Jahr: 2010

  • Die perfekte Musik

    Und dann sieht man sie wieder. Auf dem Boden liegend. Auf diesem grünen, zertretenen Teppich, der weiß Gott wie viele schmutzige Schuhe und Füße bereits gesehen hat. Doch da liegen sie. Der eine auf der Seite, der andere auf dem Rücken, den Blick verträumt an die nicht minder schmutzige Decke gerichtet. Zwischen ihnen stehen zwei Gläser, welche wie Königsgarden die Flasche Whisky begleiten. Die Flasche und ihr kostbarer Inhalt ist warm. Die Hälfte davon bereits durch Gläser, Münder und Rachen geflossen, warm und seidig und erst kurz danach brennend wie ein kleiner Schreck. Die Lautsprecher, die das viel zu kleine Zimmer beherrschen sind mannsgroß. Mit fingerdicken Kabeln an eine überhitzte Endstufe angeschlossen, die digitale Musik aus einem der besten CD-Player übersetzt, umsetzt, und wahrhaft durchsetzt. Der Raum ist geflutet mit Musik. Mit brachialem Orchester, Geigen und Pauken, Hörnern und Harfen. Es ist die Musik eines Filmes. Es ist die Musik ihres Filmes. Der alkoholgetränkte Traum eines perfekten Nachmittags. Sie werden die Flasche leeren und einer der beiden wird sich an der Wand im Flur entlang tasten müssen, bis er sein Zimmer findet. Und diese Erinnerung wird immer bleiben. Immer wenn das Orchester aufspielt.

  • Der Schrank

    Der Schrank wog schwer in seinen Händen. Er hatte sich gar nicht mehr an sein hohes Gewicht erinnert. So lange hatte er in dem Keller gestanden. Vor sich hin gestaubt und gewartet, dass etwas passierte. Nun war es passiert. Der Schrank war verkauft. Und er trug den Schrank mit dem Käufer durch den langen Flur. Eigentlich hatte der Käufer den Schrank gar nicht erstanden. Seine Frau war es, wie er keuchend und hustend erzählte. Und, so fuhr er fort, er hatte ihr gesagt, das Angebot nicht anzunehmen. Schließlich wüsste er, was so ein Möbelstück kostete und es war ihm nicht wohl dabei, es für so wenig Geld zu erstehen. Auch wenn ihm klar war, dass es in Internetauktionen nur darum ging, Dinge für so wenig Geld wie möglich zu kaufen, so war ihm nicht wohl dabei, diesen schweren, dunklen Schrank gleich für sechs Euro und fünf Cent in sein Auto zu verladen. Er hätte dem Verkäufer lieber die Chance gegeben, den Verkauf noch einmal zu versuchen. Mehr heraus zu holen. Wenigstens zehn oder zwanzig Euro hätten doch drin sein müssen. Aber dazu kam es nicht. Gemeinsam hievten sie den Schrank durch die Tür, trippelten in kleinen Schritten über den Parkplatz zu einem Kombi mit geöffneter Heckklappe, wo die Frau des Käufers bereits den Kindersitz verstaut hatte um Platz zu schaffen. Die beiden Männer stellten das Möbelstück ab. So, sagte die Frau, das wären dann sechs Euro fünf, nicht wahr? Hier bitte. Und mit diesen Worten überreichte sie genau diesen Betrag. Auf den Cent genau. Der Verkäufer nahm das Geld, steckte es in seine Tasche und sah herüber zu dem anderen Mann. Der auf den Boden starrte, vor Scham am liebsten in den Schrank gekrochen wäre und nicht die Socken in der Hose hatte, um den Betrag wenigstens auf volle zehn Euro aufzurunden. Peinlich berührt verabschiedete er sich. Und knurrte seine Frau an, dass sie sich mal etwas einfallen lassen sollte, wie das überraschend große Teil in das Auto passen sollte. Der Verkäufer ließ die beiden ratlos auf dem Parkplatz zurück. Hätte man genau hingesehen, so wäre einem bestimmt das leichte Kopfschütteln aufgefallen.

  • Wenn das Display flackert

    Auch ein MacBook geht hier und da mal kaputt. Und ich höre sie immer, die Aufschreie: „Waaas, wie kann denn ein so teures Gerät kaputt gehen?“ „Wie bitte? Da gibt man so viel Geld für aus und dann ist es nach nicht einmal drei Jahren kaputt?“ “ Also mein 600 Euro Gerät funktioniert immer noch einwandfrei.“ Ja, so ist das. Machen wir uns mal eines klar: Jedes Apple Produkt ist in allererster Linie nur ein Produkt. Es wurde nicht vom Himmel gesandt und auch nicht von Engelchen zusammen geschraubt. Es hat auch nicht die Segnung von Heiland Steve Jobs persönlich bekommen. Selbst mir als Apple-Fanboy ist das mehr als klar. Alles, was Apple herstellt, kann und wird irgendwann den Weg alles Irdischen gehen. Der etwas höhere Preis rührt nicht von dessen Langlebigkeit her. Apple Produkte kosten mehr, weil sie im Vergleich zu Produkten anderer Hersteller ein deutliches Mehr an Design, Komfort, Bequemlichkeit, Nutzen und Spaß bieten (und ja, mir ist selbst bewusst, das dieser Satz wie der eines Fanboys klingt. So what?)

    Ich ziehe hierzu immer wieder gerne meinen Auto-Vergleich heran. Und hier passt er sogar hervorragend. Denn niemand würde bestreiten, dass auch an einem BMW irgendwann etwas kaputt geht. Genauso wie auch an einem KIA. Beide Hersteller stellen Automobile her, die mich von A nach B bringen. Der Preisunterschied entsteht durch den Umstand, WIE sie das tun. Ein BMW bietet unbestreitbar mehr Komfort und ein besseres Design. Und dafür zahlt der Kunde nun einmal. Ein KIA hat irgendwann einen Defekt, ein BMW, ein (ebenfalls hochpreisiges) Sony Vaio und eben auch ein MacBook.

    So wie meines. Seit etwa einem halben Jahr flackert das Display. Wobei, nein, das beschreibt es nicht genau. Das Display hat an der rechten Kante einen Wackelkontakt, so dass ich immer ein wenig darum herum drücken muss, um ein stabiles Bild zu bekommen. Denn sonst ist die Hälfte des Bildschirms einfach eingefroren. Das Problem ist auch nicht reproduzierbar. Manchmal kommt es, manchmal nicht. Ein wenig Drücken und Klopfen und das Bild bleibt stabil. Ärgerlich ist es dennoch immer, wenn es auftritt.

    Die Apple-Mitarbeiter im nahe gelegenen Store konnten mir nur den Rat geben, das Display reparieren zu lassen. Bei Kosten von über 300 Euro überlege ich mir das lieber acht Mal. Im Moment kann ich damit leben. Aber was, wenn das Problem schlimmer wird? Was, wenn kein Drücken und Klopfen mehr hilft? Und was, wenn ich doch irgendwann ein neues MacBook kaufen möchte? Der Wiederverkaufswert meines jetzigen Modells ist durch diesen Fehler natürlich stark geschmälert.

    Eines ist mir allerdings klar. Woher dieser Defekt kommt und wie ich ihn in zukünftigen Modellen vermeiden werde. Man sollte nie, nie niemals, den Deckel seines Laptops aus Wut zu klatschen. Egal, wie ärgerlich die eben gelesene Mail, das gesehene Foto, der entdeckte Kontostand auch ist. In Zukunft klappt man den Deckel in Ruhe zu, entfernt sich von dem Gerät und geht hinaus zum Holz hacken. Da darf man kaputt machen, soviel man will. Und tut sogar etwas für seine Gesundheit.

  • Fahrrad geklaut

    Dumm ist es, einen Fahrradkeller nur als vergitterte Abstellfläche zu bauen. Im Hinterhof. Verborgen vor jeglichen Blicken. Aber einsehbar für jeden, der daran vorbei läuft. Und dadurch abschätzbar, welche Werte darin stehen. Gesichert nur durch ein normales Schloss. Man könnte auch frisches Fleisch in einen Korb legen und den hungrigen Löwen hinstellen. Irgendwann werden sie den Korb – von der Verlockung getrieben – geöffnet haben.

    Dumm ist es, sein Fahrrad in diesen „Fahrradkeller“ zu stellen und sich sicher zu fühlen.

    Dumm ist es, sein Fahrrad verkaufen zu wollen, die ersten Angebote aber nicht anzunehmen, weil man hofft, noch bessere zu bekommen.

    Dumm ist es, wenn der „Fahrradkeller“ schließlich aufgebrochen und das Rad gestohlen wird. Kurz vor dem möglichen Verkauf.

    Richtig dumm ist es, wenn man dann erst feststellt, die Hausratversicherung noch immer nicht abgeschlossen zu haben, deren Antrag seit Monaten auf eine Unterschrift wartet.

    Gar nicht dumm ist es, wenn der Dieb dieses Fahrrads böse stürzt und sich alle Zähne dabei ausschlägt und mindestens beide Beine bricht. Ja, das wäre alles andere als dumm.

  • Der Reiter

    Das Pferd schnaubt. Angestrengt. Doch es wehrt sich nicht, steigt den schmalen, steilen Weg empor. Die Hufe kratzen und stampfen mühsam auf dem Fels. Ich ziehe meinen Hut tiefer ins Gesicht, um mich vor dem Regen zu schützen. Ein trauriger Versuch, ich bin bereits durchnässt. Schon als ich am Flussufer auf mein Pferd stieg war klar, dass wir nicht trocken bleiben würden. Schwarze Wolken am Horizont kündeten von lange ersehntem Regen. Ich höre eine Musik, eine Westerngitarre wird gespielt. Leise, zarte Klänge, die die Ruhe und die Atmosphäre unterstreichen. Regentropfen und Saiten. Manchmal ziehe ich an den Zügeln, spreche ein sanftes Ho! zu meinem Pferd, um ihm eine andere Richtung zu weisen. Der Gipfel ist bald erreicht. Es donnert und kurz darauf erstarrt die Landschaft für eine Sekunde in einer schwarzweißen Fotografie. Das harte Land zeigt sich in harten Kontrasten und unheilvollen Schatten. Und die Musik ändert sich. Jemand singt, so als käme eine völlig neue Szene. Das Schnauben, die Hufe, das Trommeln des Regens, der Donner, alles tritt einen Schritt zurück. Lässt der Musik ihren Platz. Der Gesang, der mich begleitet, als ich auf dem Gipfel ankomme. Bleibe stehen und lasse meinen Blick schweifen. Der Horizont ist verschwunden und Himmel und Land scheinen eine Einheit zu bilden. Graues Gewitter unter mir, sandige Felsen darüber, ich kann es nicht sagen. Mein Pferd und ich berühren unwirkliche Welt, spüren unwirkliche Wetter, sehen unwirkliche Lichter, hören unwirkliche Musik. Und alles ist so wirklich. Minuten, die auch Tage sein könnten vergehen. Der Gesang verstummt. Der Regen hört auf. So ist es immer. Und ich kehre dem Tal hinter mir den Rücken zu und lenke mein Pferd in die nächste Stadt zu neuen Abenteuern.

  • Von der Hand in den Mund

    Niemand sieht dich komisch an, wenn du gestehst, Angst vor dem Zahnarzt zu haben. Beinahe jeder hat Angst vor Zahnärzten. Vor den Schmerzen. Vor der Hilflosigkeit, diesem Gefühl, ausgeliefert zu sein. Nicht mehr sprechen und um Hilfe schreien zu können. Und niemand geht gerne zum Zahnarzt, außer vielleicht wirklich dem einen oder anderen Masochisten.

    So dachte er, auf dem schneeweißen Behandlungsstuhl sitzend. Alles in diesem Behandlungszimmer war unschuldig weiß oder apfelgrün. Lediglich eine kleine rote Lampe am modernen Monitor über seinem Kopf störte den Gesamteindruck. In der Tat, mit dieser Praxis hatte sich jemand sehr viel Mühe gegeben. Und vermutlich auch sehr viel Geld ausgegeben. Geld, das erst wieder verdient werden musste.

    Natürlich hatte auch er Angst vor dem Zahnarzt. Aber aus völlig anderen Gründen als der Rest der Menschheit. Um ehrlich zu sein, machten ihn Frisörbesuche weitaus nervöser. Er hatte weiß Gott schon viele Frisöre gehabt. Mehr als Zahnärzte. Doch auch diese wechselte er bei fast jedem zweiten oder dritten Besuch. Immer dann, wenn er sich schlecht behandelt fühlte. Ungenügend beraten. Und schier abgezockt.

    Zahnärzte, die ein Leuchten in den Augen bekamen, wenn sie einen Blick in des Patienten Mund warfen, mussten unbedingt gemieden werden. Das deutlich hörbare Klingeling rührte nicht von heruntergefallenem, medizinischem Besteck her, sondern von der imaginären Kasse im Kopf so manchen Arztes. Mit einem Male schienen der teure Behandlungsstuhl, die extravagante Wandbemalung und die hochmoderne IT-Einrichtung bezahlt. Vom dritten Jahresurlaub ganz zu schweigen.

    Begonnen hatte alles mit dem üblichen Dorfzahnarzt, der mit seiner Ausbildung aus den 40ern und dem Equipment aus den 50ern des letzten Jahrtausends zwar die komplette Jugend vom ersten Milchzahn bis zur ersten Zahnlücke begleitete, dabei aber Schlimmes anrichtete. Da wurde gebohrt, gezogen und mit Amalgam aufgefüllt, dass es nicht mehr schön war. Mit dem Umzug aus der Heimat kamen auch neue Ärzte und das Wissen um die Wichtigkeit gesunder und schöner Zähne. Ab hier ging es quasi nur noch um Schadensbegrenzung.

    Jeder Zahnarzt den er besuchte, war ihm von jemandem empfohlen worden. Denn jeder ist mit seinem Zahnarzt zufrieden. Oder weiß es einfach nicht besser. Komischerweise schien außer ihm niemals jemand auf der Suche nach einem Zahnarzt zu sein. Jeder Befragte schwor auf seinen. So hatte ihm eine Freundin ihren Zahnarzt ans Herz gelegt. Er sei geduldig, kompetent und sehr gut, beschrieb sie. Nun, er war gut darin, Amalgam zu Gold zu machen. Im Mund und in der Tasche. Als er den Arzt Tage später grinsend und weiße Zähne bleckend in einem Jaguar vorbei fahren sah, dachte er sich, dass zumindest die Kühlerfigur nur durch seinen Besuch bezahlt worden war.

    Und offenbar lernte er nicht. Immer wieder fiel er auf toll designte Homepages, teuer eingerichtete Praxen, unglaublich hübsche und freundliche Sprechstundenhilfen und warme, freundliche Worte herein. So wie auch dieses Mal. Seit zehn Minuten hockte er nervös auf dem vermutlich unglaublich teuren Behandlungsstuhl, der so strahlend weiß war, dass bestimmt noch keine zehn Patienten darauf Platz genommen hatten. Leise Musik rieselte aus einem unsichtbaren Lautsprecher, der Monitor zeigte beruhigende Tierfilme.

    Doch nichts beruhigte ihn. Er wusste, dass ihm in wenigen Minuten die teuersten Behandlungen angeboten wurden, alles natürlich nötig und nur in seinem Sinne. Er schwitzte und spürte, wie sich seine Hände um die weißen Armlehnen des Stuhls  klammerten und seine Knöchel ebenso weiß hervor traten. Er musste raus, stand auf, schlich sich an der hübschen und freundlichen Rezeptionisitn vorbei und verließ heimlich die edel und teuer eingerichtete Praxis. Er würde nie wieder zurück kommen. Und beschloss, seinen Adrenalinpegel in nächster Zeit nur von einem Frisör in die Höhe treiben zu lassen. Haare wuchsen schließlich schneller nach als Zähne.

  • Ist Stuttgart 21 etwa Stuttgart 00?

    Ein Kopfbahnhof war und ist etwas Besonderes. Im Vergleich zum alltäglichen Durchgangsbahnhof stellt der Kopfbahnhof architektonisch und auch betrieblich eine große Herausforderung dar. Und er macht Sinn. Wo der Platz für einen Durchgangsbahnhof fehlt, weil es die örtlichen Bedienungen oder einfach das natürliche Wachstum einer Stadt verhinderte, kam ein Kopfbahnhof zum Zuge (sic!). So haben sehr viele deutsche Großstädte einen Kopfbahnhof. Beispielsweise München, Frankfurt oder Leipzig. Und natürlich auch Stuttgart.

    In früheren Jahren waren Kopfbahnhöfe betrieblich sehr aufwändig. Ankommende Züge mussten in entgegen gesetzter Fahrtrichtung wieder abfahren. Um dies zu bewerkstelligen, brauchte es eine neue Lokomotive, die schon vor der Einfahrt des Zuges auf einem Nebengleis bereit stand und sofort nach Halt des Zuges an dessen Ende angekuppelt werden konnte. Ein solcher Richtungswechsel ging daher nur mit erheblichem Aufwand, mit einer Menge Personal und Zeitverlust über die Bühne. Abhilfe schaffte bald die Erfindung der Steuerwagen. Hierbei verbleibt die Lokomotive an ihrem Platz im Zug. Dieser wird dann einfach durch einen Führerstand im letzten Waggon gesteuert. Langwieriges Umrangieren entfiel und ein Zug konnte schnell den Bahnhof wieder verlassen. Unabdingbar in derart großen Knotenbahnhöfen.

    Mit dem Einsetzen der ICE-Züge sprach sich die Bahn schon vor vielen Jahren dafür aus, im Fernverkehr möglichst auf Lok-gezogene Züge zu verzichten. Triebzüge, die grundsätzlich an beiden Enden über einen Führerstand verfügen sind universell einsetzbar und an jedem Bahnhof (egal ob Kopfbahnhof oder nicht) zu wenden. Aus meiner Erfahrung als ehemaliger Fernverkehrslokführer weiß ich noch, welch großer Aufwand in Basel SBB nötig war, wenn Eurocitys von Deutschland weiter in die Schweiz fuhren und die deutschen Lokomotiven mit entsprechenden Schweizer Lokomotiven getauscht werden mussten. Mit der Einführung internationaler Triebzüge entfiel auch das.

    So ist es eine Tatsache, dass die Bahn sich löblich darum bemühte, den Aufwand der nunmal bestehenden Kopfbahnhöfe zu verringern, indem man entsprechende Fahrzeuge bestellte. Die Standzeit eines ICE in einem Kopfbahnhof ist nur marginal länger als in einem Durchgangsbahnhof. Ziel des Fernverkehrs ist es, mit Lokomotiven bespannte Züge nur noch in Ausnahmefällen fahren zu lassen. Angesichts dieser Tatsache ist ein Festhalten an einem Projekt wie Stuttgart 21 nur als politische Dummheit zu bezeichnen. Wenig spricht dafür, aus dem Stuttgarter Hauptbahnhof einen Durchgangsbahnhof zu machen. Die nötigen Mittel für den Aufbau rechtfertigen in keiner Weise den zu erwartenden Vorteil.

    Das Projekt Stuttgart 21 war von Anfang an eine Totgeburt, die bislang Planungsgelder in Millardenhöhe verschlungen hat, von den Bürgern nicht gewollt und ein reines Prestigeprojekt ehemaliger und jetziger Politiker ist. So hört man die Projektgegner argumentieren. Die Befürworter hingegen führen an, dass durch den Bau eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs die zugegeben sehr große Fläche des Vorbahnhofs entfällt und für den weiteren Städtebau genutzt werden kann (wie oben erwähnt, haben Kopfbahnhöfe durch notwendige erhöhte Logistik viel mehr Weichen und Gleise als ein Durchgangsbahnhof). Außerdem würde der Schienenverkehr schon dadurch beschleunigt, als Züge in einen Durchgangsbahnhof mit 60 bis 100 km/h einfahren können, während im Kopfbahnhof nie mehr als 30 km/h erlaubt sind. (Aus meiner Erfahrungen weiß ich selbst, dass sich Verspätungen nur durch gekonntes Bremsen wieder „reinholen“ lassen. Züge fahren niemals über ihre erlaubte Geschwindigkeit hinaus, aber ein schnelleres Einfahren und späteres Bremsen im Bahnhof bringt gut zwei Minuten Zeitgewinn mit)

    Die Bauarbeiten am neuen Stuttgarter Bahnhof haben in diesen Tagen begonnen und die Gegner und Demonstranten gehen auf die Barrikaden. Zu Recht, wie ich finde. Mir scheint es, als hätte sich Stuttgart 21 irgendwann zu einer fixen Idee entwickelt. Ein Traum, den einige Köpfe auf Biegen und Brechen durchsetzen wollten, planten, Gelder ausgaben, Verträge unterschrieben. Mit dem Ergebnis, dass dieser Traum nun an einem Punkt angelangt ist, wo er zwar immer noch keinen wirklichen Sinn macht, aber eigentlich nicht mehr rückgängig zu machen ist. Liest man die technischen Details, so kann man sich natürlich die Vorteile schön rechnen, die Anbindungen an den internationalen Verkehr loben, die Bereitstellung neuer Wohnfläche in der Stuttgarter City erwähnen und selbst die Schaffung der Arbeitsplätze für den Bau selbst mit einbeziehen. Doch auch hier stellt sich grundsätzlich die Frage nach dem Kosten/Nutzen-Faktor. Und letztlich scheint auch eine persönliche Note mitzuspielen. Ich selbst bin zwar kein Suttgarter, weiß aber von einigen Bewohnern, dass sie ihren Bahnhof lieben, so wie er ist. Als Knotenpunkt in der Innnenstadt. Als sichtbares Tor zur schwäbischen Metropole.

    Ich frage mich, ob Frankfurt beispielsweise auch schon einmal darüber nachgedacht hatte, ihren Kopfbahnhof unterirdisch als Durchgangsbahnhof zu erneuern. Schließlich ist auch Frankfurt ein nicht zu unterschätzender Knotenpunkt im internationalen Reiseverkehr (wobei man sich in Frankfurt natürlich mit dem Flughafen-Bahnhof eine schnelle Möglichkeit in unmittelbarer Nähe gebaut hat). Dass die Umwandlung eines Kopfbahnhofs zu einem Durchgangsbahnhof auch Probleme mit sich bringen, zeigt Köln sehr deutlich. Viele wissen gar nicht, dass auch Köln Hbf ursprünglich ein Kopfbahnhof war. Erst sehr viel später wurde beschlossen, den Bahnhof über die Hohenzollernbrücke durchgängig zu machen. Angesichts des geringen Platzes direkt vor dem Kölner Dom mussten dafür extrem enge Weichenanlagen und Kurven gebaut werden. Mit dem Ergebnis, dass die Weichen vor dem Kölner Hbf deutlich wartungsintensiver sind als anderswo, bedingt durch die hohen Belastungen, denen sie minütlich ausgesetzt sind. Dies ist natürlich nur ein kleiner Makel und würde nicht im Geringsten dafür sprechen, Köln als Kopfbahnhof bestehen zu lassen.

    Stuttgart 21 wird kommen, zu viel wurde bislang investiert und zu viele Köpfe wollen das Ende des Kopfbahnhofs sehen. Ob das Projekt Sinn macht, wage ich persönlich allerdings zu bezweifeln.

  • Sammeln Sie Punkte?

    Der Einkaufswagen wollte einfach nicht aufhören, sich zu füllen. Das Förderband an der Kasse schob unentwegt Artikel über den Laser-Scanner. Rhythmische Piepsgeräusche ließen die Rechnung in die Höhe steigen. Es schien Stunden zu dauern, bis endlich alle Einkäufe registriert waren. Die Schlange wartender Kunden hinter mir wurde länger und länger. Doch das merkwürdigste an diesem Traum stand mir erst noch bevor. Ich zückte mein Portemonnaie als die Kassiererin fragte:

    „Haben Sie eine Payback-Karte?“

    „Nein.“

    „Eine Kundenkarte?“

    „Nein.“

    „Eine Deutschlandkarte?“

    „Nein.“

    „Eine Bonus & More-Karte?“

    „Nein.“

    „Eine Happy Digits-Karte?“

    „Nein.“

    „Eine Miles & More-Karte?“

    „Nein.“

    „Eine ADAC-Mitgliedkarte?“

    „Nein.“

    „Eine BahnCard?“

    „Nein.“

    „Sammeln Sie Punkte?“

    „Ja“, antwortete ich erfreut und deutete auf meinen Rücken, der von einem roten Tuch mit schwarzen Tupfern bedeckt wurde, „ich bin doch ein Marienkäfer.“ Zum Glück erwachte ich kurz darauf.

  • Ich male meine Follower – In Hamburg

    Der Taxifahrer fuhr früher zur See und damals war alles ganz anders am Kiez. Die Mädchen waren leichter, wie er sagt, und nicht so durchtrieben. Man gab einem Mädchen Geld und hatte es für eine Woche an seiner Seite, so lange das Schiff im Hafen lag. Heute war, wie gesagt, alles anders. Und die Fahrt vom Hotel zum Stilwerk in Hamburg viel zu kurz, denn der Taxifahrer hätte bestimmt ein ganzes Sammelsurium interessanter Geschichten zu erzählen gehabt. Letztlich waren wir aber auch hier um selbst interessante Geschichten zu erleben. Die Künstlerin Michaela von Aichberger hatte zu ihrer Ausstellung geladen. Unter dem Namen @Frauenfuss malt die ausgesprochen natürliche und liebenswerte Michaela ausgewählte Menschen, die ihr bei Twitter folgen. Das besondere daran ist, dass sie keine wirklichen Portraits malt, niemand Modell stehen muss und sie sich stattdessen von den Twitter-Accounts der Leute inspirieren lässt. Von den Profilbildern, von den gewählten Namen und nicht zuletzt vom Geschriebenen. Daraus entstehen manchmal skurrile, witzige und doch meist recht treffende kleine Kunstwerke, die sie in Moleskines festhält. Und das Ganze nennt sich dann „Ich male meine Follower“.

    Zum vierten Mal nun wurde eine Vernissage organisiert und diesmal fand sie in besagtem Stilwerk in Hamburg statt. Direkt neben dem berühmten Fischmarkt in einem alten Speicherstadt-Gebäude dessen Interieur kaum moderner hätte wirken können. Oben in der fünften Etage trafen wir auf eine Party, die unsere Vorstellung sprengte. Wir, das waren mein „Schwesterherz“ @LadyGeen und ein sehr guter Freund aus Freiburg @kollektivb. Schon als wir den großen Saal betraten, war ich überwältigt, wie viele Menschen her gefunden hatten. Im vorderen Bereich des Raumes standen Stühle vor einem Podium, wo in wenigen Minuten die Lesungen bekannter Blogger und Twitterer stattfinden sollten, weiter hinten, schön beleuchtet, die kleinen Kunstwerke in dezenten schwarzen Rahmen. Schnörkellos und schick präsentiert. Die Veranstaltung war (bis auf die schnell knapp werdenden Getränke) großartig organisiert, chillige Musik schallte, Fotos knipsten, Kameras filmten und selbst die Hamburger Morgenpost fing Stimmen ein.

    Nun wird man sich als Außenstehender, der besonders mit Twitter gar nichts am Hut hat fragen, weshalb man zu einer solchen Ausstellung geht. Und dafür gibt es eine Menge Gründe. Der wichtigste für mich war mit Sicherheit der persönliche Kontakt. Endlich mal die Menschen hinter den Tweets treffen zu können. Zu sehen, wie diese Schreiberlinge im realen Leben aussehen und wirken. Gute Bekannte, Freunde treffen und vielleicht neue finden. Die virtuelle Ebene von Twitter zu verlassen und auf eine persönliche herunter zu holen. Ein jeder trug seinen Twitternamen sichtbar an seinem Körper und wie oft ich stehen blieb und verdutzt zu mir selbst sagte „DAS ist…?“ kann ich gar nicht zählen.

    Twitter, das wurde hier wieder besonders deutlich, ist nicht nur die anonyme Plattform, auf der sich lichtscheues Gesindel mit Oberflächlichkeiten bewirft. Hinter den Tweets, hinter den Profilbildern und lustigen Namen stecken Menschen, meist wie du und ich. Man kann bei Twitter wertvolle Menschen finden, mit denen man sich anfreunden möchte. Man kann auch Menschen kennenlernen, denen man in echt lieber nicht begegnen möchte. Alles ist möglich und auf einer solchen Veranstaltung, weg von der Tastatur, filtert sich schnell heraus, „wer wie drauf ist“.

    Genau das fängt Michaela von Aichberger in ihren kleinen Gemälden ein. Sie zeigt, wie sie die Twitterer an der Tastatur wahrnimmt. Wie ähnlich diese Art, sich im Netz zu präsentieren dem kommt, was jemand im echten Leben darstellt ist oftmals verblüffend, wie sie selbst sagt. Ich traf einige mittlerweile sehr gute Freunde wie @emiliablue oder @kleinkram oder @rachelzwitscher. Doch sollten im Laufe des Abends noch viele Gespräche geführt werden, bei denen man feststellt, dass man auch ein @Eimerchen, einen @pjakobs, eine @snoopsmaus oder selbst einen @germanpsycho nicht mehr missen möchte. Echte, tolle Menschen hinter witzigen Namen versteckt. Und alle schon mit einem Bild von @frauenfuss geehrt.

    Und diese Ehre wurde am Ende des Abends dann sogar mir zuteil. Beseelt von Rotwein stand ich aufgeregt am Tisch der Künstlerin und beobachtete sie, wie sie mich in der Badewanne malte. Natürlich mit einem Glas Rotwein in der Hand. Und einem charmanten Schreibfehler im Begleittext. Ja, ich war stolz auf das Portrait. Und zum Dank gab es noch eine feste Umarmung dazu.

    frauenfussbild

    Der Abend war perfekt. Wie ließen ihn weit nach Mitternacht in einer Kneipe bei gutem Essen ausklingen, nur um danach wieder Fahrt aufzunehmen und den Kiez unsicher zu machen, in einer Bar und einem Irish Pub zu landen um schlussendlich am Fischmarkt zu frühstücken und zu beobachten, wie es hell wird. Der Taxifahrer, der uns zum Hotel zurück brachte, hatte es eilig und ein Möwenmordtrauma, was mich allerdings nicht wirklich interessiert.

    Die Bilder von @Frauenfuss sind derzeit noch in Hamburg zu besichtigen, weitere Termine werden mit Sicherheit auf ihrer Website und natürlich bei Twitter bekannt gegeben. Außerdem hat man in ihrer Twitpic-Galerie die Chance, alle Gemälde sehen zu können. Ihr Mann Michael von Aichberger fing tolle Momente ein, die hier betrachtet werden können. Ich werde meine Flickr-Galerie morgen mit eigenen Fotos bestücken und dann hier verlinken.

  • Der graue Anorak

    Der graue Anorak

    Langsam schob sich der Zug vorwärts. Die kräftige Diesellok am Ende rumorte auf Sparflamme. Die Wagen durfte nur mit 2 km/h durch die Waschanlage gedrückt werden. Ich hielt den Tachometer im Auge, gab Gas, ging wieder in Leerlauf und ließ nebenher meine Gedanken kreisen. Die Nacht war ruhig gewesen, richtig angenehm und in drei Stunden würde ich in mein Auto steigen und nach Hause fahren. Die Motoren meiner Lok waren die einzigen Geräusche in dieser Nacht. Der Bahnhof lag still da. Auf den Nebengleisen warteten bereits Garnituren untersuchter und gereinigter Waggons darauf, wieder eingesetzt zu werden. Der sichtbare Erfolg der Arbeit. Personenwaggons ohne Licht haben etwas eigenartig an sich. Etwas lebloses.

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  • Avatar

    Ja, okay, Avatar ist Pocahontas in Space. So what? Ja, okay, man kann Avatar sehr vieles vorwerfen: kein wirkliches Charakter-Design, keine neuartige Story, flache Figuren und Dialoge. Ja, und manche schaffen es sogar, dem Film Fremdenfeindlichkeit und Rassismus vorzuwerfen. Neben der Holzhammer-artigen Message und Philosophie. Avatar bietet genug Fläche für Unmut und Hass. Der Film bietet aber auch genug Fläche, um ihn für einen der besten des vergangenen Jahres zu halten.

    Wer in einen Film wie Avatar geht und eine Litarturverfilmung erwartet, der möchte auch bei der Pizzeria um die Ecke einen 5-Sterne-Koch wissen. Avatar ist in erster Linie Spektakel, Bildgewalt, Feuerwerk. Und das par excellence. Noch nie, und ich wiederhole es gerne, noch nie habe ich etwas derartiges auf der Leinwand gesehen. Als James Cameron immer wieder betonte, er würde nur deshalb so lange an dem Film arbeiten, weil die Technik noch nicht so weit sei, ahnte ich Schlimmes. Schon die Matrix-Macher erzählten ähnliches über ihre Fortsetzungen. Wer Avatar aber insbesondere in 3D gesehen hat, kommt kaum umhin, Cameron beizupflichten. Als Schauwert ist der Film quasi perfekt.

    Die Grenzen zwischen Realität und Computer-Design sind noch nie so gut verschwommen. Obwohl die blauen, unwirklichen Navii aus dem Rechner stammen, vergisst man das schon nach wenigen Minuten.  Man vergisst alles. Der Film reißt einen mit, katapultiert den Zuchauer in eine fremde, faszinierende und wunderschöne Welt und nimmt ihm dabei den Atem. Genau dafür wurde Kino erfunden. Wie neu muss eine Geschichte sein, damit sie fesselt? Überhaupt nicht. Nicht das Neue fasziniert, sondern die Art, wie sie erzählt wird. Und hier erlaubt sich Avatar kaum Schnitzer.

    Kino, das mich den Atem anhalten lässt, das mich alles um mich herum vergessen lässt, das mich zum lachen bringt, mir Tränen in die Augen treibt und mich die Sitzlehne fester packen lässt, hat meiner Ansicht nach alles richtig gemacht. Avatar macht in dieser Hinsicht alles richtig. Er erzählt eine im Grunde bekannte Geschichte auf die bester aller Arten. Und ich persönlich bekomme lieber alte Geschichten packend erzählt, als neue lahm.

    Während des Abspanns da zu sitzen und keine Worte zu finden, was man eben zweieinhalb Stunden erlebt hat, ist mir schon sehr lange nicht mehr passiert. Im Übrigen bin ich auch erst jetzt davon überzeugt, dass der derzeitige 3D-Wahn seine Berechtigung haben kann. James Cameron hat sich mit diesem Film ein weiteres Denkmal gesetzt und es ist schon bezeichnend, dass er nun mit zwei Filmen die Liste der erfolgreichsten Filme anführt. Ich finde Avatar fucking großartig. Ich war und bin begeistert. In allen drei Dimensionen.

  • Der richtige Weg

    dunkel breitet er sich vor dir aus
    verschwindet noch vor dem horizont
    um dich herum nur dunkler wald
    stimmen flüstern daraus
    machen dir angst, zwingen dich zum umkehren
    zum aufgeben
    doch du weißt
    du bist auf dem richtigen weg

    siehst du die lichter da vorne
    dort willst du hin
    nur wenige werden verharren
    andere kommen dir entgegen
    rempeln dich an, reißen dich um
    lassen dich straucheln
    doch du wirst aufstehen und weiter gehen
    denn du bist auf dem richtigen weg

    du hast abkürzungen genommen
    bogst falsch ab
    und fandest dich in sackgassen wieder
    abkürzungen führen nie ans ziel
    manch leuchtende wege verlieren sich
    nur deshalb bist du dir sicher
    du bist auf dem richtigen weg

    kein flüstern schreckt dich mehr
    kein rempeln und straucheln hält dich auf
    du weißt, wohin du willst
    zu dem einen licht das verharrt
    du kennst dein ziel
    und du bist
    auf dem richtigen weg

  • Was bloggen wir denn heute?

    Wenn einer der Gründe, sich vom bloggen zu verabschieden der ist, nicht mehr so öffentlich zu leben und nicht mehr so viel von sich preis zu geben, dann hat man natürlich ein kleines Problem, wenn man doch wieder bloggt. Ein Blog ist per se immer persönlich. Selbst Kino-, Kochrezepte-, und Bastelanleitungstippsblogs sind in erster Linie persönlich (wenn sie von Privatpersonen erstellt und gepflegt werden). In diesen Fällen bestimmt letztlich nur das Thema den Ton. Beschließt man also zu bloggen ohne dabei persönlich zu werden, so muss man andere Themen finden.

    Seit dem 1.Januar hat mein Blog fünf neue Artikel zu bieten und ich muss gestehen, sie sind doch wieder persönlicher geworden als geplant. Ich kann auch hier offenbar nicht so wirklich aus meiner Haut. Denn die Alternative wäre wirklich nur, über Filme und Spiele zu schreiben. Oder das blöde Fernsehprogramm. Oder das Wetter. Nun ja. Nicht so prickelnd. Dazu gehen mir zu viele andere Dinge durch den Kopf und die wollen raus.

    Bloggen wird irgendwann zum Bumerang. Das Netz vergisst nie. Und die Leser erst Recht nicht. Bei jedem Satz muss im Hinterkopf die kleine Glocke läuten, die daran erinnert, dass jeder geschriebene Satz etwas bewirken kann, etwas auslöst. Wenn ich etwas hasse, dann sind es subtile Mitteilungen, die man in dieser medialen Welt lancieren kann. Früher, da ging man sich aus dem Weg und sah und hörte sich nie mehr.  Heute hinterlassen wir subversive Meldungen bei Twitter und Facebook, zeigen der Welt und ganz besonders dieser einen Person recht deutlich, was wir nicht persönlich sagen wollen oder können. Wir bloggen über ein bestimmtes Thema und wissen, dass eine ganz bestimmte Person es lesen und ganz genau verstehen wird, was wir damit meinen. Oder die Freunde dieser Person, die es pflichtbewusst weiter tragen.

    Das ist nicht schön. Und führte dazu, bereits jetzt drei Blogartikel auf Halde zu haben, die ich nur nicht veröffentliche, um keine Mitteilungen zu verschicken. Nicht einmal unbeabsichtigt. Ich fürchte, bestimmte Menschen könnten eben jene Artikel falsch verstehen und genau das gilt es zu vermeiden. Auf einem Blog macht man sich angreifbar. Und manchmal greift man auch an. Ich kenne das. Es ist ein schreckliches Spiel.

    Und was ist die Konsequenz daraus? Man könnte es sich leicht machen und sagen: Ich bin nur dafür verantwortlich, was ich sage/schreibe, nicht dafür, was du verstehst. Doch damit macht man es sich vielleicht doch zu einfach. Blogs und das Web2.0 sind nicht die reale Welt, ersetzen niemals ein Gespräch, sind kein echter Dialog, kein Austausch, sondern nur eine Ansammlung von Phrasen und Gedanken, die verstreut werden, in der Hoffnung irgendwo anzukommen.

    Aber es gibt persönliche Dinge, die ich loswerden möchte und das werde ich auch genau hier tun. Ich werde niemals jemanden direkt angreifen und ich werde ganz bestimmt keine subtilen Mitteilungen machen. Selbst dann nicht, wenn ich GENAU weiß, dass ein bestimmter Mensch es liest. Was ich den Menschen zu sagen habe, das sage ich ihnen. Und was ich denke – nun, auch das sage ich. Und ein winzig kleiner Bruchteil davon erscheint hier. Warum das so ist, darüber denken wir dann ein ander Mal nach.

  • Verschick dein Gold

    In mir brennt gerade eine neue phantastische Geschäftsidee. Eine Idee, die mich so richtig reich machen könnte. So richtig richtig reich. So Scheiße-reich, dass ich mir alle zehn Minuten auf jedem deutschen Sender Werbespots leisten könnte und dennoch nicht pleite ginge. Und ich kann gar nicht fassen, dass bislang niemand auf diese Idee gekommen ist. Denn sie ist so simpel, wie man es sich nur vorstellen kann. Wie die meisten erfolgreichen Ideen. Und da ich ein so generöser Mensch bin, lasse ich euch, meine mir treu gebliebenen Leser, daran teilhaben. Passt auf, folgendes stelle ich mir vor:

    Ich stelle einen Service zur Verfügung, bei dem die Leute ihr altes Gold loswerden können. Niemand braucht Gold. Alle wollen Geld. Denn Geld ist beständig und Gold verliert pausenlos an Wert. Das ist zwar alles nicht wahr, aber das mache ich den Leute schon noch weiß. Die Leute wissen einfach noch nicht, dass sie ihr Gold loswerden wollen. Und noch viel schlimmer, sie wissen auch nicht wie. Da komme ich ins Spiel. Ich biete ihnen einen Service der verführerischer kaum sein kann. Meine Kunden können bei mir kostenlos eine Tüte bestellen. In diese packen sie dann ihr ganzen Altgold und schicken die pralle Tüte mal einfach so an mich zurück. Echt, ich bin sicher, das machen die, obwohl sie weder mich noch mein Unternehmen kennen. Wie gesagt, die wollen ihr Gold ja um jeden Preis los werden (weil ich ihnen das einrede). Und was ist schon dabei, sein Vermögen ohne Sicherheit an wildfremde Menschen zu schicken? Wenn das Zeug bei mir ankommt, lege ich es billigen Gutachtern vor, die kennen sich besser aus als ich. Diese stellen den Wert des Goldes fest und ich – passt auf, jetzt kommt das magische – überweise sofort den Betrag an den Absender. Naja, also nicht den ganzen Betrag versteht sich. Etwa 15% des Wertes. Der Rest geht selbstverständlich für Aufwandsentschädigung, Steuer, Personalkosten, Porto und Werbung drauf. Die (für mich leider nicht) kostenlosen Tüten nicht zu vergessen. Und hey, ich will ja auch ein wenig daran verdienen, haha.

    Versteht ihr? Die Leute schicken mir einfach so ihr Gold und ich gebe ihnen nicht mal ansatzweise das Geld, das es wert ist. Das funktioniert. Hat ja bei der Abwrackprämie auch geklappt. Ich sage immer: Mach es den Leuten so einfach wie möglich, ihr Vermögen loszuwerden. Denn sie wollen es loswerden. In meinem äußerst seriösen Werbespot lasse ich dann zur Untermauerung der Sicherheit und Attraktivität meines Angebots einen „Kunden“ auftreten, der den Zuschauern mit ernster Miene erzählt, dass er knapp 200 Euro überwiesen bekommen hätte und überrascht war, wie schnell das ging. Hat er natürlich nicht. Und hätte er 200 Euro bekommen, so hätte ich Gold im Wert von weit über 2000 Euro in seiner Tüte gehabt. Aber das weiß der arme Trottel ja nicht.

    Ich bin so von dieser Idee überzeugt, dass ich mich gleich daran mache… wie, was? Das gibt es schon? Wollt ihr mich verarschen? Diese Idee hatte schon jemand? Das kann doch jetzt nicht euer Ernst sein. Oder?

  • Vorsätzlich

    Zu Silvester ist es Brauch, sich gute Vorsätze für das kommende Jahr zu machen. Meist werden sie nicht eingehalten und irgendwie weiß auch jeder, dass es nichts bringt, sich an einem willkürlichen Datum wie dem 31.12 etwas für das komplette neue Jahr vorzunehmen. Dennoch tun es die meisten. Wichtig dabei ist, ganz im Vergleich zum Sternschnuppen-Wünschen, die Vorsätze laut und deutlich auszusprechen, so dass ein jeder sie hören und einem ein Jahr später um die Ohren pfeffern kann, wenn man sie nicht eingehalten hat. Das Schöne an einem Blog ist: ich kann das in aller Öffentlichkeit tun.

    Dass (ein Großteil von) 2009 mein persönlich beschissenstes Jahr überhaupt war, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Umso wichtiger wiegen meine vier Vorsätze für 2010. Sie sind wichtig für mich. Als Beweis für.. nunja, das kann ich sagen, wenn ich es geschafft habe. Vermutlich nur als Beweis, es schaffen zu können. Bitte fragt im September nochmal, wie weit ich mit meinen Vorsätzen gekommen bin und schlagt mich im Dezember, wenn ich nicht wenigstens einen davon umsetzen konnte.

    1) Ich möchte endlich wieder Gitarre spielen. Diesen Wunsch trage ich nun schon seit so vielen Jahren mit mir herum und irgendwann vor langer Zeit nahm ich sogar an einem Einsteigerkurs teil. Das Wissen von damals ist mittlerweile komplett verschwunden. Es wäre also nötig, wieder ganz von vorne anzufangen. Das nehme ich mir für 2010 vor.

    2) Ich möchte Spanisch lernen. Und ehrlich gesagt, frage ich mich hin und wieder, weshalb eigentlich. Ich könnte auch mein Englisch aufbessern, Italienisch lernen oder Russisch. Aber ich entschied mich für Spanisch. Zwei der wichtigsten Sätze kann ich bereits (Ja, ich habe sehr viel gelernt im letzten Jahr, unter anderem auch dies): „Necesito un beso“ und „Te chiero tus ojos“ Ich möchte 2010 endlich einen Spanischkurs machen.

    3) Ich möchte mich in einem Ruderverein anmelden. Sport tut Not, aber da mir Schwimmen Nackenprobleme bereitet und ich mit Joggen nun gar nichts anfangen kann (trotz schweineteurer Schuhe), erinnerte ich mich an das Rudern. Ich habe immer gern gerudert, selbst wenn es nur an den entsprechenden Maschinen im Fitness-Studio war. Rudern ist perfekt für den Oberkörper und den Rücken. Es ist entspannend oder auspowernd. Und ich stelle mir die Einsamkeit auf dem Wasser, während man im Flow der Bewegung ist, als beruhigend Zen-artig vor. Ich möchte 2010 regelmäßig rudern gehen.

    3.5) Das Gesamtziel ist natürlich mehr als offensichtlich: Ich möchte ein muskelbepackter Gitarrenspieler werden, der am Lagerfeuer spanische Liebeslieder schmettert. Ein Scherz.

    4) Der letzte und wichtigste Vorsatz. Und da er die größte Bedeutung für mich hat, habe ich ihn direkt einmal abgeändert. Ursprünglich war der Vorsatz 2010 glücklich zu werden. Doch was heißt das? Wann ist man das? Was bedeutet glücklich? Und wie lange? Habe ich es geschafft, wenn ich eine Woche glücklich bin? Zuviele Fragen, die nicht beantwortet werden können. Deshalb lautet mein wichtigster Vorsatz für 2010 schlicht und einfach:

    4) Ich möchte lieben. Ich möchte richtig und ehrlich lieben und im Idealfall dieses Gefühl erwidert bekommen. Alles weitere (auch das mit dem Glück) findet sich dann von alleine. Denn letztlich will ich die spanischen Liebeslieder auf meiner Gitarre nur für eine Frau spielen. Die ich von ganzem Herzen liebe. Kein Scherz.

    Ich habe noch 363 Tage Zeit! Ich schaffe es.

  • 60 Stunden Solitaire

    Der Name Solitaire stammt aus dem französischen und bedeutet „Allein“. Und er bezeichnet unter anderem ein populäres Kartenspiel, das natürlich allein gespielt wird. Man versucht dabei Ordnung in ein Chaos von herumliegenden und verdeckten Karten zu bringen. Auf meinem iPhone habe ich eine Variante dieses Spiels und die darin befindliche Statistik sagt, ich hätte in den letzten Wochen insgesamt 60 Stunden gespielt. Zweieinhalb Tage habe ich demnach nichts anderes getan, als Karten aufzudecken, sie zu ordnen und zu versuchen, Ordnung in das Chaos zu bringen. Zweieinhalb Tage meines Lebens. Nur für ein Spiel. Es bedarf keiner großen Phantasie um die Metapher zu erkennen, die ich hier zu beschreiben versuche.

    Vor etwas mehr als zwei Monaten zog ich mich aus dem Netz zurück. Quasi komplett, bis auf E-Mail und das Chatprogramm Skype, das mich nicht völlig von meinen Kontakten Abstand nehmen ließ. Selbst mein Blog ließ ich zurück. Dieser Schritt war wohl überlegt, nötig und richtig. Ich bereue ihn nicht. Ich habe die letzten zwei Monate genutzt, Ordnung in das Chaos zu bringen, unaufgedeckte Karten zu betrachten und zu versuchen, endlich Klarheit zu erlangen. Was soll ich sagen, es ist mir zu einem großen Teil gelungen und zu einem noch größeren noch nicht. Ich starte das neue Jahr 2010 mit vielen Erkenntnissen, mit vielen Plänen und mit einem Berg an Arbeit. Und ich kehre zurück ins Netz.

    Ab sofort möchte und werde ich wieder bloggen. Das Schreiben hat mir schon immer geholfen, bereits damals, als ich aus Liebeskummer meinen ersten Roman verfasste. Schreiben gehört zu mir. Ich habe es sehr vermisst. Allerdings werde ich unter anderen Voraussetzungen bloggen. Meine Geschichten bleiben persönlich, das Blog wird weiterhin deutlich als mein Blog zu erkennen sein. Aber ich setze mich nicht mehr unter Druck damit. Ich schreibe nur noch, wenn mir etwas einfällt und meine Kreativität mich nicht im Stich lässt. Ansonsten nicht. Bloggen soll Spaß machen und diesen Spaß versuche ich wieder zu finden.

    Auch das Design hat sich geändert. Nunmehr noch minimalistischer. Damit möchte ich ein Zeichen setzen, dass es mir in meinem Blog einzig und allein um Texte und Fotos geht. Der ganze „Social-Kram“, die ganzen technischen Spielereien bleiben absichtlich außen vor. Hier gibt es nur was zu lesen, nichts zu spielen.

    Ich habe auch meinen Facebook-Account reaktiviert. Und auch dies ist wohl überlegt. Mein Rückzug von allen Kontakten (bis auf Skype) sollte mir helfen, mich wieder auf mich zu besinnen. Um zu erkennen, was ich eigentlich möchte und wohin ich möchte. Denn diese Frage umtrieb mich das ganze Jahr 2009 und führte mich von einer Katastrophe in die nächste (oder nächst schlimmere). Nun, da ich erste konkrete Antworten gefunden habe, sehe ich keinen Sinn mehr darin, mich abzukapseln. Ich möchte mich der Welt wieder öffnen, auch wenn es nur eine virtuelle, technische Welt ist. Ich öffne mich auch nur auf einer Plattform und weit vorsichtiger und unter anderen Vorzeichen. Was ich damit meine, werden die lieb gewonnenen Menschen, die ich durch das Netz finden durfte, bald bemerken. Twitter allerdings lasse ich derzeit noch in der Schublade. Die Gründe dafür erkläre ich vielleicht irgendwann.

    Wundervoll ist, dass ich das neue Jahr nicht unglücklich beginnen muss. Wo ich an einer Stelle Freunde verlor, kamen auf der anderen Seite neue dazu. Und mehr als das. Ich bin unendlich froh, diese geliebten Menschen um mich zu wissen. Zu wissen, dass sie sich kümmern, sich sorgen und dass ich so manche Karte nicht alleine einordnen muss. Und die restlichen Karten – da ist die Hoffnung größer denn je, auch das allein zu schaffen. Und währenddessen spiele ich Solitaire.