Kategorie: Artikel

  • Kino zuhause – zum gleichen Preis

    Meine Entertainment-Ausstattung besteht aus einem phantastischen, perfekt eingestellten, großen Bildschirm und einer 5.1 Surround Anlage, die mehr Bumms macht, als den Nachbar lieb sein könnte. Wenn wir Filme schauen, dann tun wir das mit ordentlichem Seh- und Hörvergnügen. Für mich als Liebhaber ist das sehr wichtig. Nur wenige Filme könnte ich „einfach so weg schauen“, nebenher, mit flachem TV-Ton. Filme schauen ist ein Genuss und wird zelebriert. Das vollkommene Eintauchen in die Geschichte und vor alle in die Emotionen ist das eigentliche Erlebnis.

    Machen wir uns nichts vor: Das funktioniert nur in einem Kino. Und zwar aus mehreren Gründen: Die wenigsten Menschen dürften tatsächlich eine Kino-Atmosphäre in den eigenen vier Wänden herstellen können. Auch ein 7.2-Atmos-Sourround-System, eine große Leinwand mit enstprechendem, hellen 4K-Beamer, Popcorn aus der Mikrowelle und Rollläden runter wird nie das Erlebnis eines Kinobesuchs nachahmen können. So sehr ich den Kinobesuch manchmal hasse (Quatschende, atmende, hustende, raschelnde, aufs Handy starrende Menschen um einen herum, zu große Menschen direkt vor einem, teils unbequeme, klebrige Sitze, der ständige, unnötige 3D-Zwang), so sehr liebe ich ihn auch. Denn all das Negative gehört tatsächlich dazu. Das gemeinsame Erlebnis mit anderen Menschen, das Lachen, die spürbare Anspannung. Und nur im Kino stellt sich das Gefühl des Eintauchens und des Ausgeliefert-Sein ein. Keine Fernbedienung, keine Pause-Taste. Da musst du jetzt durch, oder du gehst.

    Und dazu kommt noch: Die aktuellen Filme, über die man spricht, laufen noch immer zuerst im Kino. Will man keine illegalen Quellen anzapfen, ist das Kino der einzige Weg, die neuesten Blockbuster zu sehen. Bis jetzt. Denn die Corona-Situation trifft alle, auch Kinobesitzer und Filmproduktionen. Kinos bleiben auf lange Zeit geschlossen und es dürften einige Wochen und Monate ins Land gehen, bis die Menschen es wieder wagen, sich in großen Massen zusammen in einen Raum zu bewegen. Dreharbeiten auf der ganzen Welt werden abgebrochen und pausiert. Und Erscheinungstermine bereits fertiger Filme werden auf mehrere Monate oder gar unbestimmt verschoben.

    Neue Ideen müssen her. Nun hatte ich ja lange Zeit die Hoffnung, die Filmindustrie hätte aus den beschwerlichen Erfahrungen der Musikindustrie gelernt und findet sich zusammen, organisiert der heutigen Zeit angepasste Distributionswege, schafft eine gemeinsame Plattform und preislich attraktive Angebote. Kurz dachte man, Netflix könnte der Heilbringer sein, der unsichere, illegalen Quellen unnötig machen wird. Doch das Gegenteil geschah, angespornt durch den weltweiten Erfolg von Netflix, versuchte jeder Anbieter einen Konkurrenten aufzubauen. Ein eigenes Angebot, was früher oder später dazu führen wird, dass die Kunden sich auf ein oder zwei Anbieter konzentrieren werden und auf all die Filme werden verzichten müssen, die dort nicht verfügbar sind. Ein Spotify für Filme und Serien wird es für sehr lange Zeit nicht geben. Zum Schaden der Zuschauer und der Filmhersteller.

    Dann aber wurde die Corona-getriebene Idee, aktuelle Kinofilme über Streaming-Anbieter auszustrahlen, überraschend schnell umgesetzt. Sogar in Deutschland, wo iTunes und Amazon nun Filme anbieten, die eigentlich gerade im Kino gezeigt würden. Und das zu einem Preis, bei dem mir die Luft weg bleibt. Der hochgelobte Thriller „Der Unsichtbare“ mit Elisabeth Moss wird bei Amazon für 18 Euro angeboten. Zum Verleih. Einmal geliehen hat man 30 Tage Zeit, den Film zu starten, einmal gestartet, 48 Stunden, um ihn zu schauen. Zugegeben, in den 48 Stunden kann er so oft angesehen werden, wie man mag. Das muss dann wirklich ein außergewöhnlich guter Streifen sein.

    Rechnet man das mit einem Kinobesuch um, so läge man als Paar bei 9 Euro (Der Single kratzt sich am Kopf und schüttelt ihn). Ein Preis, den man im Kino nur selten erreicht (meist nur am Kino-Dienstag. Nicht an einem Samstag, mit 3D-Zuschlag, Reservierungsgebühr und Überlängenzuschlag (Überlängenzuschlag, den man bezahlen muss, wenn ein Film länger als 120 Minuten läuft)). Ist die Familie größer, spart man natürlich noch mehr. Und im Kino kommen noch Kosten für Popcorn, Chips und Getränke dazu. Also eigentlich ein No-Brainer. Ist doch deutlich attraktiver, das Amazon-Angebot.

    Allein, es ist kein Kino. Und es sollte daher auch kein „Kino-Preis“ verlangt werden. Auch wenn es eine Milchmädchenrechnung sein mag: Für 18 Euro erhalte ich drei Monate Netflix mit Inhalten ohne Ende. Für 18 Euro höre ich zwei Monate pausenlos lang Spotify. Die psychologische Hürde ist an der Stelle der mögliche Vergleich zu anderen Angeboten. Beim Kino ist das nicht möglich, da geht man hin und zahlt pro Person seine 12 Euro und weiß, was man im Gegenzug dafür bekommt (siehe oben). Auf der Couch ist die Hürde, 18 Euro auszugeben, eine völlig andere. Was sollte mich als Normal-Zuschauer dazu bewegen, einen Film wie „Der Unsichtbare“ für 18 Euro auszuleihen? Wird der nicht in drei Monaten ohnehin im normalen Amazon Prime oder Netflix-Programm dabei sein? Ist er wirklich so viel besser als all die anderen Thriller, die ich bei meinen jetzt schon abonnierten Streaming-Anbietern inklusive habe? Ist es ein Film, den ich jetzt sehen muss, weil jetzt meine Freunde, meine Umwelt darüber spricht (im Sinne eines Blockbusters)? Und nicht zuletzt: Bin ich bereit, den Preis für Kino zu bezahlen, selbst wenn ich kein Kino dafür bekomme?

    Zuhause ist anders. Die Badewanne ist kein Thermal-Bad, die Musik-Anlage ist keine Disko, die Küche ist kein Restaurant, der Balkon kein Urlaub und der Fernseher ist kein Kino. Und das müssen sie auch nicht. Das Tolle an der Badewanne, der Musik-Anlage, der Küche, des Balkons und des Fernsehers ist, dass sie da sind, jederzeit genutzt werden können, eine ganz andere Art von Glück erschaffen. Und für alle die Momente, wo man darüber hinaus gehen möchte, mit Menschen genießen und eintauchen, Neues erleben und dem Alltag und Zuhause entfliehen möchte, geht man raus. Und bezahlt den verlangten Preis.

    Vielleicht werde ich mich in fünf oder zehn Jahren für diesen Artikel hier schämen und denken, wie sehr ich mich doch geirrt habe. Wie sehr die Corona-Krise die Distribution von Filmen, die Angebote und die Seh-Gewohnheiten der Menschen verändert hat. Wie bereit man doch war, das Kino zu vergessen. Vielleicht werden sich nun viel mehr Menschen zu Hause Kino-Atmosphäre schaffen. Vielleicht verkommen Filme aber auch zu einem Fast-Food-Vergnüngen, ähnlich einem Spotify, wo namenlose Musik ohne Seele in einer Playlist über den Zaun geworfen wird und kein Zuhörer überhaupt weiß, wie der Song, der Interpret oder das Album heißt.

    Nichts davon möchte ich jetzt glauben. Und ich hoffe, bald wieder ins Kino gehen zu können.

  • Feed me, Seymor!

    Aktuelle, technische Produkte sollen unser Leben erleichtern, uns im Alltag unterstützen und unliebsame Pflichten abnehmen. Ja, sie sollen sich um uns kümmern. Mitunter beschleicht mich allerdings das Gefühl, dass ich mich mehr um meine Geräte kümmern muss, als sie sich um mich. Ähnlich der fleischfressenden Pflanze Audrey II aus dem großartigen Musical „Little Shop of Horror“, die den armen Seymor pausenlos damit quält, endlich gefüttert zu werden, wollen alle Gerätschaften in diesem Haushalt etwas von mir.

    Auch wenn die meisten Rückmeldungen durch optische Anzeigen oder akustische Warnsignale erfolgen, stelle man sich bei folgenden Beispielen bitte eine nölige, nervende Stimme vor.

    Kaffeemaschine: „Ich habe kein Wasser mehr. Füll es auf. Mein Kaffeesatzbehälter ist voll. Mach ihn leer. Ich muss dringend wieder entkalkt werden. Kümmere dich drum. Der Auffangbehälter für Wasser läuft schon wieder über. Mach ihn leer. Ich habe keine Bohnen mehr. Füll sie auf. Außerdem habe ich kein Wasser mehr. Tu was.“

    Herd: „Da steht kein Topf drauf. Das Wasser ist übergelaufen. Mach das weg. Da steht immer noch kein Topf drauf. Ich mag es nicht, wenn ich nass werde. Der Topf steht nicht richtig drauf. Stell ihn richtig hin. Mach endlich das Wasser weg.“

    Küchenmaschine: „Der Deckel ist nicht richtig geschlossen. Mach ihn richtig zu. Die Teile sind zu groß, das kann ich nicht. Schneide das Zeug vor. Das ist mir alles zu anstrengend hier. Kannst du das nicht selbst schneiden?“

    Geschirrspülmaschine: „Ich habe keinen Klarspüler mehr. Füll es auf. Ich habe kein Salz mehr. Füll es auf. Ich bin fertig mit Spülen, mach mich leer. Und füll den Klarspüler auf.“

    Kühlschrank: „Mach zu. Ich mag es nicht, wenn die Tür so lange auf ist.“

    Staubsauger: „Mein Behälter ist voll. Mach ihn leer.“

    Elektrische Zahnbürste: „Mein Akku ist leer. Lad mich auf. Der Bürstenaufsatz ist alt. Tausch ihn aus. Mein Akku ist leer.“

    Smartphones und Laptops: „Mein Akku ist leer. Lad mich auf. Meine Batterien sind leer. Tausch sie aus. Meine Firmware ist alt. Mach ein Update. Mein Akku ist schon wieder leer. Lad mich auf. Da stimmt was mit dem WLAN nicht. Kümmere dich drum. Da stimmt was mit dem Internet nicht. Kümmere dich drum. Da stimmt was bei mir nicht. Kümmere dich drum. Mein Speicher ist voll. Tu was dagegen. Meine Festplatte ist voll. Räum das auf. Mein Akku ist schon wieder leer.“

    Kopfhörer: „Ich kann diese Verbindung nicht finden. Tu was. Wie? Ich war schon mal mit dem Gerät verbunden? Hör ich zum ersten Mal. Und jetzt? Kümmere dich drum.“

    Fernseher: „Ich kann das Programm nicht anzeigen. Das muss am Receiver liegen. Kümmere dich drum. Ich kann nicht umschalten. Ich kann den Ton nicht so ausgeben wie du willst. Kümmere dich drum. Ich weiß nicht, mit welchen Kopfhörern ich mich verbinden soll. Kenne die nicht. Tu doch mal was.“

    Receiver und Kopfhörer: „Kannst du dem Fernseher bitte ausrichten, dass wir keinen Bock mehr haben? Danke.“

    Der Mülleimer mit dem automatischen Deckel: „Hör mal, ich rede mit den anderen Geräten hier. Die sind nicht zufrieden mit dir. Und was ich noch sagen wollte: Fütter‘ mich, Seymor.“

    Ich: „Audrey?“

  • Meine Liebe zu Soundtracks

    Während ich diese Zeilen tippe, läuft im Hintergrund die Musik aus dem Film „The Shawshank Redemption“, hierzulande bekannt als „Die Verurteilten“. Danach dürfte ein Stück aus Apollo 13 erklingen, etwas aus Braveheart, A Beautiful Mind, Backdraft, Oblivion oder 1492. Großartige orchestrale Stücke von einzigartigen Komponisten.

    Womit wir direkt bei der Definition, dem Fehler im Titel und dem Grund dieses Artikels sind. Es gibt einen Unterschied zwischen Soundtrack und Score, der nur den wenigsten bekannt ist. Der Score eines Films ist die meist rein musikalische, orchestrale Untermalung eines Films, die meist von einem Komponisten arrangiert und eingespielt wurde. Der Soundtrack hingegen sind die im Film benutzten (gesanglichen) Musikstücke, die von mehreren unterschiedlichen Künstlern geschaffen wurden.

    Im allgemeinen Sprachgebrauch spricht man mittlerweile fast nur noch von Soundtracks. Es etablierte sich auch irgendwann, nur einen Tonträger zu einem Film zu veröffentlichen, der Songs, aber auch einige orchestrale Stücke enthielt. Wenn ich aber von Soundtracks spreche, meine ich Scores. Wenn ich von Scores spreche, meine ich Stücke, die von Komponisten wie Thomas Newman, James Horner, John Williams, Mark Isham, James Newton Howard, Alan Silvestri und natürlich von Hans Zimmer geschaffen wurden. Dieser Name dürfte mittlerweile jedem bekannt sein, selbst nicht eingefleischten Filmfans.

    Mit Hans Zimmer begann meine Liebe zu Scores. Vielleicht erwachte mit ihm sogar meine Liebe zum Film. Damals, im Jahre 1989, saß ich mit einer Gruppe ebenfalls sechzehnjähriger Halbstarker in einem provisorisch zusammengestellten Kino im Gemeindehaus in unserem Dorf. Eine kleine vergilbte Leinwand, die vermutlich einst für Dia-Shows benutzt worden war, stand inmitten des Saals. Davor waren in sechs oder sieben Reihen harte Holzstühle aufgebaut auf denen die Kinder keine Ruhe geben wollten. Im Hintergrund ratterte ein echter Projektor, wie man sie heutzutage nicht mehr zu sehen bekommt und ein alter Filmfan regelte und justierte an diversen Knöpfen, um den Film möglichst scharf auf die Leinwand zu werfen.

    In meiner Erinnerung war ich der einzige Anwesende, der den Film quasi in sich aufsog, sich der Geschichte hingab, mitfühlte, zu Tränen gerührt war und der zum ersten Mal erlebte, wie Musik einen Menschen berühren konnte. Wie Musik, ein Orchester, ein Rhythmus eine Stimmung erzeugen, ein Bild malen konnte, dass sich mit dem Bild auf der Leinwand vereinte, die Konturen schärfte, die Farben verstärkte, den Weg in das Hirn und das Herz erleichterte. Es handelte sich um „Rain Man“ von Barry Levinson mit Dustin Hoffman und Tom Cruise in den Hauptrollen, der die Geschichte des autistischen Raymond Babbitt und seines Bruders Charlie Babbitt und deren schwierige Annäherung erzählte. Der Soundtrack stammte von diversen Künstlern wie Johnny Clegg, Bananarama oder den Belle Stars. Der Score allerdings war von Hans Zimmer komponiert worden.

    An jenem Abend hörte ich Hans Zimmers Musik zum ersten Mal. An jenem Abend ließ ich mich zum ersten Mal mitreißen. Und an jenem Abend wurden Scores meine neue Leidenschaft. Klassische Musik, mit Streichern, Bläsern, Trommeln und Harfen, mit Dramatik, mit Gefühl, mit Herz. Keiner der anderen Kinder nahm die Musik wahr, keiner sah den Film, wollte ihn verstehen. Sie alle lärmten, lachten, wenn der autistische Raymond für sie nicht nachvollziehbare Dinge tat. Nur ich saß wie gebannt inmitten des Saals und wünschte, ich könnte sie ausblenden und die Musik lauter drehen.

    Seit jener Zeit entwickelte ich ein Ohr für Komponisten, näherte mich ihrem Œuvre, erkannte bald ihren Stil und ihre Handschrift. War ein Film vorbei, blieb ich bis zum Ende im Kino sitzen, um mich der Musik hingeben zu können, um die Momente, die mich zuvor noch bildlich begeistert hatten, musikalisch einbrennen zu lassen. Ich erkannte schnell schon nach den ersten Noten, um welchen Komponisten es sich handeln musste. Die Großen ihrer Zunft sind unverkennbar und die Jungen streben ihnen nach.

    Ein Score trägt unmittelbar zur Stimmung eines Films bei. Nein, er prägt ihn sogar, mehr noch als das Bild. Es gibt Videos, die Trailer von Komödien zeigen, aber mit einem schaurigen, unheilvollen Score unterlegt wurden, wodurch sich die Stimmung völlig änderte, abglitt und Unbehagen hervorrief. Die ergreifendsten Momente in Filmen werden durch die Musik erzeugt. Oder durch das bewusste Fehlen von Musik. Oder gar dem bewussten Einsatz falscher Musik, um das oben beschriebene Unwohlsein zu steuern. Die Musik, der Score, macht den Film erst zu dem, was er ist.

    Die Soundtrack-CD von Rain Man habe ich noch immer, auch wenn ich meine Scores mittlerweile aus anderen Quellen höre. Damals war es tatsächlich ein Soundtrack, denn neben den oben erwähnten Künstlern mit ihren Songs, enthielt die CD nur zwei Stücke, die einen Mix des Hans Zimmer Scores darstellte. Für mich über Jahre die einzige Möglichkeit, die Musik zu hören. Mittlerweile wurde ein echter Score des Films veröffentlicht und jedes noch so kleine Stück ist dort enthalten. Remastered und in bester Tonqualität.

    Mittlerweile läuft im Hintergrund ein Stück aus „The Assassination of Jesse James“, ein Film, der mir gar nicht so recht gefallen mochte. Aber mein Gott, was für ein grandioser Score von Nick Cave & Warren Ellis. Schon alleine dafür liebe ich den Film. Danke Nick, danke Warren. Und danke, Hans.

  • Alles alte Klamotten

    Irgendwann öffnet man den Schrank und bemerkt, dass zu viele Klamotten darin verstaut sind. Sie hängen von Bügeln, liegen gefaltet auf Stapeln und verstauben in Schubladen. Irgendwann bemerkt man, wie dieser Haufen Kleidung zu einer Last wird, einer Bürde, derer man sich entledigen möchte. Irgendwann ist das alles nur noch Ballast, man sortiert aus, stellt fest, wie viele der Teile man seit Jahren nicht mehr angefasst oder gar getragen hat und ist mutig genug, sich davon zu lösen. Und dann steht man da mit 5 großen Tüten voll guter Kleidung, die eigentlich viel zu schade ist, um sie weg zu werfen.

    Natürlich möchte man sie spenden. Aber wo? Wohin mit den alten Klamotten? Man hört und liest ja so viel Übles. Über eine Altkleider-Mafia, über Firmen, die mit den abgegebenen Kleidungsstücken reich wurden, von Bedürftigen, bei denen die Spenden nie ankamen. Man liest über das Rote Kreuz, das offenbar Geld mit den Klamotten verdient, von der Caritas, die mittlerweile nicht nur von gut erhaltenen Altkleidern, sondern von jeglichem Müll überhäuft werden. Und man sieht Reportagen über Sammelstellen, die ebenfalls in den Bergen an alten Textilien untergehen. Wohin also damit?

    Das enorm-Magazin hat sich dieser Frage angenommen und versucht, Licht ins Dunkle zu bringen und Tipps zu geben, wohin man alte Kleidungsstücke bringen kann. Worauf sollte man unbedingt achten? Was sollte man meiden? Welche Organisationen gibt es überhaupt, die Altkleider-Spenden annehmen? Wo findet man zentrale Informationen? Und was steckt eigentlich wirklich hinter den Geschichten und Reportagen, wie mit Kleiderspenden Geld verdient wird?

    Ein sehr gut recherchierter Artikel, der uns anregen sollte, über unseren Konsum nachzudenken und der letztlich mit dem besten aller Tipps schließt: Hört auf, so viel Scheiß zu kaufen.

    Aufmerksam wurde ich auf die Seite durch die Attention Please Aktion von Felix Lobrecht auf seiner Instagram-Seite.

  • Jede Straße in jeder Stadt

    Das kleine, aber äußerst faszinierende Tool City Roads zeichnet auf Basis von Open Streetmap Karten eine Grafik von Städten, die nur aus den Linien der Straßen besteht. Die Ergebnisse sehen derart hübsch aus, dass man sie am liebsten ausdrucken und an die Wand hängen möchte. Und warum auch nicht? Eine kleine Galerie der persönlichen Lieblingsstädte vielleicht? Probiert es aus.

  • Update Junkie

    Never touch a running system. Eine sehr kluge Redewendung und Regel, die in allen möglichen Lebenslagen beherzigt werden sollte. Ganz egal, ob es um die Fußballmannschaft oder um die heimische Einrichtung der smarten Lampen und Lautsprecher geht. Wenn etwas funktioniert, lässt man besser die Finge davon und freut sich, dass es funktioniert.

    Jeder, der in der IT arbeitet, hält sich natürlich daran. Jeder? Nein. Ein unbeugsamer Autor eines unbedeutenden Blogs lebt seit Jahren nach der Devise „Neues ist immer besser!“ Neues verspricht noch unbekannte oder schnellere Funktionen, schönere Oberflächen, tolleres Benutzererlebnis – hach, Neues ist immer so… neu. Und aufregend. Und ja, ich spreche von mir selbst.

    Auch Jahre der Erfahrung konnten mich bis heute nicht von dem Drang abhalten, jegliches mögliche Update zu installieren. Neue Geräte anzuschaffen. Ja, sogar mit Warnung versehene Beta-Versionen zu ziehen, nur um den Kick des Neuen zu spüren. Ganz vorne dabei zu sein. Oder endlich Bugs entfernt zu wissen (die bislang vermutlich noch gar nie aufgefallen waren).

    Jeden Morgen die gleiche Routine: Wecker ausschalten, Wetter checken, Nach Updates suchen. Für zwei Apps stehen Updates bereits. Performance- und Stabilitätsverbesserungen. Ja, gib es mir, schnell. Natürlich starte ich die aktualisierten Apps nicht. Wozu auch, sie sind neu und verbessert. Ich muss mich davon nicht überzeugen, ich weiß es. Neu ist immer besser. Außerdem interessieren mich diese Apps gar nicht. Hauptsache sie sind aktuell.

    Natürlich fiel ich schon mehrfach auf die Nase mit diesem Verhalten. Apps, die plötzlich nicht mehr funktionierten, liebgewonnene Funktionen über Bord geworfen hatten, nicht mehr mit bestimmten Geräten oder anderen Apps zusammen arbeiteten. Gadgets, die sich nicht mehr starten ließen. Rechner, die neu installiert werden mussten. Ich habe alles durchgemacht.

    Nichts kurierte mich von der Sucht. Der App Store ist mittlerweile ganz hinten in einem Ordner versteckt, um mir den Weg dorthin zu erschweren, doch ich gehe ihn gern. Auf dem Macbook wartet allabendlich ein kleines Programm, das alle installierten Programme auf Aktualisierungen prüft, darauf, von mir gestartet zu werden. Ja, selbst dieser Artikel konnte erst begonnen werden, nachdem ein WordPress-Plugin aktualisiert wurde. Dieser kleine, rote Bubbel mit der weißen Eins, die eine verfügbare Aktualisierung signalisiert, war einfach zu verlockend und hätte mich nur abgelenkt.

    Ich bin ein Update Junkie! Gibt es dafür eine Selbsthilfegruppe? Die AA? Die anonymen Aktualisierer? Oder vielleicht einen Ratgeber? Einen 12 Stufen-Plan zur Entwöhnung. Was? Davon gibt es eine neue, verbesserte Version mit nur 11 Schritten? Ich wusste es. Gekauft.

  • Mein erster (und einziger) Song

    Wie schon oft erwähnt, blieb ich meinem Amiga Computer sehr lange treu. Vermutlich länger, als gut war. Meinen ersten richtigen PC erwarb ich schätzungsweise irgendwann um 1995 herum. Und sofort probierte ich – natürlich neben Spielen – alles aus, was mit der Maschine möglich war: Programmieren, Schreiben, Foto- und Videobearbeitung und so weiter. Alles stets im Rahmen der technischen und amateurhaften Möglichkeiten. Und bald schon reizte mich ein neues Thema: Das Produzieren eines eigenen Songs.

    Mit Programmen wie dem Magix Music Maker wurde dies zum Kinderspiel. Mit einem breiten Set aus vorgefertigten Sounds und Loops, konnte ein Song mit etwas Geschick ähnlich einem Lego-Gebilde „zusammen gesteckt“ werden. Auf mehreren Spuren platzierte man Bass, Drums, Snares und Gesang. Reicherte das Ganze mit Echo- und Hall-Effekten an, verschob Teile oder bastelte als Bridge einen besseren Übergang. Die Sounds gaben den Stil vor, war man mutig und kreativ genug, nutzte man bewusst die falschen Klänge um etwas völlig neues zu kreieren.

    Als ich mit meinem ersten Song begann, war die Hochzeit von Techno, Trance und House und es lag daher nah, einen ähnlichen Weg zu gehen. Das Ergebnis hatte natürlich weder künstlerisch noch technisch einen hohen Wert. Die Samples und Loops waren seinerzeit nicht in CD-Qualität (auch wenn sie auf solchen ausgeliefert wurden, aber ich meine mich zu erinnern, dass die Sample-Rate geringer war). Und vom Komponieren hatte ich so viel Ahnung wie vom Autos reparieren oder Marzipan-Herstellung (was sich bis heute nicht geändert hat). Aber ich ließ mich nicht aufhalten, bastelte einige Tage herum, bis ich zufrieden war und einen Song kreiert hatte, der einen gewissen Drive, Tempowechsel, ausreichend Bass und ein Finale hatte und auf den ich seinerzeit schon ein wenig stolz war.

    Heute ist es fast lächerlich das Stück zu hören. Aber da der Song etwa 25 Jahre alt sein dürfte, habe ich genug Abstand, um ihn hier zu präsentieren. Damals noch namenlos, gab ich ihm irgendwann um die Jahrtausendwende den Titel „Have a break“, mein damaliger Claim meiner damaligen frischen Homepage ebrake.

    Und nun viel Spaß. Ihr dürfte gerne die Lautstärke hoch drehen:

    Have a break – Roger Graf, ca. 1995 bis 1997

    By the Way: 25 Jahre? Ein Vierteljahrhundert? Ein Viertel-fucking-jahrhundert?

  • 7 Regeln für Firmenparty-DJs

    Klugscheißermodus an. Ich mag es ja grundsätzlich sehr, wenn Menschen über Dinge schreiben, von denen sie so gar keine Ahnung haben, Tipps geben und Regeln aufstellen. Immer wieder ein Quell der Freude. Und heute möchte ich mich daran beteiligen, denn vom Plattenauflegen als DJ weiß ich so gar nichts. Aber ich weiß, wie man sich als Gast auf einer Firmenfeier fühlt, wenn der DJ es schafft, durch seine Musikauswahl die Tanzfläche zu leeren. Deshalb folgen nun meine ultimativen Klugscheißertipps für Firmenparty-DJs:

    1. Informiere dich im Vorfeld über dein Publikum. Irgendjemand fragt dich an und bucht dich. Dieser Jemand ist höchstwahrscheinlich für die Veranstaltung verantwortlich und war es auch schon auf vielen Veranstaltungen zuvor. Frag nach, wie die Gäste drauf sind, ob gerne getanzt wird. Ob auf früheren Partys eher zu 80er, 9er, Rock oder Pop getanzt wurde.
    2. Lass deinen eigenen Musikgeschmack zuhause. Niemand auf der Party interessiert sich für deinen exotischen Stil oder deinen Radio-Mix, den ohnehin jeder jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit hört. Du bist ein Dienstleister, der deinem Kunden das liefern soll, was das Publikum will. Siehe Punkt 1. Zusatz: Niemand interessiert sich für deine tollen Übergänge. Die Leute wollen tanzen und Spaß haben.
    3. Spiele „tanzbare“ Musik. Die Auswahl ist riesig und das mögliche Feld weit. Daumenregel: Wenn ein Song in Heavy Rotation im Radio läuft, ist er zwar populär aber nicht unbedingt für eine Firmenfeier geeignet. Einzige Ausnahme ist natürlich, wenn während eines Büffets ebenfalls Musik gespielt werden soll – dann bitte etwas loungiges mit Stil
    4. Halte einen beliebten Stil durch. Wenn du einen Rock-Klassiker aus den 80ern spielst und die Gäste johlend auf die Tanzfläche rennen, spielst du danach noch einen Rock-Klassiker aus den 80ern und danach noch einen. Und nachdem du noch einen und dann noch einen gespielt hast, kannst du gerne noch einen spielen. Und dann erst kannst du darüber nachdenken den Stil zu wechseln. Siehe Punkt 5.
    5. Achte auf dein Publikum. Wenn du einen Neue Deutsche Welle Song spielst und die Gäste fluchtartig von der Tanzfläche eilen, dann bemerkst du das und spielst ab sofort keine Neue Deutsche Welle Songs mehr, sondern gehst zu einem Rock-Klassiker aus den 80ern über. Siehe Punkt 4.
    6. Halte dich an unveränderbare Grundregeln. Die Klassiker gehen meistens, egal ob das Publikum Ü40, U22 oder alles zwischen 18 und 64 ist. Mit tanzbaren Rock-Klassikern, mit 80er und 90er Pop-Songs liegst du meistens richtig. Mit R&B und Hip-Hop (auch Deutsch) kannst du punkten, achte aber auch hier darauf, beliebte Klassiker im Repertoire zu haben. Techno funktioniert nie, House unter Umständen. Hard-Rock kann zu später Stunde noch richtig anheizen. Mit deutschen Songs immer Vorsicht walten lassen, nie Schlager spielen, nie Karnevalsmusik, aber jederzeit Lieder, deren Text jeder auswendig kennt. Und neben diesen allgemeinen Grundregeln gelten zwingend folgende Unterregeln:
      1. Nach den Spice Girls kommen die Backstreet Boys
      2. Nach Kenny Loggins kommt Melissa Etheridge
      3. Nach Metallica kommt „Killing in the Name of“
      4. Nach Rihanna kommt Jay-Z, Beyonce oder Alicia Keys
      5. Nach „Mr.Vain“ kommt „Rhythm is a Dancer“
      6. Nach Abba kommen die Bee Gees
      7. Nach den Fanta 4 kommt Fettes Brot und danach Seeed
      8. Nach „It’s my Life“ (Dr.Alban) kommt „There’s no limit“ (2Unlimited) oder „What is Love“ (Haddaway)
      9. Nach „Billy Jean“ kommt „I will survive“
      10. Nach Kool & The Gang kommt Earth, Wind & Fire
      11. Bonus-Regel: „Uptown Funk“ von Bruno Mars und „Blurred Lines“ von Robert Thicke gehen immer. Auf jeder Feier.
      12. Alle oben genannten Kombinationen können in der jeweiligen Reihenfolge getauscht werden und es gibt ca. 2400 weitere unveränderbare Kombinationen, die ein Profi kennen muss.
    7. Du hast jeden erdenklichen Musikwunsch da oder kannst ihn in irgendeinem Streamingdienst aufrufen. Du nimmst jeden Musikwunsch ernst und spielst ihn alsbald in der Playlist anderer Songs, die dazu passen. Sollte der Song gar nicht zum Publikum passen (siehe Punkt 4 und 5) teilst du mit, dass du diesen Song nicht oder nur am Ende der Party spielen kannst.

    Ist doch eigentlich gar nicht so schwer, oder? Klugscheißermodus aus.

  • Titanic sinkt in Echtzeit

    Gefunden bei Spreeblick: Ein etwas älteres Video, das in Echtzeit darstellt, wie die Titanic seinerzeit sank. Volle 2 Stunden und 40 Minuten lang. Das ist faszinierend und gruselig zugleich. Das Ganze entstand mit der bekannten Unreal Engine 4 und sollte offenbar auch hier für ein Game benutzt werden.

  • Künstliche Aufregung um eine Umweltsau

    Wovor man vielleicht Angst haben sollte: Künstliche Intelligenz. Romane und Spielfilme wie Terminator haben uns gelehrt, dass eine KI früher oder später ein Bewusstsein entwickeln wird, erkennt, dass der Mensch der größte Feind der Menschheit ist und Schritte einleitet, diese Plage auszulöschen.

    Wovor man mehr Angst haben sollte: Künstliche Aufregung. Soziale und andere Medien haben uns gelehrt, dass jede(r) Meinung, Ansicht, Gedanke, Tat, Untat, Aussage derart emotional bewertet wird, dass zielführende Gespräche nicht mehr möglich sind. Letztes Beispiel (mittlerweile vielleicht auch nicht mehr) ist eine harmlose Umdichtung eines harmlosen Lieds, interpretiert von einem Kinderchor, initiiert vom WDR. Ein Text, der eine Oma als Umweltsau bezeichnet und damit kaum bösartiger oder ernster gemeint ist, als unsere damals neu getexteten Songs auf dem Schulhof oder auf der Otto-Schallplatte. Es reichte dennoch zu einer künstlichen Aufregung, Aufmärschen von Wutbürgern und recht(s) radikalen Arschgeigen vor dem WDR-Gebäude und höchst peinlichen Entschuldigungs-, Beschuldigungs-, Erklärungsversuchen aller WDR-Mitarbeiter (außer den Freien natürlich). Wie man mit einer solchen Situation besser umgehen sollte, hat der bekannte Rezo in seiner Zeit-Kolumne sehr treffend beschrieben.

    Wovor man am meisten Angst haben sollte: Reale Dummheit. Die Realität hat uns in den letzten Jahren gelehrt, dass die reale Dummheit die größte Gefahr der Menschheit darstellt, denn einige wenige Clevere nutzen sie, um ihre eigenen, egoistischen Ziele mit dummer Masse zu erreichen. Und so nebenbei den Frieden, die Umwelt und – auf lange Sicht – die Menschheit zu vernichten. Vermutlich noch schneller, als es künstliche Intelligenz schaffen würde. Diese entwickelt immerhin noch ein Bewusstsein.

  • Freiburg wird 900 Jahre jung

    Meine Lieblingsstadt Freiburg im Breisgau feiert in diesem Jahr 2020 seinen 900. Geburtstag. Wie es sich für eine solchen Anlass gehört, wurde eigens für dieses Jubiläum ein visuelles Design erstellt. Die von der Agentur designconcepts gestalteten Visuals werden auf Flyern, Straßenbahnen, Webseiten, Postern, Schlüsselanhängern und so weiter verwendet und ergeben ein zunächst gelungenes Gesamtergebnis.

    Nun bin ich ja leider ein einigermaßen visueller Mensch, der vielleicht manchmal zu oft auf Details achtet. Und dieser Mensch muss trotz aller Liebe zu Freiburg sagen, dass die gefälligen Farben und die moderne Darstellung weder etwas über die Stadt oder das Umland aussagen und leider äußerst austauschbar, ja, sogar uninspiriert sind. Derartige Hintergründe findet man auf einschlägigen Webseiten zuhauf und kostenlos. Mir will auch kein Grund einfallen, weshalb das FREI kleiner und eingerückt ist und nicht bündig mit dem BURG abschließt. Und das, wo sich die 4 mal 4 mal 4 Darstellung mit der 2020 so schön anbietet.

    Aber egal. Zu sehr mag ich die Stadt, sage herzlichen Glückwunsch und hoffe, dieses Jahr einmal zu Besuch kommen zu können. Es ist schon viel zu lange her seit ich zuletzt eine lange Rote auf dem Münsterplatz aß.

  • Die verrückte Grenze der Vennbahn

    Wenn man im Aachener Dreiländereck lebt, kennt man die Vennbahn. Eine ehemalige Eisenbahnstrecke, die mittlerweile zu einem Radweg umgebaut wurde und eine recht eigenartige Grenze zwischen Deutschland und Belgien zieht. Tim Traveller beschreibt dies sehr amüsant im folgenden Video (auf englisch. Und ja, ich habe mehrfach gelacht):

    Und weil wir gerade vom Dreiländereck sprachen: Irgendwie ist das hier ja ein Vierländereck. Oder auch nicht, da Holland ja nicht gleich Niederlande ist, Neural-Moresnet nicht mehr existiert und überhaupt der Vaalserberg gar nicht wirklich der höchste Berg der Niederlande ist, sondern seit 2010 ein Vulkan auf der Karbik-Insel Saba, die als besondere Gemeinde der Niederlande gilt. Aber das wusste Tim Traveller offenbar nicht in dem weiteren sehr amüsanten Video aus dem Aachener Dreivierländereck (Ich habe auch hier mehrfach gelacht):

  • Rückblicke, Ausblicke und ein frohes neues Jahr 2020

    Ende November kündigte ich an, ein kleines Experiment durchführen zu wollen. Ich nahm mir vor, jeden Tag im Dezember einen Blog-Artikel zu verfassen. Und dieses Ziel erreichte ich nicht nur, insgesamt entstanden in den letzten Wochen 39 Artikel (inklusive diesem hier). So viel wie zuletzt im Jahr 2009. Also vor 10 Jahren und damals waren es knapp über vierzig Artikel im ganzen Jahr.

    Meine Beweggründe hatte ich im Artikel vom 26.November bereits dargelegt. Ich wollte diesem Blog wieder Leben einhauchen, wollte wieder schreiben. Und: ich wollte mich nicht einschränken, die Hürden nicht direkt zu hoch setzen. So sollte es egal sein, ob ich am Rechner, am Tablet oder am Smartphone poste. Es sollte egal sein, ob es nur ein Foto, ein Tweet, eine Geschichte, eine Anleitung oder ein Video ist. Es sollte nur endlich was passieren. Dies ist mein Spielplatz und ich schreibe über die Dinge, die mich gerade bewegen.

    Was habe ich im vergangenen Monat gelernt? Bloggen macht noch immer Spaß, täglich bloggen ist eine ganz schöne Arbeit und das Feedback ist mittlerweile zum Erliegen gekommen. Ohne Publicity funktioniert es nicht. Ich bewarb nur einige meiner Artikel auf Twitter, doch nur die haben eine größere Menge an Lesern erhalten. Der Rest ging quasi unter. Auch die Kommentare blieben aus. Wo früher noch Diskussionen entstanden, ist es heute ruhig.

    All das hält mich aber nicht auf. Ich blogge weiter, wenn auch ab sofort wieder in etwas gemäßigterem Tempo. Und ich möchte keinerlei Ankündigen oder Versprechungen machen. Zu oft meldete ich mich ab und wieder an, schwor Abstinenz oder neues Engagement und beides wurde nie eingehalten. Vielleicht ist es Altersmilde, aber ich sehe das alles mittlerweile lockerer. Es kommt, was kommt. Auch in diesem Blog. Vielleicht gewinne ich Leser dazu, vielleicht auch nicht. Zum ersten Mal kann ich wirklich sagen: Ich schreibe hauptsächlich für mich. Und wenn ihr, liebe Leser, dabei Spaß habt, umso besser.

    In diesem Sinne wünsche ich allen ein frohes neues Jahr 2020. Habt euch lieb. Habt die Natur lieb. Meidet alles fremdenfeindliche. Meidet zu viel Plastik. Fahrt Fahrrad oder nehmt den Zug. Rast nicht und esst gesund. Glaubt nicht immer alles, was ihr im Netz lest, seht und hört. Hinterfragt, aber verurteilt nicht sofort. Trinkt nicht zu viel Alkohol und nehmt nicht zu viel Zucker zu euch. Schreibt Silvester nicht mit y. Schaltet öfter den Fernseher aus und hängt nicht ständig bei Whatsapp und Instagram rum. Löscht euren Facebook-Account! Und um Himmels Willen, regt euch nicht ständig über alles und jeden auf. Auf ein glückliches neues Jahr.

  • Ich bin zertifizierter User Experience Professional

    Ein Mensch kann von Glück sprechen, wenn er die Chance erhält, sich beruflich nach seinen Wünschen entfalten zu können. Ein Mensch kann von großem Glück sprechen, wenn er das zweimal in seinem Leben kann. Ich darf mich zu diesen glücklichen Menschen zählen. Konnte ich zuerst meinen Kindheitstraum wahr werden lassen und Lokführer werden, so bekam ich vor knapp zwei Jahren die Chance, eine andere Leidenschaft zum Beruf zu machen. Und seit diesem Monat darf ich mich, nach bestandener Prüfung, auch offiziell „zertifizierter User Experience Professional“ nennen.

    Nun werden sich einige fragen, was ein User Experience Professional überhaupt ist. Vielleicht stellt sich zuvor noch die Frage, was User Experience eigentlich bedeutet. Das International Usability and UX Qualification Board (UXQB) definiert User Experience so:

    Die Wahrnehmungen und Reaktionen eines Benutzers, die sich aus der Benutzung und/oder der erwarteten Benutzung eines interaktiven Systems ergeben.

    Ein User Experience Professional ist nach dieser Definition ein Fachmann (oder natürlich auch Fachfrau), der den Prozess menschenzentrierter Gestaltung plant und managt, den Nutzungskontext beschreibt, Nutzungsanforderungen ableitet, die Interaktion zwischen Mensch und interaktiven System definiert und konzipiert, das User Interface entwirft und Evaluierungen durchführt. Vereinfacht gesagt, ist die Aufgabe des UX Professional die Anforderungen von Benutzern zu verstehen und diese in entsprechenden Bedienoberflächen abzubilden, so dass die Benutzer ihre Anforderungen befriedigen können und ihre Ziele mit dem System erreichen. Das ist aber extrem stark herunter gebrochen und sagt nur einen Teil dessen aus, was ein UX Professional macht. Versuchen wir es mal so:

    Wer von meinen werten Lesern hatte je bei Benutzung eines Systems das Gefühl, nicht zu wissen, was eigentlich zu tun ist? Wer hatte je Angst, etwas falsch zu machen? Wer hatte je Fehlermeldungen, die nicht weiter halfen? Wer gab schon einmal einfach auf? Wer hatte ganz bestimmte Erwartungen an ein System, die nicht erfüllt wurden? Wer fühlte sich je verloren und auch nach vermeintlich erfolgreicher Bedienung noch immer unwohl und unsicher? Jeder, der diese Gefühle kennt, hatte mit schlechter User Experience zu tun. Und mein Job ist es, dies zu verhindern.

    Meine Aufgabe und meine Berufung ist es, interaktive Systeme menschenzentriert und menschenwürdig zu gestalten. Der Mensch als Anwender steht immer im Mittelpunkt unserer Arbeit.

    Die Arbeit als User Experience Professional ist wahnsinnig spannend und vielfältig und ich bin froh, dies in einem tollen Team in meiner Firma ausüben zu können. Jeden Tag lernt man etwas Neues dazu und – wie so oft bei Experten – man betrachtet die Welt plötzlich mit anderen Augen. Jedes Usability Problem, jede schlechte User Experience wird sofort analysiert und nach möglichen Lösungen gesucht. Es ist verblüffend, wie fern von menschentauglicher Gestaltung interaktive Systeme noch immer sind. An der Schwelle zum Jahr 2020.

    Eins meiner Lieblingsbeispiele, wenn ich versuche zu erklären, was schlechte User Experience ist, beziehungsweise, wie schlechtes Design Menschen behindert, sind die so genannten Norman Doors. Benannt nach Don Norman, Mitbegründer der Nielsen Norman Group und Verfasser des sehr lesenswerten Buches „The design of everyday things“. Norman beschreibt dort, wie schwierig es offenbar sein muss, Türen so gestalten, dass deren Nutzung intuitiv klar wird. Sobald es notwendig ist, ein „Ziehen“ oder „Drücken“ Schild an die Tür zu kleben, hat ein „Tür-Designer“ versagt. Wenn Sie je an einer Tür standen und nicht wussten, ob sie drücken oder ziehen sollen, ob die Tür nach links oder nach rechts aufschwingt, ob sie offen oder verschlossen ist oder ob es evtl. gar eine Schiebetür ist, so hatten Sie es mit schlechter User Experience zu tun.

    Und was wäre das Positiv Beispiel? Eine Tür, bei der Sie gar nicht überlegen müssen. Deren Gestaltung Ihnen offensichtlich anzeigt, an welcher Stelle welche Aktion durchzuführen ist und die Tür gemäß dieser Erwartung auch funktioniert.

    Im Dezember 2019 erwarb ich das CPUX-F Zertifikat (Certified Professional for Usability and User Experience – Foundation Level) und ich gedenke, darauf weiter aufzubauen. Ich kann mich glücklich schätzen, in diesem Metier zu arbeiten, eine etwas bessere Welt zu schaffen und Systeme zu entwickeln, die jeder Mensch einfach und gut bedienen kann. Und die Benutzern ein gutes Gefühl gibt, wenn sie damit genau das erreichen, was sie erreichen wollten.

  • Der bipolare Durchlauferhitzer

    Wo ich herkomme, kennt man so etwas wie Untertischgeräte oder Durchlauferhitzer nicht. Zumindest begegnete ich nie etwas derartigem – und glaubt mir, ich wohnte in sehr vielen unterschiedlichen Wohnungen. Wollte man warmes oder heißes Wasser, drehte/bewegte/drückte/zog man die entsprechende Armatur und erhielt sofort einen zuverlässigen, angemessen temperierten und satten Strahl aus dem Hahn. Alles andere war Magie, die irgendwo im Keller stattfand und nicht weiter hinterfragt wurde.

    Bis ich nach Nordrhein-Westfalen zog und bei jedem Umzug aufs Neue Untertischgeräte oder kleine Elektroboiler für die Küche und Durchlauferhitzer im Badezimmer organisieren/warten/reklamieren und an ihnen verzweifeln durfte. Für mich unverständliche Zustände. Auch in der aktuellen Wohnung treibt mich ein solches Gerät regelmäßig in den Wahnsinn. Dabei ist es doch das Gerät selbst, das an einer bipolaren Störung zu leiden scheint.

    Der Durchlauferhitzer im Badezimmer kennt nur zwei Zustände: zu heiß oder zu kalt. Angenehmes, warmes Wasser kennt er nicht. Und in der Dusche kennt er auch keinen Druck. Man kann zwischen kaltem oder heißem Plätschern wählen. Gerne übernimmt das Gerät die Wahl, je nach Lust und Laune. Stets durch ein lautes „KLACK!“ angekündigt, wird die aktuelle Temperatur umgeschaltet, obwohl man selbst nichts an den Armaturen geändert hat. Noch fluchend und mit Schaum in Haar und Augen, verbrüht oder verkühlt man sich und hört direkt im Anschluss ein weiteres „KLACK!“, das einen verkühlt oder verbrüht. Je nachdem.

    Das Gerät hat einen Umschalter mit drei Stellungen und einen großen Regler. Dies, so die Anleitung, soll komfortabel jede gewünschte Temperatur garantieren, speziell für jedes Bedürfnis, jede Jahreszeit, jeden gewünschten Energieverbrauch angepasst. In Wahrheit kann jegliche Schalter/Regler-Kombination zur zwei Dinge: zu kalt oder zu heiß. Ich habe es im Laufe der Jahre getestet. Und wieder getestet. Und wieder…

    Einmal wurde der bipolare Durchlauferhitzer so krank, dass er regelmäßig die Sicherung aktivierte, wenn ihm zu heiß wurde. Ein Installateur kam zur Rettung, tauschte irgendwas Durchlauferhitzendes und quittierte mein Klagen über die bipolaren Zustände des Geräts mit einem Achselzucken. Das sei nunmal so, ich solle mal versuchen, den Schalter und den Regler auf eine andere Position zu stellen.

    Irgendetwas in mir machte „KLACK!“

  • Probleme mit YouTube Videos in Safari auf iPadOS

    Eines der tollsten Features des iOS-Ablegers iPadOS ist das sogenannten Desktop Class Browsing, also die Möglichkeit, im Safari Browser nicht mehr nur mobile Webseiten, sondern normale Webseiten-Ansichten aufzurufen, wie man sie von Desktop-Rechnern und Laptops kennt. Dies ist zum Beispiel sinnvoll für Office-Webanwendungen, die zuvor mit einem iPad nicht genutzt werden konnten. Tolle Sache, die auch grundsätzlich super funktioniert.

    Leider existiert seit Erscheinen von iPadOS (auch in der aktuellen Version 13.3) ein Problem, wenn man etwas bei Google sucht, ein YouTube Video angeboten bekommt und dieses im Browser ansehen möchte. YouTube Videos werden trotz aktiviertem Desktop-Browsing mit der Adresse m.youtube.com geöffnet, also der mobilen Variante. Dies passiert bei jedem Aufruf aus Google-Suchergebnissen und führt dazu, dass die Videos nicht gestartet werden können und eine Fehlermeldung erscheint, Safari könne die Seite nicht öffnen, da die Adresse ungültig sei.

    Offenbar kommt es zu dem Fehler, weil Google an der Stelle grundsätzlich auf die mobile Seite umleitet, der Browser aber mit der Desktop-Seite rechnet. Klickt man neben der Adressleiste auf das „aA“-Symbol, kann man diverse Einstellungen vornehmen und in einem solchen Fall die mobile Seite anfordern. Das Video kann dann zwar abgespielt werden, stellt aber nur niedrige Auflösungen zur Verfügung und scheint sich auch bei den Kontrollen wie Play und Pause eigenartig zu verhalten. Über das „aA“-Symbol kann dieses Verhalten (oder die Reader Einstellung) fest eingestellt werden.

    Natürlich gibt es auch noch die YouTube App, die ich aus diversen Gründen aber nicht nutzen möchte. Vornehmlich wegen der penetranten Werbeeinblendungen. HTML 5 sollte mich auch gar nicht in eine App zwingen. Daher habe ich derzeit nur die Möglichkeit, YouTube jedesmal auf die mobile Variante umzuschalten und keine hochaufgelösten Videos zu sehen. Oder auf das MacBook auszuweichen.

    Letztlich stellt sich mir die Frage, wo das Problem liegt. Ist es ein Bug von iPadOS? Ist es ein Bug auf Seiten Google? Ist es bewusstes Verhalten von Google? Sind es mal wieder Sturheit und Streitigkeiten von beiden Seiten? Bislang konnte ich keine Antworten zu finden. Technisch kann es kein Problem sein, die YouTube Seite korrekt als Desktop Variante aufzurufen und die Videos korrekt anzuzeigen. Hat vielleicht einer meiner Leser eine Idee?

  • 40 Tage Dunkelheit und ein iPhone 11 Pro

    Im russischen Murmansk herrschen in Dezember und Januar jedes Jahres 40 Tage lang Dunkelheit, bedingt durch die Nähe zum Polarkreis. Der Fotograf Amos Chapple besuchte die Stadt erstmalig nur mit einem iPhone 11 Pro bewaffnet und ist beeindruckt von der Aufnahmequalität und des Night Modes. Großartige Fotos, die Lust auf das Gerät machen.

    The iPhone’s Night Mode is the witchiest camera technology I’ve ever used. I still don’t understand it. I was shooting three second exposures made handheld, yet I never saw any movement blur. All of the shots I made were tack sharp.

    Even more strange is that, whenever there was movement in the frame, like a person walking, or snow falling, the camera somehow froze, or only slightly blurred that movement, *while* it was soaking up light for a long exposure. 

    Interestingly, when the camera senses it’s on a tripod it behaves exactly like a normal camera — so during a long exposure people walking or snow falling just become faint blurs. I took a tripod with me but hardly ever used it after noticing this switch that the camera makes.

  • Familien-Rommé

    In meiner Familie ist es Tradition, bei jeglichem Zusammentreffen früher oder später gemeinsam am Tisch zu sitzen und das Kartenspiel Rommé zu spielen. Ich kenne es seit Jahrzehnten nicht anders. Dafür kennen andere die Spielregeln meiner Familie nicht, denn wie ich im Laufe der Jahre feststellen musste, scheint jedes Land, jede Region, jede andere Familie Rommé nach ihren eigenen Regeln zu spielen. Jedes neue Familienmitglied hat sich diesen Regeln zu beugen, beziehungsweise sie zu erlernen.

    Versucht man, die offiziellen und korrekten Regeln für Rommé zu recherchieren, gelangt man schnell zum Schluss, dass es eben nicht das eine Rommé gibt, sondern Dutzende von unterschiedlichen Varianten. Meist unterscheiden sie sich nur in kleinen Details, die dann aber wiederum zu gravierend sind, um unterschiedliche Rommé Spieler nach einem Regelwerk spielen zu lassen. Meist wäre es leichter, einfach Uno zu spielen. Wobei – auch hier sind mir mindestens fünf unterschiedliche leicht abgewandelte Varianten bekannt und niemand auf dieser Welt scheint nach den originalen Regeln zu spielen.

    Das Regelwerk in meiner Familie unterscheidet sich zunächst beim Zählen von allen bisher gefundenen Regelwerken. Gewonnen hat der Spieler, der als erster 1000 Punkte erreicht hat. Wurde eine Runde gewonnen, zählt jeder die Punkte, die er auslegen oder woanders anlegen konnte zusammen und zieht die Punkte, die er noch auf der Hand hat, wieder ab. Der Sieger der Runde erhält für seinen Sieg zusätzliche 30 Punkte, bei Hand sogar 60. Alle Karten mit Zahlen sind 5 Punkte wert, alle mit einem Bild zählen 10. Asse zählen 25, wenn sie in Kombination mit anderen Assen gelegt wurden. Sind sie nur Teil einer Straße (Dame, König, Ass), sind auch sie nur 10 Punkte wert. Joker zählen, was sie ersetzen, außer, man hat noch welche auf der Hand. Dann tun sie mit 50 Minuspunkten sehr weh.

    Ich schätze, gerade diese Zählweise macht die Variante unserer Familie so interessant. Doch vermutlich sagen das Millionen anderer Familien ebenfalls über ihr Rommé Spiel, das sie seit Jahrzehnten und über Generationen hinweg kennen.

    Ich muss jetzt auch wieder los, alle sitzen schon am Tisch und warten nur noch auf mich.

  • Das Cats Desaster

    Vor sehr vielen Jahren – ich war sicherlich zu jung dafür – sah ich tatsächlich die Musical- Aufführung von Cats in Hamburg. Und ich hasste sie. Nicht nur die kaum vorhandene Geschichte, oder die teilweise wirklich schrecklichen Gesangsstücke (vielleicht bis auf den Klassiker Midnight). Vor allem hasste ich die Übersetzungen, die so holprig, völlig ohne Esprit und Versmaß in den vorhandenen Rhythmus gequetscht wurde und von Darstellern performed wurden, die der deutschen Sprache nicht mächtig waren und ihren Text offenbar nur phonetisch eingeübt hatten.

    Aber es scheint auch schlimmer zu gehen, wie die aktuelle Neuverfilmung des Musicals zeigt. Cats 2019 dürfte vermutlich in die Annalen als schlechtester Film des Jahrtausends eingehen und man muss sich fragen, wie es soweit kommen konnte. Ich muss voraus schicken, den Film tatsächlich nicht gesehen zu haben, daher soll dies keine Kritik am eigentlichen Film werden. Ich frage mich eher, wie ein Filmstudio offenbar alle Warnhinweise ignorieren konnte und es wagte, einen bereits nach dem ersten Trailer von der breiten Mehrheit gehassten, nicht fertigen Streifen gegen die finale Star Wars Episode antreten zu lassen.

    Der Trailer kam im frühen Sommer heraus und weckte zu der Zeit noch große Erwartungen. Inszeniert vom Oscar prämierten Regisseur Tom Hooper und gespickt mit einem A-Listen Cast, galt Cats zu den kommenden Oscar Anwärtern. Nur wenige Minuten nach Veröffentlichung des Trailers war allen klar, dass Cats gnadenlos untergehen würde. Man sah Monstrositäten, pelzige Katzen-Mensch-Hybriden, mit menschlichen Gesichtern, katzenartigen Nasen und Ohren, Schwänzen, behaarten Brüsten, die teils nackt, oder in Pelzmänteln unterwegs waren und deren Gesamterscheinung einem schrecklichen Fiebertraum entstammen mussten. Die Aufregung war groß, Cats erhielt maximale Publicity, die Meinungen waren bereits zu diesem Zeitpunkt vernichtend.

    Kurz zuvor hatten die Macher des Films „Sonic the Hedgehog„ Ähnliches erlebt. Nach Erscheinen des ersten Trailers gingen Fans auf die Barrikaden ob der unbegreiflich schlechten Umsetzung und Gesamt-Designs des titelgebenden Igels. Nichts an diesem Gebilde erinnerte an den liebgewonnenen Helden aus den Konsolen-Spielen. Das Filmstudio gelobte sofort Besserung, zog sich zurück, designte Sonic komplett neu und überarbeitete alle CGI Effekte des Films. Egal, ob der Streifen am Ende ein Erfolg werden würde, an Sonics Aussehen sollte es nicht mehr liegen. Er sah aus, als sei er direkt vom Mega Drive auf die Leinwand gesprungen.

    Nichts dergleichen schien man bei Cats getan zu haben. Zwar gab Universal nach dem für sie überraschenden Medienaufruhr bekannt, sofortige Nacharbeiten anzuordnen. Geändert wurde aber entweder nichts, oder zu wenig. Kein weiterer Trailer wurde veröffentlicht, dafür gab es ein Berichterstattungs-Embargo bis zwei Tage vor Veröffentlichung (nicht unüblich, aber immer ein schlechtes Zeichen). Und dann wurde es noch schlimmer. Waren es zuvor nur Trailer- Zuschauer, die Cats verrissen, schlug nun die Stunde der Medien, der professionellen Kritiker. Und sie alle zerrissen Cats in der Luft, zählten genüsslich alle Verfehlungen auf, jeden Fehler, den man beim Story-Telling, beim Design, beim Casting, bei der grundsätzlichen Umsetzung gemacht hatte.

    Das Studio hatte zuvor noch eilige Verbesserungen und Anpassungen versprochen und dieses Versprechen offenbar nicht eingehalten oder gar nicht einhalten können. Denn offenbar war einfach alles an dem Film falsch. Die Versuche, das Kind im Brunnen noch zu retten gingen gar soweit, zwei Tage nach Premiere Mails an über 3000 Kinobetreiber zu verschicken, dass es in Kürze ein Update des Films gäbe, mit angepassten Digital-Effekten. Ein bis dahin einzigartiges Vorgehen und nur von Spieleherstellern bekannt. Ein Day One Patch für einen Kinofilm, der bereits in den Kinos lief.

    Und genau hier stellt sich die Frage, was Universal sich dachte. Wie konnte es soweit kommen? Wie kann ein Film, der von einer Hundertschaft von Profis erstellt wird, zu einem solchen Desaster werden? Hat keiner der Produzenten, Drehbuchautoren, Effekt-Spezialisten irgendwann seine Stimme erhoben und gesagt „Ich fürchte, das geht alles in die Hose.“? Gab es keine Test-Screenings? Hat man den Film nicht, wie branchenüblich, mit echten Zuschauern getestet? Warum wurde das Design, der Schnitt nach dem vernichtenden Trailer offenbar nicht angepasst? Warum kam der Film dennoch in die Kinos, obwohl es offensichtliche Fehler bei den CGI Effekten gab? Warum nahm man dazu auch noch das Risiko in Kauf, weiteren Spott auf sich zu ziehen, indem man eine angepasste Version in die Kinos brachte und versucht, das gesunkene Schiff, dadurch noch zu retten? Warum wurde der Filmstart nicht einfach verschoben? Vielleicht 6 Monate, um alles noch einmal zu überarbeiten?

    Mir mag nur eine Erklärung einfallen: Reines Kalkül. Das Filmstudio dachte sich womöglich, dass Cats niemals zu retten sei, egal wie viel Geld man noch rein steckte. Der Film hätte neu konzipiert und neu gedreht werden müssen und die knapp 100 Millionen Dollar Produktionskosten wären verloren. Wie geht man stattdessen mit einer solchen Situation um? Man nutzt sie. Man spielt mit ihr und platziert den Film ganz bewusst nicht mehr als Meisterwerk, sondern als das schreckliche Chaos, das er nunmal ist. Und hofft zwar nicht mehr auf Erfolg an der Kinokasse, sondern bei Bluray-Verkäufen und Streaming. Der Film könnte ein Kult-Klassiker werden, so schlecht, dass er schon wieder gut ist. Menschen sind neugierig, wollen das Grauen sehen, sich daran ergötzen und darüber lustig machen. Und selbst dafür geben sie Geld aus. Der Film würde ein Klassiker bei Trinkspielen und platziert sich zwischen Sharknado und Iron Sky in Tele 5 Ausstrahlungen der schlechtesten Filme aller Zeiten. Wenn schon mies, dann aber richtig.

    Ich bin gespannt, ob diese Rechnung aufgehen wird. Neugierig auf den Film bin ich natürlich. Verdammt clevreres Marketing.