei und verließ heimlich die edel und teuer eingerichtete Praxis. Er würde nie wieder zurück kommen. Und beschloss, seinen Adrenalinpegel in nächster Zeit nur von einem Frisör in die Höhe treiben zu lassen. Haare wuchsen schließlich schneller nach als Zähne.

  • Ist Stuttgart 21 etwa Stuttgart 00?

    Ein Kopfbahnhof war und ist etwas Besonderes. Im Vergleich zum alltäglichen Durchgangsbahnhof stellt der Kopfbahnhof architektonisch und auch betrieblich eine große Herausforderung dar. Und er macht Sinn. Wo der Platz für einen Durchgangsbahnhof fehlt, weil es die örtlichen Bedienungen oder einfach das natürliche Wachstum einer Stadt verhinderte, kam ein Kopfbahnhof zum Zuge (sic!). So haben sehr viele deutsche Großstädte einen Kopfbahnhof. Beispielsweise München, Frankfurt oder Leipzig. Und natürlich auch Stuttgart.

    In früheren Jahren waren Kopfbahnhöfe betrieblich sehr aufwändig. Ankommende Züge mussten in entgegen gesetzter Fahrtrichtung wieder abfahren. Um dies zu bewerkstelligen, brauchte es eine neue Lokomotive, die schon vor der Einfahrt des Zuges auf einem Nebengleis bereit stand und sofort nach Halt des Zuges an dessen Ende angekuppelt werden konnte. Ein solcher Richtungswechsel ging daher nur mit erheblichem Aufwand, mit einer Menge Personal und Zeitverlust über die Bühne. Abhilfe schaffte bald die Erfindung der Steuerwagen. Hierbei verbleibt die Lokomotive an ihrem Platz im Zug. Dieser wird dann einfach durch einen Führerstand im letzten Waggon gesteuert. Langwieriges Umrangieren entfiel und ein Zug konnte schnell den Bahnhof wieder verlassen. Unabdingbar in derart großen Knotenbahnhöfen.

    Mit dem Einsetzen der ICE-Züge sprach sich die Bahn schon vor vielen Jahren dafür aus, im Fernverkehr möglichst auf Lok-gezogene Züge zu verzichten. Triebzüge, die grundsätzlich an beiden Enden über einen Führerstand verfügen sind universell einsetzbar und an jedem Bahnhof (egal ob Kopfbahnhof oder nicht) zu wenden. Aus meiner Erfahrung als ehemaliger Fernverkehrslokführer weiß ich noch, welch großer Aufwand in Basel SBB nötig war, wenn Eurocitys von Deutschland weiter in die Schweiz fuhren und die deutschen Lokomotiven mit entsprechenden Schweizer Lokomotiven getauscht werden mussten. Mit der Einführung internationaler Triebzüge entfiel auch das.

    So ist es eine Tatsache, dass die Bahn sich löblich darum bemühte, den Aufwand der nunmal bestehenden Kopfbahnhöfe zu verringern, indem man entsprechende Fahrzeuge bestellte. Die Standzeit eines ICE in einem Kopfbahnhof ist nur marginal länger als in einem Durchgangsbahnhof. Ziel des Fernverkehrs ist es, mit Lokomotiven bespannte Züge nur noch in Ausnahmefällen fahren zu lassen. Angesichts dieser Tatsache ist ein Festhalten an einem Projekt wie Stuttgart 21 nur als politische Dummheit zu bezeichnen. Wenig spricht dafür, aus dem Stuttgarter Hauptbahnhof einen Durchgangsbahnhof zu machen. Die nötigen Mittel für den Aufbau rechtfertigen in keiner Weise den zu erwartenden Vorteil.

    Das Projekt Stuttgart 21 war von Anfang an eine Totgeburt, die bislang Planungsgelder in Millardenhöhe verschlungen hat, von den Bürgern nicht gewollt und ein reines Prestigeprojekt ehemaliger und jetziger Politiker ist. So hört man die Projektgegner argumentieren. Die Befürworter hingegen führen an, dass durch den Bau eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs die zugegeben sehr große Fläche des Vorbahnhofs entfällt und für den weiteren Städtebau genutzt werden kann (wie oben erwähnt, haben Kopfbahnhöfe durch notwendige erhöhte Logistik viel mehr Weichen und Gleise als ein Durchgangsbahnhof). Außerdem würde der Schienenverkehr schon dadurch beschleunigt, als Züge in einen Durchgangsbahnhof mit 60 bis 100 km/h einfahren können, während im Kopfbahnhof nie mehr als 30 km/h erlaubt sind. (Aus meiner Erfahrungen weiß ich selbst, dass sich Verspätungen nur durch gekonntes Bremsen wieder „reinholen“ lassen. Züge fahren niemals über ihre erlaubte Geschwindigkeit hinaus, aber ein schnelleres Einfahren und späteres Bremsen im Bahnhof bringt gut zwei Minuten Zeitgewinn mit)

    Die Bauarbeiten am neuen Stuttgarter Bahnhof haben in diesen Tagen begonnen und die Gegner und Demonstranten gehen auf die Barrikaden. Zu Recht, wie ich finde. Mir scheint es, als hätte sich Stuttgart 21 irgendwann zu einer fixen Idee entwickelt. Ein Traum, den einige Köpfe auf Biegen und Brechen durchsetzen wollten, planten, Gelder ausgaben, Verträge unterschrieben. Mit dem Ergebnis, dass dieser Traum nun an einem Punkt angelangt ist, wo er zwar immer noch keinen wirklichen Sinn macht, aber eigentlich nicht mehr rückgängig zu machen ist. Liest man die technischen Details, so kann man sich natürlich die Vorteile schön rechnen, die Anbindungen an den internationalen Verkehr loben, die Bereitstellung neuer Wohnfläche in der Stuttgarter City erwähnen und selbst die Schaffung der Arbeitsplätze für den Bau selbst mit einbeziehen. Doch auch hier stellt sich grundsätzlich die Frage nach dem Kosten/Nutzen-Faktor. Und letztlich scheint auch eine persönliche Note mitzuspielen. Ich selbst bin zwar kein Suttgarter, weiß aber von einigen Bewohnern, dass sie ihren Bahnhof lieben, so wie er ist. Als Knotenpunkt in der Innnenstadt. Als sichtbares Tor zur schwäbischen Metropole.

    Ich frage mich, ob Frankfurt beispielsweise auch schon einmal darüber nachgedacht hatte, ihren Kopfbahnhof unterirdisch als Durchgangsbahnhof zu erneuern. Schließlich ist auch Frankfurt ein nicht zu unterschätzender Knotenpunkt im internationalen Reiseverkehr (wobei man sich in Frankfurt natürlich mit dem Flughafen-Bahnhof eine schnelle Möglichkeit in unmittelbarer Nähe gebaut hat). Dass die Umwandlung eines Kopfbahnhofs zu einem Durchgangsbahnhof auch Probleme mit sich bringen, zeigt Köln sehr deutlich. Viele wissen gar nicht, dass auch Köln Hbf ursprünglich ein Kopfbahnhof war. Erst sehr viel später wurde beschlossen, den Bahnhof über die Hohenzollernbrücke durchgängig zu machen. Angesichts des geringen Platzes direkt vor dem Kölner Dom mussten dafür extrem enge Weichenanlagen und Kurven gebaut werden. Mit dem Ergebnis, dass die Weichen vor dem Kölner Hbf deutlich wartungsintensiver sind als anderswo, bedingt durch die hohen Belastungen, denen sie minütlich ausgesetzt sind. Dies ist natürlich nur ein kleiner Makel und würde nicht im Geringsten dafür sprechen, Köln als Kopfbahnhof bestehen zu lassen.

    Stuttgart 21 wird kommen, zu viel wurde bislang investiert und zu viele Köpfe wollen das Ende des Kopfbahnhofs sehen. Ob das Projekt Sinn macht, wage ich persönlich allerdings zu bezweifeln.

  • Sammeln Sie Punkte?

    Der Einkaufswagen wollte einfach nicht aufhören, sich zu füllen. Das Förderband an der Kasse schob unentwegt Artikel über den Laser-Scanner. Rhythmische Piepsgeräusche ließen die Rechnung in die Höhe steigen. Es schien Stunden zu dauern, bis endlich alle Einkäufe registriert waren. Die Schlange wartender Kunden hinter mir wurde länger und länger. Doch das merkwürdigste an diesem Traum stand mir erst noch bevor. Ich zückte mein Portemonnaie als die Kassiererin fragte:

    „Haben Sie eine Payback-Karte?“

    „Nein.“

    „Eine Kundenkarte?“

    „Nein.“

    „Eine Deutschlandkarte?“

    „Nein.“

    „Eine Bonus & More-Karte?“

    „Nein.“

    „Eine Happy Digits-Karte?“

    „Nein.“

    „Eine Miles & More-Karte?“

    „Nein.“

    „Eine ADAC-Mitgliedkarte?“

    „Nein.“

    „Eine BahnCard?“

    „Nein.“

    „Sammeln Sie Punkte?“

    „Ja“, antwortete ich erfreut und deutete auf meinen Rücken, der von einem roten Tuch mit schwarzen Tupfern bedeckt wurde, „ich bin doch ein Marienkäfer.“ Zum Glück erwachte ich kurz darauf.

  • Ich male meine Follower – In Hamburg

    Der Taxifahrer fuhr früher zur See und damals war alles ganz anders am Kiez. Die Mädchen waren leichter, wie er sagt, und nicht so durchtrieben. Man gab einem Mädchen Geld und hatte es für eine Woche an seiner Seite, so lange das Schiff im Hafen lag. Heute war, wie gesagt, alles anders. Und die Fahrt vom Hotel zum Stilwerk in Hamburg viel zu kurz, denn der Taxifahrer hätte bestimmt ein ganzes Sammelsurium interessanter Geschichten zu erzählen gehabt. Letztlich waren wir aber auch hier um selbst interessante Geschichten zu erleben. Die Künstlerin Michaela von Aichberger hatte zu ihrer Ausstellung geladen. Unter dem Namen @Frauenfuss malt die ausgesprochen natürliche und liebenswerte Michaela ausgewählte Menschen, die ihr bei Twitter folgen. Das besondere daran ist, dass sie keine wirklichen Portraits malt, niemand Modell stehen muss und sie sich stattdessen von den Twitter-Accounts der Leute inspirieren lässt. Von den Profilbildern, von den gewählten Namen und nicht zuletzt vom Geschriebenen. Daraus entstehen manchmal skurrile, witzige und doch meist recht treffende kleine Kunstwerke, die sie in Moleskines festhält. Und das Ganze nennt sich dann „Ich male meine Follower“.

    Zum vierten Mal nun wurde eine Vernissage organisiert und diesmal fand sie in besagtem Stilwerk in Hamburg statt. Direkt neben dem berühmten Fischmarkt in einem alten Speicherstadt-Gebäude dessen Interieur kaum moderner hätte wirken können. Oben in der fünften Etage trafen wir auf eine Party, die unsere Vorstellung sprengte. Wir, das waren mein „Schwesterherz“ @LadyGeen und ein sehr guter Freund aus Freiburg @kollektivb. Schon als wir den großen Saal betraten, war ich überwältigt, wie viele Menschen her gefunden hatten. Im vorderen Bereich des Raumes standen Stühle vor einem Podium, wo in wenigen Minuten die Lesungen bekannter Blogger und Twitterer stattfinden sollten, weiter hinten, schön beleuchtet, die kleinen Kunstwerke in dezenten schwarzen Rahmen. Schnörkellos und schick präsentiert. Die Veranstaltung war (bis auf die schnell knapp werdenden Getränke) großartig organisiert, chillige Musik schallte, Fotos knipsten, Kameras filmten und selbst die Hamburger Morgenpost fing Stimmen ein.

    Nun wird man sich als Außenstehender, der besonders mit Twitter gar nichts am Hut hat fragen, weshalb man zu einer solchen Ausstellung geht. Und dafür gibt es eine Menge Gründe. Der wichtigste für mich war mit Sicherheit der persönliche Kontakt. Endlich mal die Menschen hinter den Tweets treffen zu können. Zu sehen, wie diese Schreiberlinge im realen Leben aussehen und wirken. Gute Bekannte, Freunde treffen und vielleicht neue finden. Die virtuelle Ebene von Twitter zu verlassen und auf eine persönliche herunter zu holen. Ein jeder trug seinen Twitternamen sichtbar an seinem Körper und wie oft ich stehen blieb und verdutzt zu mir selbst sagte „DAS ist…?“ kann ich gar nicht zählen.

    Twitter, das wurde hier wieder besonders deutlich, ist nicht nur die anonyme Plattform, auf der sich lichtscheues Gesindel mit Oberflächlichkeiten bewirft. Hinter den Tweets, hinter den Profilbildern und lustigen Namen stecken Menschen, meist wie du und ich. Man kann bei Twitter wertvolle Menschen finden, mit denen man sich anfreunden möchte. Man kann auch Menschen kennenlernen, denen man in echt lieber nicht begegnen möchte. Alles ist möglich und auf einer solchen Veranstaltung, weg von der Tastatur, filtert sich schnell heraus, „wer wie drauf ist“.

    Genau das fängt Michaela von Aichberger in ihren kleinen Gemälden ein. Sie zeigt, wie sie die Twitterer an der Tastatur wahrnimmt. Wie ähnlich diese Art, sich im Netz zu präsentieren dem kommt, was jemand im echten Leben darstellt ist oftmals verblüffend, wie sie selbst sagt. Ich traf einige mittlerweile sehr gute Freunde wie @emiliablue oder @kleinkram oder @rachelzwitscher. Doch sollten im Laufe des Abends noch viele Gespräche geführt werden, bei denen man feststellt, dass man auch ein @Eimerchen, einen @pjakobs, eine @snoopsmaus oder selbst einen @germanpsycho nicht mehr missen möchte. Echte, tolle Menschen hinter witzigen Namen versteckt. Und alle schon mit einem Bild von @frauenfuss geehrt.

    Und diese Ehre wurde am Ende des Abends dann sogar mir zuteil. Beseelt von Rotwein stand ich aufgeregt am Tisch der Künstlerin und beobachtete sie, wie sie mich in der Badewanne malte. Natürlich mit einem Glas Rotwein in der Hand. Und einem charmanten Schreibfehler im Begleittext. Ja, ich war stolz auf das Portrait. Und zum Dank gab es noch eine feste Umarmung dazu.

    frauenfussbild

    Der Abend war perfekt. Wie ließen ihn weit nach Mitternacht in einer Kneipe bei gutem Essen ausklingen, nur um danach wieder Fahrt aufzunehmen und den Kiez unsicher zu machen, in einer Bar und einem Irish Pub zu landen um schlussendlich am Fischmarkt zu frühstücken und zu beobachten, wie es hell wird. Der Taxifahrer, der uns zum Hotel zurück brachte, hatte es eilig und ein Möwenmordtrauma, was mich allerdings nicht wirklich interessiert.

    Die Bilder von @Frauenfuss sind derzeit noch in Hamburg zu besichtigen, weitere Termine werden mit Sicherheit auf ihrer Website und natürlich bei Twitter bekannt gegeben. Außerdem hat man in ihrer Twitpic-Galerie die Chance, alle Gemälde sehen zu können. Ihr Mann Michael von Aichberger fing tolle Momente ein, die hier betrachtet werden können. Ich werde meine Flickr-Galerie morgen mit eigenen Fotos bestücken und dann hier verlinken.

  • Der graue Anorak

    Der graue Anorak

    Langsam schob sich der Zug vorwärts. Die kräftige Diesellok am Ende rumorte auf Sparflamme. Die Wagen durfte nur mit 2 km/h durch die Waschanlage gedrückt werden. Ich hielt den Tachometer im Auge, gab Gas, ging wieder in Leerlauf und ließ nebenher meine Gedanken kreisen. Die Nacht war ruhig gewesen, richtig angenehm und in drei Stunden würde ich in mein Auto steigen und nach Hause fahren. Die Motoren meiner Lok waren die einzigen Geräusche in dieser Nacht. Der Bahnhof lag still da. Auf den Nebengleisen warteten bereits Garnituren untersuchter und gereinigter Waggons darauf, wieder eingesetzt zu werden. Der sichtbare Erfolg der Arbeit. Personenwaggons ohne Licht haben etwas eigenartig an sich. Etwas lebloses.

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