Schlagwort: geschichten

  • Was von der ersten Liebe übrig blieb

    Blutjung, blond, mit Mecki-Frisur und in Kniestrümpfen traf ich sie zum ersten Mal im Konfirmationsunterricht im örtlichen Gemeindehaus. Und offenbar wollte Gott, dass ich mich in sie verliebe. Oder „gut fand“, wie man damals sagte. Die kleine Sabine Fischer, mit ihren braunen glatten Haaren und den niedlichen Sandalen. Mit der ich mehr als nur die Konfirmationsunterrichte verbrachte. Für die ich in jenem Sommer mehrmals täglich zum Bäcker lief, um uns ein Mini-Milk-Eis für jeweils 30 Pfennig zu holen.

    Wie oft lagen wir im Schatten eines Kirschbaums in Fischers Garten, Eis essend, Micky Maus Hefte lesend. Sie besaß Exemplare, die meiner überaus großen Sammlung noch fehlten. Kniestrümpfe und Sandalen ruhten neben der Decke und wenn das Eis aufgegessen war und die Holzstäbchen im Gras steckten, kletterten wir auf den Kirschbaum um uns an den Früchten satt zu essen.

    Noch bevor der Sommer zu Ende und ich konfirmiert war, hatte sie schon mein Herz gebrochen. Meine Frage, ob sie mit mir gehen wollte, hatte sie deutlich verneint und sich stattdessen für den coolen Michael entschieden. Michael, den Fußballspieler auf dem Bonanza-Rad, der ihr keine Mini-Milks aus dem Bäcker brachte, sondern Sabine schickte, um „Brauner Bär“ für die beiden zu holen. Ich lernte meine Lektion. Und als ich mir von meinem Konfirmationsgeld meine erste eigene Stereoanlage von Aiwa kaufte, hörte ich alleine traurige 80er Musik, die ich auf Kassetten aufgenommen hatte.

    Und ich las nie wieder in Sabines Micky-Maus-Heft, das in diesem Sommer irgendwie Teil meiner Sammlung wurde, die ich heute noch besitze. Ob Sabine das Heft wohl vermisst? Ob sie Michael am Ende heiratete und ihre Kinder nun unter dem Kirschbaum liegen? Ich schätze, ich habe jetzt Lust auf ein Eis.

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  • Wegwerf-Musik

    Viel zu oft stelle ich fest, ein Dinosaurier zu sein. Sei es beim Lesen, bei Filmen oder bei Musik. Zwar bin ich ein Geek, ein Gadget-Nerd und kaufe stets die neuesten technischen Geräte. Doch beim kulturellen Genuss kann ich mich einfach nicht von meinen analogen Gewohnheiten lösen. So halte ich noch immer lieber ein echtes Buch aus Papier in den Händen als einen eBook-Reader. Noch immer steht lieber eine BluRay meines Lieblingsfilms im Regal, als nur eine digitale Kopie auf irgendeiner Festplatte liegen zu haben. Und bei Musik, nun da habe ich schon lange gebraucht, um auf eine komplett digitale Sammlung umzusteigen. Aber Streaming?

    Musik-Streaming ist für mich das Fast-Food des Musikhörens. Ich weiß nicht, was drin ist, ich möchte nur irgendwie satt werden. Vielleicht genieße ich es sogar kurz, bin danach aber sofort wieder hungrig und brauche mehr. Starte ich Spotify kann ich aus einer unüberschaubaren Anzahl an Playlisten auswählen, die ihrerseits eine unzählige Menge an Songs beinhalten. Die meisten mir völlig unbekannt. Was einerseits großartig ist. Ich starte eine Liste, die meiner jetzigen Stimmung entspricht und werde mit toller Musik bedient. Sie plätschert vor sich hin, sie dringt in mein Ohr und ist beim nächsten Song vergessen. Sie erreicht nicht mein Herz. Sie hat keine Bedeutung. Es ist Wegwerf-Musik.

    Oder besser gesagt, die Art des Hörens macht sie zu Wegwerf-Musik. Ich habe keinen Bezug dazu, kenne meist weder Künstler oder Titel, ich verbinde keine Erinnerungen damit, keine Emo­ti­o­na­li­tät. Anders in meiner eigenen Musiksammlung. Jeder Song hat dort seine Geschichte, sein Cover, seine Bewertung. Die Listen stelle ich zusammen, wie ich es für richtig halte. Es ist somit meine Musik.

    Natürlich könnte ich das beim Streaming ebenso. Aber das fühlt sich an, als würde ich den Garten eines anderen verschönern. Ich habe nur für den Moment etwas davon. Zahle ich für das Streaming nicht mehr oder der Dienst stellt sein Angebot ein, bin ich ausgesperrt.

    Und die Konsequenz? Ich bin wieder kurz davor, meine alten CDs aus dem Keller zu holen. Ja, vielleicht erstehe ich sogar einen günstigen Schallplatten-Spieler und versuche, meine alten Perlen auf Vinyl zu bekommen. Warme, analoge Musik. Zum Anfassen. Zum Genießen. Um sie zu behalten.

  • 80 Soldaten

    80 Soldaten

    Im Jahre 1866 machte sich die Armee Liechtensteins zu ihrem letzten Einsatz auf. 80 Soldaten marschierten gen italienischer Grenze, um diese zu bewachen und zu schützen. Der Einsatz war ein Erfolg, niemand wurde getötet. Tatsächlich kam die Truppe sogar 81 Mann stark zurück in die Heimat. Man hatte unterwegs einen neuen Freund dazu gewonnen. Einen Italiener. Oder einen Österreicher.

    Diese kleine Geschichte wärmte heute meine Seele und zauberte mir ein winziges Lächeln herbei. Die Fakten widersprechen sich zwar, je nachdem wo und wie lange man recherchiert, doch die Idee einer Armee, die unterwegs Freunde findet, ist einfach herrlich.

  • Die Ex

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    Dann kommt der Zeitpunkt, an dem du die neue gefunden hast und glücklich bist. Und dir gar nicht mehr vorstellen kannst, wie du es so lange mit der alten aushalten konntest. Natürlich erinnerst du dich an die zumeist schönen Zeiten, glanzvolle Erinnerungen voll leichter Wehmut. Doch du erinnerst dich auch an die schlechten Zeiten, in denen dir alles zu eng wurde und du ausbrechen wolltest. Und nun ist der Lack ab, das neue lockt, und alles was vergangen, scheint grau.

    Bis die Nachfolger auf den Plan treten. Das elende Pack, die Meute, die wie Geier nur darauf gewartet haben, dass du endlich verschwindest. Sie sind voll des Lobes, schwärmen, umgarnen und heben sie auf einen Sockel. Doch lass dich nicht täuschen. Natürlich hinterfragst du deren Euphorie, fragst dich, ob du einen Fehler gemacht hast. Fragst dich, was mit dir nicht stimmt, dass du dir einfach eine neue gesucht hast. Die alte zurück lässt. Hat sie denn wirklich den Lack ab oder liegt es an mir? Weshalb ist jeder begeistert außer mir?

    Verzweifle nicht. Du hast alles richtig gemacht. Diese Gefühle kommen immer, die Wehmut übernimmt gerne das Ruder. Bewahre dir das Gefühl in deinem Herzen. Lass sie los, in dem guten Wissen, dass sie lange genug perfekt zu dir gepasst hat und immer noch so großartig ist, wie damals, als du sie zum ersten Mal sahst. Doch ihr habt euch auseinander gelebt. Niemand kann etwas dafür. Lass sie gehen und anderen ihre Freude an ihr haben.

    Freu dich einfach auf deine neue Wohnung.

  • Weil ich ein Mann bin?

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    Warum muss das Essen immer etwas würziger sein, das Steak etwas blutiger, die Portionen etwas größer? Warum muss die Massage immer etwas härter sein, das Wasser etwas heißer, der Kaffee etwas kräftiger? Warum muss die Geschwindigkeit immer etwas höher sein, die Entfernung etwas weiter, das Gefühl etwas intensiver? Warum muss der Bass immer etwas stärker sein, die Lautstärke etwas höher, der Bildschirm etwas größer? Warum muss der Prozessor immer etwas schneller sein, das Gadget immer etwas dünner und immer etwas exklusiver? Warum muss die Küche immer etwas größer sein, der Equipment etwas professioneller, die Messer etwas schärfer? Warum muss der Kontostand immer etwas höher sein, das Ansehen etwas größer und der Urlaub etwas länger? Warum müssen Chips immer etwas knuspriger sein, die Action etwas krachender, die Gags zum totlachen?

    Warum muss es immer etwas mehr sein? Nur etwas…?

  • Wir und das Känguru

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    Das Känguru ist nicht unser Mitbewohner, sondern fand beim Kleinkünstler Marc-Uwe Kling Zuflucht. Dennoch lässt es uns nachts nicht schlafen. Vermutlich weil wir die Hörbücher mit den Abenteuern der beiden allabendlichen nach dem Zu Bett gehen hören. Ständige Schüttelattacken durch unbändiges Gelächter ist nicht förderlich für gesunden Schlaf. Dies nur als Warnung. Dennoch können wir die mittlerweile drei Hörbücher „Die Känguru-Chroniken“, „Das Känguru-Manifest“ und ganz neu „Die Känguru-Offenbarung“ uneingeschränkt jedem Tierfreund, Kommunisten, Schnapspralinen-Liebhaber, Pinguin-Hasser oder Boxer uneingeschränkt empfehlen.

    Vermutlich sind auch die Bücher toll. Die kongeniale Art, wie der Kleinkünstler seine Bücher vertont hat, ist aber mit Sicherheit unerreicht. Die sanfte, ruhige Stimme des Erzählers im Kontrast zum nölenden Tonus des Kängurus machen das Zuhören zu einem einzigen Vergnügen. Leider kann der ebenfalls von Herrn Kling gesprochene und kostenlose Podcast mit dem geballten Witz der Bücher nicht ganz mithalten.

    Gebt dem Känguru eine Chance. Aber besser nicht zum Einschlafen. Das sollte auf die Not-To-Do-Liste.

  • Nächstes Kapitel

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    Hat eigentlich jemals ein Mensch in der Geschichte der DVD/BluRay das Kapitel-„Feature“ benutzt? Ein ganzes Billy-Regal voller gekaufter Filme zeugt von einem mir bislang völlig ungenutzten, weil nutzlosen Angebot – der Kapitelübersicht. Wann bitte hätte ich auf die Idee kommen sollen, diese aufzurufen? Um mir vor dem Filmgenuss einen Überblick über den Film zu verschaffen? Um heraus zu finden, an welchen Stellen irgendein Praktikant des Filmverleihs wahllos eine Kapitelsprungmarke gesetzt hat? Oder tatsächlich um am Ende direkt zu einem bestimmten Kapitel zu springen? Warum sollte ich das tun?

    Wie oft geht man ins Kino, bestellt eine Karte und sagt: „Können Sie bitte direkt zu Kapitel 4 vorspulen? Die Vorgeschichte interessiert mich nicht.“ Oder: „Muss ich denn den ganzen Film bezahlen, wenn ich nur den Endkampf sehen will? Bitte starten Sie Kapitel 19 und ich zahle dafür 1,50€.“

    Wie viele Romane werden mit einer Inhaltsangabe gedruckt, mit einer Übersicht aller enthaltenen Kapitel? Wie oft würde jemand gezielt zu einem bestimmten Kapitel springen und die vorherigen auslassen?

    Ach so, wenn man den Film bereits gesehen hat ist das etwas anderes? Dann gibt es keinen Grund mehr, ihn komplett anzusehen, sondern wählt nur noch die besten Kapitel aus dem Menü? „Ich fand den Film insgesamt toll. Aber ich muss ihn nicht noch einmal 2 Stunden anschauen. Die besten 10 Minuten genügen mir. Zum Glück habe ich ihn dafür gekauft.“ Aber klar.

    Wäre es nicht toll, wenn man auch in anderen Bereichen einfach bestimmte Kapitel auslassen könnte?

    • „Vorspiel? Langweilig. Ich springe direkt zu dem Kapitel, wo es zur Sache geht.“
    • „Aufwärmen? Das ist mir zu öde. Wo ist denn das Kapitel, in dem der Sport tatsächlich beginnt?“
    • „Pubertät? Ganz schreckliches Kapitel. Besser, ich überspringe das.“
    • „Ich kenne den Salat schon in- und auswendig. Lass uns direkt zum Hauptgang-Kapitel wechseln.“
    • „Das ist ja wohl ein selten dämlicher Blog-Artikel. Schnell zum nächsten…“
  • Perfect World

    In einer perfekten Welt trägt man nur Stretch und Slipper. Und alles duftet nach Bacon.

  • Auch Apple-Jünger werden älter

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    Seit ich Apple-Fan bin, habe ich mir den zweifelhaften Ruf erarbeitet, missionarisch für Macbooks, iPhones, iPads und Co. zu kämpfen. Kaum eine Gelegenheit wurde ausgelassen, auf die Vorteile dieses Ökosystems hinzuweisen, bei Fragen und Hilfestellungen war man bei mir stets an der richtigen Adresse. Nicht zuletzt überzeugte ich Familie und Freunde davon, sich ebenfalls Apple-Produkte anzuschaffen. Der Eifer ging so weit, dass ich vehement argumentierte, wenn mir ein Gesprächspartner weiß machen wollte, meine geliebten Gadgets seien unpraktische, eingeschränkte Blender, Apple sei das Böse schlechthin und ich sei ein Fanatiker, der alles persönlich nähme.

    In wie weit das stimmte, vermag ich heute nicht zu beantworten. Fakt ist, dass ICH im Apple Ökosystem genau das fand, was ich gesucht hatte. Und ich betone das ICH hier absichtlich. Denn mittlerweile ist es mir vollkommen schnurz, was andere sagen und denken. Die Kritiker und Motzer kommen noch immer zu mir, klagen, beschweren sich und versuchen mich weiter von allen Nachteilen der Apple Produkte zu überzeugen. Und ich… gebe Ihnen Recht. Denn bloß weil ich glücklich damit bin, müssen es die anderen ja nicht auch sein. So mag doch bitte jeder sich sein Android Smartphone holen, sein WindowsPhone-Tablet oder seinen Windows 8-Rechner. Warum auch nicht? Das sind alles ausgereifte Systeme, die eine Menge Vorteile haben und mit Sicherheit wunderbar zu jedem anderen passen. Nur nicht zu mir.

    Über die Nachteile, die man sich mit Apple Produkten erkauft, sollte man sich von vornherein im Klaren sein. Ich kann mir keinen Smart kaufen und mich dann beschweren, dass der Kofferraum so klein ist. iOS und OSX sind zwei eigenständige Systeme, die zunächst mit anderen Systemen nichts zu tun haben. Wozu auch? Wieso sollte ich mich also beschweren, dass Windows Software nicht darauf läuft, oder die Geräte anders zu bedienen sind? Wer ein Windows-Gerät möchte, möge sich doch bitte eins holen. Wo ist das Problem? Das iPhone und iPad ist zu eingeschränkt, bietet zu wenige Möglichkeiten, mit Dateien tun, was man will und die Geräte lassen sich nicht aufrüsten? Nun, das ist hinlänglich bekannt. Warum also nicht sein Glück bei Android suchen? Oftmals stelle ich fest, wie enttäuscht Menschen reagieren, die sich von ihrem iPhone den Himmel auf Erden versprachen und feststellen mussten, dass es Makel und Fehler hat. Nun, da funktionierte offenbar das Marketing sehr gut bei einem Leichtgläubigen – kein System ist perfekt. Kein Apple Produkt ist ein Heilsbringer und macht alles automatisch und von alleine. Und Steve Jobs war kein Gott.

    Ich missioniere niemanden. Ich sage nur, dass ich im Zusammenspiel meines MacBooks, meines iPads, meines iPhones und meiner Time Capsule genau das fand, was ich in anderen Systemen vermisst hatte. Was andere als Unzulänglichkeiten oder Gängelung sehen, brauche ich höchstwahrscheinlich nicht oder ich fand dafür eine Lösung. Mir kam bislang bis auf eine Ausnahme noch kein Fall unter, der mich ein Windows-System hätte vermissen lassen. Und dieser eine Fall betraf eine Steuer-Software, die es mittlerweile auch für den Mac gibt. Natürlich ärgere auch ich mich hin und wieder leise über die umständliche Synchronisierung meines iPads oder darüber, wie eingeschränkt der Finder in OSX ist (übrigens beides Punkte, die mit den nächsten großen Updates behoben sein könnten). Aber zu Windows zurück? Niemals. Oder zu Linux? Been there, done that.

    Ich war vielleicht ein Jünger, jetzt bin ich älter. Jedem das System, das zu ihm passt. Und diese Freiheit möge man auch mir lassen. Auf Diskussionen lasse ich mich nicht mehr ein, ich bin glücklich mit der Technik. Hoffentlich werden es alle anderen auch mit ihrer Technik.

  • Nur noch hinten

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    Aachener Parkhaus. Hintereingang. Kassenautomat. Ticket in den Schlitz. Rattern, Piepsen, Anzeige. Parkzeit 1 Stunde 34 Minuten. Preis 3 Euro. Im Geldbeutel nur ein Fünfziger, ein Hunderter und kein Kleingeld. Das Auto in Parkdeck C eingesperrt. War ja klar. Display verspricht, auch den Fünfziger anzunehmen. Vorwärts. Rückwärts. Anders herum und glatt gebügelt. Das Display log. Abbruch.

    Fußmarsch um das Parkhaus. Vordereingang. Kassenhäuschen. Können Sie mir einen Fünfziger klein machen? Blick auf die Uhr, dann ein zögerndes Ja. Vier Zehner und zwei Fünfer auf dem Tresen, vielen Dank. Kassenautomat. Ticket in den Schlitz. Rattern, Piepsen, Anzeige. Parkzeit 1 Stunde 37 Minuten. Preis 4 Euro.

    In Zukunft nur noch hinten rein.

  • Das Blog, der Feed und Social-Müdia

    Ja, kaum zu glauben. Mein Blog lebt noch. Zumindest bin ich noch nicht wie manch andere dem „Blogs sind tot“-Wahn verfallen. Aber – meine Netzaktivitäten sind auf ein Minimum geschrumpft. Warum, werde ich vielleicht demnächst hier erzählen (und demnächst ist ein dehnbarer Begriff). Wichtig ist mir zunächst nur, dass es „hier“ noch gibt.

    Und damit ihr auch nicht verpasst, wenn ich wieder etwas wertvolles schreibe, möchte ich euch, meine treuen, aus glanzvollen Tagen übrig gebliebenen Leser bitten, euren RSS-Feed umzustellen. Denn Feedburner, der nie wirklich rund laufende Feed-Aggregator-Dienst von Google, wird demnächst seine APIs schließen (keine Sorge ihr Nicht-Nerds, das ist nichts schlimmes) und ich schätze auch bald danach komplett seine Pforten. Google ist ja recht rigoros wenn es darum geht, erfolglose Projekte zu streichen.

    Und da ich Herr meines Blogs und meiner Daten sein möchte, stelle ich den RSS-Feed nun wieder auf die alte Adresse um. Diese lautet:

    https://www.allesroger.net/feed

    Das war es auch schon. Über meine Meinung dazu, was derzeit im Web passiert und warum ich so „Social-Müdia“ geworden bin, werde ich vielleicht bald hier sinnieren. Wenn die Abende wieder lang und kalt sind und die Lust auf’s schreiben wieder ausbricht. Bis dahin…

  • Du sollst keine anderen Medien neben mir haben

    Noch vor wenigen Jahren fragte ich mich, weshalb es im deutschen Fernsehen keine vernünftigen Sendungen über Kino, Spiele, Internet und Literatur gibt. Immerhin handelt es sich doch um Medien, die mindestens so interessant wie Fernsehen sind (nicht schreien, ich führe diesen Gedanken gleich fort). Ausnahmen gab es natürlich hier und da. Elke Heidenreich und Jürgen von der Lippe durften eine kurze Zeit über Bücher plaudern. Game One wurde auf MTV versteckt gezeigt. Kino-Reportagen sah man am ehesten auf Tele 5 oder in Form von Marketing-gerechten Making-Ofs, eingequetscht zwischen Samstag-Vormittags-Werbung. Und GIGA wagte es als kompletter Sender, nur über diese Themen zu informieren.

    Die Antwort auf meine Frage erhielt ich nie. Vermutlich weil der Fehler bereits in der Fragestellung lag. Denn letztlich ist es so offensichtlich. Kino, Spiele, Multimedia und Literatur sind nicht mindestens so interessant wie das deutsche Fernsehen, sondern um ein vielfaches interessanter. Interaktiver. Sozialer. Verbindender. Spannender. Daher scheint sich das deutsche Fernsehen nah an den Leitspruch „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ zu halten. Weshalb sollte Fernsehen ein Interesse daran haben, auf alle Alternativen des Medienkonsums hinzuweisen? Die deutsche Bahn verteilt schließlich auch keine Flyer in ihren Zügen, die alle Vorteile des Autofahrens lobpreisen. Das Fernsehen sägt nicht am Ast, auf dem es sitzt.

    Umso spannender wäre nun mehr die Frage, weshalb es aber doch immer wieder zaghafte (und laut Fernsehmachern erfolglose) Versuche gibt, spannende Sendungen über andere Medien zu produzieren. „Was liest Du?“ und „Lesen“ waren wunderbare Konzepte, die weit über amazons „Kunden, die dieses Buch kauften, kauften auch…“ hinaus gingen. „Neues“ auf 3Sat bot eine wunderbare Mischung aus Technik, Internet und Geekness. Game One  informierte und unterhielt aufs vortrefflichste mit klugen und frechen Beiträgen, die von Game-Liebhabern gemacht wurden. Und leider würde ich nun gerne noch eine bemerkenswerte Kino-Sendung aufführen, doch kann ich mich seit Sabine Sauer im ZDF an nichts Herausragendes mehr erinnern (und auch dies war wohl nur deshalb herausragend, weil ich damals jung und unschuldig war). All die genannten Produktionen verschwanden wieder vom Bildschirm, wurden kastriert oder immer weiter im Spät-Programm versteckt, damit es bloß kein Zuschauer finden möge. Der oben genannte Sender GIGA wurde zum Internet-Auftritt herunter destilliert.

    Sagte ich zu Beginn, dass ich mich noch vor einigen Jahren fragte, weshalb die deutsche Fernsehlandschaft nichts derartiges mehr biete, so sieht das mittlerweile anders aus. Fernsehen muss gar nicht mehr über Bücher, Games und Kino informieren. Diesen Part hat mittlerweile das Internet wunderbar übernommen. Blogs, Youtube, amazon, Podcasts – es gibt eine schier unüberschaubare Anzahl an Möglichkeiten, wirklich alles über sein Lieblings-Medium zu erfahren. Social-Media hat den Platz der Anpreisung und Empfehlung übernommen. Und in einer Zeit, in der News in der Sekunde auf dem Smartphone erscheinen, in der sie passieren, haben altertümliche TV-Sendungen, die erst eine Woche später darüber berichten können, ihre Berechtigung als Informationsquelle verloren.

    Allein, es gilt eben nicht immer nur den Erwerb von Informationen anzustreben. Hin und wieder möchte man sich auch einfach zurück lehnen und unterhalten werden. Ohne Klicks, ohne Interaktivität. Und es stellt sich die Frage, ob es mangelnder Mut der Macher ist, oder tatsächlich das Desinteresse der Zuschauer, die einfach nur jede Woche einen neuen Superstar oder ein Supermodel finden wollen und sich rechts und links davon für kaum mehr interessieren. Ich mochte es, mir von Lippes Gästen ihre Lieblingsstellen aus Büchern vorlesen zu lassen. Ich mochte (mag) die kleinen verrückten Einspieler bei Game One. Ich mochte die bunte Mischung von Neues. Ich mochte Sabine Sauer.

    Deshalb plädiere ich weiter dafür: Liebes deutsches Fernsehen. Versucht es weiter und produziert auch Sendungen über euren Tellerrand hinaus. Die Konkurrenz ist bereits da und ihr müsst keine Angst vor ihr haben oder sie totschweigen. Ihr könnt es, das habt ihr bewiesen. Ihr habt die Kanäle, wie EinsPlus oder ZDF Neo, wo derartige Formate bestens aufgehoben sind. Traut euch wieder.

    Nicht unerwähnt bleiben darf hier die neue kleine Sendung namens Reload. Ein knackiges Magazin im Stil von Game One, aber der Hingabe und Liebe der Gee-Macher. Eine absolute Empfehlung von mir und vielleicht auch ein Beispiel dafür, dass es eben doch möglich ist, Qualitätsfernsehen über so etwas „banales“ wie Spiele zu machen. Vielleicht auch bald wieder über Bücher, Kino, Internet und Technik?

    Wer weitere Beispiele findet, möge sie mir mitteilen.

  • 500px oder: Warum zuviel Zucker ungesund ist.

    Foto-Comunitys und Galerien gibt es mittlerweile einige im Netz. 500px ist eine unter vielen. Und doch, sieht man sich einmal auf der Startseite um oder wählt die derzeit beliebtesten Fotos oder die Tipps der Redaktion, so bemerkt man schnell, dass hier eine andere Qualität geboten wird. 500px ist eine Community richtiger Fotografen. Hier wird zum allergrößten Teil Kunst präsentiert, keine Urlaubsschnappschüsse. Was zählt ist Qualität, nicht Quantität. Ein Umstand, der schon bei der Anmeldung, beziehungsweise beim ersten Upload der eigenen Fotos klar gestellt wird. 500px weist darauf hin, nur die allerbesten Fotos hoch zu laden. Die maximale Anzahl liegt bei zehn Fotos pro Woche. Also keine fünfzig Fotos aus dem schönen Venedig, sondern nur das eine besondere, mit dem perfekten Licht und der perfekten Stimmung.
    Golden Ladder by Roger Graf (allesroger)) on 500px.com
    Golden Ladder by Roger Graf

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  • Patente Patente

    Man stelle sich einmal vor, kurz nach der Erfindung des Automobils hätte jemand ein Patent für die Form des Lenkrades angemeldet. Wie würden wir unsere Fahrzeuge heute steuern? Hätten andere Hersteller das Design übernommen und Lizenzgebühren bezahlt, versucht, etwas Neues zu erfinden oder das übliche runde Lenkrad einfach abgekupfert und sich auf rechtliche Schritte eingestellt?

    Egal wie, Patente dienen einem Unternehmen ihre Erfindungen, ihre Interessen und damit auch ihren Profit zu schützen. Denn eines bleibt immer gleich: ein Unternehmen ist nicht die Wohlfahrt und denkt nur daran, Geld zu verdienen. Mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Deshalb wird patentiert, lizensiert und zur Not auch verklagt, was das Zeug hält.

    Als Apple Fan begibt man sich natürlich auf sehr dünnes Eis, wenn man dieses Thema anspricht. Früher noch Kult, polarisiert Apple mittlerweile sehr stark und die Patent-Querelen der letzten Monate warfen kein gutes Licht auf die Firma. Doch ist es Apples alleinige Schuld?

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  • Nie wieder ein Schnäppchen verpassen

    Früher, da ging man zum Elektrohändler oder Plattenladen um die Ecke und zahlte den Preis, der auf das Produkt geklebt war. Dann, in Zeiten von Media-Markt und Saturn, konnte man zwar vergleichen, stellte aber schnell fest, dass die Preise doch verdammt ähnlich waren. Schnäppchen gab es nur zum Sommer- oder Winterschlussverkauf. Heute darf sogar um den Preis gefeilscht werden, wirklich günstige Angebote bekommt man aber letztlich nur im Netz. Wirklich?

    Preissuchmaschinen machen es leicht, das im Moment günstigste Angebot zu finden. Wenn man ein konkretes Produkt sucht. Aber es gibt ja auch noch die Schnäppchenblogs. Hier wird im Minutentakt alles an Preissenkungen und Angeboten zusammen getragen und veröffentlicht. Hat man einige dieser Blogs abonniert, ist man nach wenigen Minuten darüber informiert, wo es Katzenfutter gerade im Sonderangebot gibt, wo Waschmaschinen und Glätteisen mit einem Coupon billiger abgegriffen werden können, welche DVDs von Amazon die nächsten fünf Minuten für zwei Euro weniger raus geschmissen werden, oder wo man einen Gutschein erhält, um ein dreiviertel Jahr später in Hamburg in einem Hotel für zwanzig Euro weniger ein Zimmer zu bekommen.

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  • Wie im Kindergarten

    „Sind wir hier im Kindergarten?“ Nein, da waren wir mal. Ist schon lange her und mittlerweile sind wir erwachsen. Wir können über unsere Probleme sprechen, über den Frust, den Ärger und besonders über die Konflikte, die wir mit den anderen Kinde… Erwachsenen haben. Erwachsene sprechen über Konflikte. Sie schmollen nicht, hauen nicht einfach ab oder legen den Telefonhörer auf. Erwachsene heulen nicht und vor allem schreien sie nicht. Als Erwachsener ist man gebildet und erfahren genug, Differenzen mit vernünftigen Worten zu lösen, in vernünftiger Lautstärke, vernünftig artikuliert.

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  • Head in the Cloud

    Früher, da hatte man die Dinge, die man liebte, noch in der Hand, steckte sie in Kartons, Schubladen oder Schränke. Fotos, Schallplatten, Videokassetten, CDs. Dann kam der Siegeszug der Digitalisierung, unsere Medien waren plötzlich nicht mehr greifbar. Festplattenkapazitäten wurden größer, Backups wurden gemacht. Alles, was man besaß, lag auf irgendwelchen Speichermedien, die ebenfalls wieder verstaut werden konnten. Hatte man früher einen Schrank voller Filme, passte nun alles in eine Hand. Wer allerdings dachte, dass dies die Zukunft sei, irrt. Die Zukunft (zumindest die nächste) ist die Wolke. Daten gehen in die Cloud, irgendwohin, auf fremde Server in fremden Ländern, durch die Luft übertragen und nur auf diesem Weg wieder zurück zu holen. Die Haptik geht völlig verloren und Ikea fragt sich, weshalb keine Billy Regale mehr verkauft werden.

    Man kann natürlich vortrefflich darüber streiten, ob diese Zukunft tatsächlich so wünschenswert ist. Ältere Generationen, zu denen auch ich mich zähle, schätzen es noch, ihre Wertsachen in Händen halten zu können. Eine Schallplatte auf zu legen, in einem echten Buch zu blättern, eine Kiste voll alter Fotografien zu durchstöbern vermitteln einem ein völlig anderes Gefühl als die Handhabung all der Medien mit entsprechenden digitalen Geräten. Dennoch hat auch das Speichern in der Wolke einige Vorteile. Man ist ab sofort nicht mehr ortsgebunden, denn die Wolke ist überall und damit auch alles, was in ihr steckt. Haben wir mehrere Geräte für unseren Medienkonsum, ist es nicht mehr notwendig Daten hin und her zu kopieren oder zu synchronisieren. Außerdem ist die Wolke ein perfektes Backup-System, gesichert vor Verlust, Diebstahl, Brand oder Dummheit.

    Makelfrei ist die Cloud dennoch nicht. Unsere Daten liegen nicht mehr in unserer Hand, sind nicht greifbar, sondern werden von Firmen bewacht und verwaltet. Was, wenn dort etwas schief geht, in den Serverfarmen? Was, wenn sich Verträge und Nutzungsbestimmungen plötzlich ändern? Was, wenn meine Daten nicht so gut geschützt sind wie erhofft und von jedem einsehbar sind? Was, wenn ich kein Gerät zur Hand habe, um auf die Cloud zuzugreifen? Einfach in den Keller gehen und eine alte Kiste mit den CDs holen ist dann nicht mehr. Die Wolke macht uns Nutzer abhängig von der Firma, die sie bereit stellt, von den Werkzeugen, um die Wolke an zu zapfen und von dem Gutwillen und der Verlässlichkeit des Anbieters.

    Kein Server, keine Firma, niemand auf dieser Welt kann hundertprozentige Sicherheit garantieren. Auch Apple nicht, wie ich trotz meiner Eigenschaft als Fanboy einräumen muss und Apple eigentlich nur stellvertretend für alle anderen Anbieter (Google, Microsoft, Telekom etc.) erwähne. Ein Restrisiko bleibt grundsätzlich immer. Vielleicht stelle aber auch nur ich mir die Frage, ob ich die Wolke wirklich will, weil ich zu einer Generation gehöre, die noch wie oben beschrieben aufwuchs. Für unsere Kinder wird das Leben mit der Wolke selbstverständlich sein.

    Die Wolke KANN unser mediales Leben vereinfachen, wenn die entsprechenden Vorraussetzungen gegeben sind. Dazu gehört beispielsweise ein flächendeckendes Angebot schneller und bezahlbarer Datentarife oder flächendeckendes W-LAN. Was ich an Speicherplatz in meinem Gerät einspare, kostet mich Transfervolumen, wenn ich mir die Daten aus der Cloud hole. Datenflatrates wie sie heute angeboten werden und beispielsweise bei 300MB Nutzung bereits die Geschwindigkeit drosseln, lassen keine vernünftige Nutzung zu. Auch die Geschwindigkeit ist ein schwieriger Faktor. Es bringt mir als Nutzer nichts, wenn ich meine Filme nicht mehr auf meinem Gerät abspeichern muss und quasi überall verfügbar sind, beim Wunsch einen Film zu sehen aber erst einen mehrstündigen Download in Kauf nehmen muss.

    Was die Wolke betrifft, bin ich noch sehr unentschlossen. Als Technik-Freak und Apple-Nerd probiere ich aber bereits alles aus, wie ich in meinem nächsten Artikel erzählen möchte. Was ist Eure Meinung zu Cloud-Diensten? Nutzt Ihr sie? Haltet Ihr sie für sinnvoll und/oder die Zukunft?

  • Reibekuchen

    So groß war mein Hunger gar nicht mehr. Aber die Gelüste, angestachelt durch den verführerischen Duft blubbernden Bratfetts sangen eine so liebliche Melodei, dass ich nicht anders konnte. Einmal Reibekuchen bitte. Die mürrische, schon den ganzen Tag in der kalten Bude stehende Reibekuchenfrau überreichte mir einen Pappteller. Darauf dampften gar drei Reibekuchen, glänzend und in Apfelmus schwimmend. Mein Geld würde ich nicht mehr wieder bekommen und doch wusste ich im Moment der Übergabe des Papptellers, dass ich eigentlich gar nicht mehr wollte. Vernunft siegte über Instinkt, Kopf über Lust. Doch da stand ich nun. Und begann zu essen. Erst den einen Reibekuchen, dann den zweiten, mittlerweile allem Apfelmus entledigt. Der dritte hatte bereits aufgehört zu dampfen, schmollte vermutlich innerlich vor sich hin, fühlte sich ungewollt und unbehaglich. Meine glänzenden Finger schwebten über ihm und verharrten.

    Eine alte Frau schlurfte vorbei. Sie mochte schon weit über siebzig Jahre alt gewesen sein und das Schlurfen rührte von ihren ausgetretenen Hausschuhen her, die sie trug. In den Hausschuhen, an ihren Füßen, dünne schmutzige Socken. Darüber, von Venen durchzogene nackte Beine, einen zu kurzen, schmutzigen Rock, eine zu dünne Jacke und ganz oben ein Kopf, der die filzigen grauen Haare mit einer Mütze zu verstecken suchte. Zielstrebig hielt sie auf den nahestehenden Mülleimer zu. Den gleichen Mülleimer, den ich als Ruhestätte für den ungeliebten dritten Reibekuchen auserkoren hatte. Sie öffnete den Eimer und begann darin zu wühlen und zu suchen.

    Erschrocken und ertappt sah sie auf, als ich sie ansprach. Wollen Sie vielleicht diesen Reibekuchen, der ist noch frisch und warm? Der Schreck verschwand so schnell wie er gekommen war. Dafür wurden in ihrem Gesicht Muskeln aktiviert, die vermutlich schon viel zu lange unbeansprucht und verkümmert waren. Beeindruckend, wie sehr sich ein Mensch verändert, wenn er strahlt. Die kleine alte Frau, die mit einer Hand noch immer den Deckel des Mülleimers geöffnet hielt wurde in diesem Moment zur glücklichsten der Welt. Natürlich fragte sie höflicherweise, ob diese Frage mein Ernst gewesen sei. Aber als ich nickte, wartete sie nicht lange, nahm mir den Pappteller aus der Hand und verschwand. Dankend, dankend und noch einmal dankend.

    Und ich gebe es zu: als ich ihr nach blickte und sie sich kurz vor der Ecke hinter der sie zu verschwinden trachtete, noch einmal umdrehte und mit dem bereits angebissenen Reibekuchen in der Hand winkte und lächelte – da war ich ebenfalls für einen kurzen Moment einer der glücklichsten Menschen der Welt. Und ein bisschen war Weihnachten.

  • Weltverbesserung per Mausklick

    Ach, ihr armen Weltverbesserer des Internets. Ihr, die ihr jede Woche eine neue Sau durch das Dorf treibt und zum Schlachten aufruft. Ihr, die ihr Videos postet, böse Blogartikel und Kommentare schreibt. Ihr, die ihr Sternchen verteilt, Herzchen und Daumen-oben-gefällt-mir-Buttons drückt. Ihr, die ihr tatsächlich daran glaubt, damit die Welt ein bisschen besser machen zu können.

    Ihr denkt, weil in Nordafrika Regierungen gestürzt wurden und Spiegel Online sagt, das sei nur durch Facebook und Twitter möglich gewesen, müsste das doch in allen Bereichen und überall funktionieren. Also findet ihr jede Woche einen neuen Bösewicht, der gestürzt, gehängt und verbrannt werden sollte. Vorletzte Woche war es Ferrero, letzte Woche Wiesenhof, diese Woche Nespresso. Und nächste Woche? Ihr ärgert euch, schreibt bei Twitter und Facebook und all den Social Networks mehr oder weniger intelligente Statements, freut euch, wenn man euch antwortet, wenn ihr Klicks bekommt und ruft zur Revolution auf. Ihr klappt den Deckel eures Laptops zu und denkt der Welt einen Dient erwiesen zu haben. Ja, jedes bisschen hilft. Daran glaubt ihr ganz fest.

    Nespresso handelt seinen Kaffee also nicht fair. Skandal. Schnell das gut gemachte Viral-Video verteilen. Geht ja ganz einfach. Überall posten, dass man nur noch Fairtrade-Kaffee kaufen will. Sehr schön. Und dann? In drei Wochen wieder bei Tchibo stehen und den günstigen Kaffee holen, weil der andere ja so teuer ist. Und die günstigen Hähnchen aus dem Rewe-Kühlregal sind ja auch nicht schlechter als vom Bio-Bauern. Wie war das damals als BP unsere Meere mit Öl vergiftete? Ihr habt alle laut geschrieben und geklickt. Und seid danach statt mit dem Fahrrad mit eurem Auto zur freien Tankstelle am Rande der Stadt gefahren. Und heute? Denkt ihr noch daran? Oder seid ihr der Meinung, dass die anderen Konzerne mehr auf unsere Umwelt achten? Und hat es BP geschadet? Ist BP pleite oder achtet jetzt mehr auf die Umwelt?

    Ihr ruft im Netz dazu auf, politisch engagierter zu sein. Ihr zeigt mit euren Sternchen, wie toll ihr es findet, dass Ägypten nur durch eure Unterstützung befreit wurde. Und dann lasst ihr es zu, dass sich in einem irgendwo im Osten befindlichen Bundesland die braune Scheiße in den Landtag wählen lässt. Ihr sitzt Zuhause statt wählen zu gehen und schüttelt auf Twitter den Kopf, wie es soweit kommen konnte. Das waren natürlich alles diese bösen Neonazis. Nur die sind Schuld. Nicht ihr, obwohl ihr in der Mehrzahl seid.

    Ja, Hexenverbrennungen sind toll. Und heute so einfach zu machen. Und es gibt ja genug Hexen, die verbrannt werden können. Letztlich fällt aber jedem irgendwann auf, dass es offenbar keine gute Fee in diesem Märchen gibt. Sie alle scheinen böse zu sein. Jeder Konzern scheint ähnlich zu handeln: möglichst billig einkaufen um möglichst teuer verkaufen. Schande. An den Pranger mit ihnen. Schnell klicken. Schnell ein virales Video produzieren. Schnell posten, klicken, Gefällt mir und durch atmen. Die Welt ist gerettet.

    Natürlich gibt es unter euch tatsächlich welche, die es ernst meinen. Die kaufen nur Bio, essen keine Tiere, handeln stets fair. Und posaunen das mit ihren Smartphones in die Welt hinaus, ohne darüber nachzudenken, wo die seltenen Erden herkommen, die zur Produktion des Smartphones nötig waren. Aus welchen dunklen Bergbaugruben, in denen Kinder 12 Stunden täglich arbeiten? Mist, schon wieder reingefallen. Also wo soll man beginnen?

    Die Welt ist mächtig aus den Fugen geraten. Schon seit langem. Und sie kann wieder auf den richtigen Weg gebracht werden. Aber nur wenn alle gemeinsam etwas tun, etwas bewegen. Wirklich bewegen. Und das konsequent. Mit Klicken und Tippen ist es nicht getan. Nicht die Klicks haben afrikanische Diktatoren gestürzt, sondern die Menschen auf den Straßen. Nicht die viralen Videos werden Konzerne zwingen, anders zu handeln, sondern die Menschen mit ihrem Konsumverhalten. Und selbst dann wird es leider immer Ungerechtigkeiten geben. Und kein noch so schöner Artikel wird daran etwas ändern. Nicht einmal dieser hier.

    Also, welchen Konzern stellen wir nächste Woche an den Pranger? Egal, er hat es so oder so verdient und wir können mit unserer Arbeit zufrieden sein.

  • Krieg der Entscheidung

    Mal angenommen, es gäbe heute noch Menschen, die Star Wars noch nie gesehen haben. Keinen einzigen der Filme. Das mag eigenartig klingen, kann aber dennoch vorkommen. Weiter angenommen, man möchte einem dieser Menschen das Star Wars Universum näher bringen. Wie stellt man das am besten an?

    Ich und sicherlich viele meiner Leser wuchsen mit der guten alten Trilogie auf. Episode Vier: Eine neue Hoffnung, Episode Fünf: Das Imperium schlägt zurück, Episode Sechs: Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Die Klassiker. Und für jeden, der seine Jugend mit dem Mythos Star Wars verbrachte, auch der einzig wahre Krieg der Sterne. Wie überrascht waren wir damals, dass die Reihe mit einer Episode 4 begann? Wie grandios war zu jener Zeit die Wendung (und ich schätze mal, dass ich hier nicht spoilere und mittlerweile JEDER weiß…) dass Darth Vader der Vater von Luke Skywalker ist? Was für nie gesehene Welten, unglaubliche Effekte, phantastische Action wir geboten bekamen.

    Dann, viele Jahre später, von den Fans sehnlichst erwartet, brachte Georg Lucas die neue Trilogie in die Kinos. Episode Eins: Die dunkle Bedrohung, Episode Zwei: Angriff der Klonkrieger, Episode Drei: Die Rache der Sith. Diese Trilogie erzählt die Vorgeschichte um Anakin Skywalker und wie aus ihm Darth Vader wird. Leider überzeugt kein Teil der neuen Trilogie wirklich. Episode Eins ist bunt und Kindgerecht, Episode Zwei und Drei noch bunter, überdreht, überladen. Man hat Spaß und bekommt wieder etliches an Effekten und neuen Welten geboten. Doch das alte Flair will sich nicht einstellen.

    Überlegt man nun, wie man einen Star Wars Neuling in die „Galaxy far far away“ einführt, stellt sich sofort die Frage: Zeigt man alle sechs Teile oder nur das gute alte Original? Wenn man alle sechs Teile zeigt, dann in der „richtigen“ Reihenfolge von Eins bis Sechs oder in der Reihenfolge, wie wir Star Wars kennen und lieben lernten? Oder anders gesagt, beginnt man mit dem Großartigen um zum Ende schwächer zu werden oder beginnt man schwach, um auf das großartige Finale vorzubereiten? Auch wenn man dabei in der Gefahr schwebt, dass der geneigte Zuschauer die originale Trilogie schon gar nicht mehr sehen will vor lauter Optik-Overkill.

    Und überhaupt, finden wir die alte Trilogie nicht auch deshalb so grandios und hat sich nur deshalb so in unser Hirn und Herz gebrannt, weil wir damals etwas noch nie zuvor gesehenes geboten bekamen? Wie mag die alte Trilogie auf verwöhnte Transformers-Avatar-Matrix-Augen wirken? Altmodisch? Eine Augsburger Puppenkiste neben einem Pixar Film?

    Was uns zur nächsten Frage bringt: zeigt man (wenn vorhanden) die originale alte Trilogie, also so wie sie damals in die Kinos kam? Oder die Special Edition, die digital aufbereitet worden und mit neuen Effekten versehen worden ist? Oder gar doch die später überarbeitete, digitale neue Version der alten Trilogie?

    Ach, es ist nicht leicht. Am Ende wird der Star Wars Neuling nur enttäuscht sein. Er wird Luke Skywalker und Han Solo nie so lieben können wie wir und er wird Jar Jar Bings und den jungen Anakin nie aus den gleichen Gründen hassen können wie wir. Und mit etwas Pech hat er schon eine Folge der Clone Wars Zeichentrick-Serie gesehen, womit der Mythos völlig im Eimer ist.

    Am besten wir beginnen erst einmal mit Star Trek. Hm, mit der Serie oder den Filmen? Mit der original Serie oder der Next Generation….?