Notiz 22

Man gewöhnt sich ja an so einiges. Training und so. Auch mit dem Horror lernt man irgendwann umzugehen. Ob es Abstumpfen ist? Schwer zu sagen. Ich kann mir heute Grusel- und Horrorfilme ansehen, die ich vor Jahrzehnten nicht ertragen hätte. Aber auch jetzt bleibt immer noch eine natürliche Grenze, die nicht überschritten werden kann: Folter, unnötig explizite Darstellungen, Vergewaltigungen, die ganze abscheuliche Latte. So werde ich beispielsweise die komplette Saw Reihe auf ewig einfach nur abstoßend finden.

Es gibt aber noch eine andere Grenze und die existiert aus mir unerfindlichen Gründen im Mainstream, nicht im Horror-Genre. Das spielerische massenhafte Abknallen von Menschen. Keine Ahnung, wann das zum Spaß wurde. So gesehen die Tage in dem gar nicht so guten Streifen Kingsmen, in dem zu fröhlicher Musik und mit wilden Schnitten und toller Akrobatik Dutzende Menschen mit Kopfschüssen und anderen abscheulichen Mitteln erledigt wurden. Es sollte wie ein Tanz wirken, es ist aber ein Abschlachten. Und klar, bei John Wick oder Bullet Train kann man in ähnlichen Szenen immer sagen: Aber es sind doch die Bösen, die hier draufgehen. Aber ist das der Maßstab? Will ich, dass der Kopfschuss und das Ausschalten eines Menschen in Nahaufnahme und Zeitlupe normal für mich wird? Will ich so abstumpfen, dass mich das nicht mehr erschreckt?

Wollen wir das als Gesellschaft? Schockt es uns noch genug, in den Fernsehnachrichten zu sehen, wie wehrlose und unschuldige Menschen durch ICE Beamte einfach so erschossen werden, so als wären wir in einem Film? Ich glaube, wir sitzen grade alle im falschen Film.