Monat: Dezember 2019

  • Ghosting, als es Ghosting noch nicht gab

    Unter Ghosting versteht man – in knappen Worten – den überraschenden und völligen Kontaktabbruch von Freunden oder Geliebten. Von heute auf morgen sind diese Menschen von der Bildfläche verschwunden, nicht mehr zu erreichen und quasi nur noch ein Geist. Der Begriff Ghosting existiert seit ca. 2015. Dass dieses Verhalten überhaupt zu einem Phänomen wurde, dem man einen Namen geben musste, dürfte vermutlich dem Internet, Social Media, Tinder und Co. und den ganzen Verlockungen, Ablenkungen und Möglichkeiten zu verdanken sein. Und der Tatsache, dass man, trotz ständiger Verfolg- und Erreichbarkeit genau dies bewusst unterbinden und verwehren möchte. Mir selbst ist dies erst vor kurzem mit „guten Freunden“ passiert. Eine Erklärung für das Ghosting blieb bis heute aus. Aber letztlich ist das ja genau das Prinzip.

    Früher™ gab es sowas nicht. Oder etwa doch? Ich kann mich an einige Lieb- und Bekanntschaften erinnern, die irgendwann einfach nicht mehr da waren. Dabei handelte es sich meist um einen schleichenden und/oder nicht überraschenden Prozess. Man einigte sich im Stillen darauf, keinen Kontakt mehr zueinander zu pflegen. Selbst wenn es schmerzhaft war. Aber hat man im vergangenen Jahrhundert einfach kommentarlos und völlig willkürlich den Kontakt zu jemandem abgebrochen? Ohne als Entschuldigung wenigstens den Tod oder Schlimmeres anführen zu können?

    Für mich hat Ghosting aber noch eine andere Bedeutung. So ist es mir unerklärlich, wie Menschen heutzutage einfach nirgendwo stattfinden können. Weder bei Google, Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest, Tumblr, Youtube, Xing, Linkedin oder wenigstens Etsy, dem Telefonbuch oder ebay auffindbar zu sein, ist einfach unglaublich. Entweder sind einige Menschen niemals online, oder wissen sich bestens zu verstecken.

    Aus meiner Vergangenheit gibt es Menschen, über deren Leben ich gerne mehr wüsste. Egal aus welchen Gründen der Kontakt damals abgebrochen wurde, mittlerweile ist so viel Zeit vergangen, dass ich mir eine Kontaktaufnahme wünschen würde. Selbst wenn es nur eine Bestätigung für die damalige „Trennung“ wäre. Was ist aus diesen Menschen geworden, mit denen man tage- und nächtelang gelacht, geweint, gefeiert, getröstet, gefiebert und vielleicht auch gestritten hat? Mit denen man sehr lange sein Leben geteilt hat?

    Und die andere Frage: Suchen sie mich hin und wieder? Ich bin nun wahrlich nicht schwer im Netz zu finden und war eine Zeitlang auf quasi jeder Social Media Plattform aktiv. Mittlerweile ist es ruhiger geworden und obwohl ein gleichnamiger Autor stets weit vor mir die Suchergebnisse blockiert, bedarf es nur weniger Minuten, alle meine Accounts zu finden. Inklusive diesem Blog. Suchen und lesen sie mich? Oder bin ich raus aus ihrem Leben, wie ein Geist, den man nie wieder in seinem Haus haben möchte?

    Falls ihr das lest: Liebe Grüße. Ihr wisst, dass ich euch meine.

  • Auto Supertrumpf der anderen Art

    Als ich noch jung war™ , spielten wir regelmäßig Quartett. Flugzeuge, Züge, Schiffe, Trucks, Motorräder und selbstverständlich Autos galt es in diesem Kartenspiel in den unterschiedlichsten Kategorien zu vergleichen. Wer hatte die jeweils schnellste, größte, längste, stärkste Leistung, Länge, Geschwindigkeit, Beschleunigung, was-auch-immer. Gegenspieler, deren Karte in der genannten Kategorie einen schlechteren Wert hatten, verloren die Karte, so lange, bis ein Spieler alle Karten besaß und somit gewann. So brachten wir die Sommertage im Schwimmbad zu, wenn wir nicht im Wasser oder an der Süßigkeiten-Bude waren.

    Ich musste allerdings so alt werden™, um zu erfahren, dass das von uns schlicht „Quartett“ genannte Spiel in Wahrheit Supertrumpf heißt. Im Volksmund sagte man Auto-Quartett, weil dies die damals beliebtesten Karten waren. Ich komme darauf, weil ich ein Auto-Supertrumpf der etwas anderen Art erleben durfte. Die beiden Spieler versuchten, sich mit den besten Werten ihrer eigenen Autos zu übertrumpfen. Und das ging ungefähr so:

    Spieler 1: „Also an meinem Auto quietschen schon seit Monaten die Bremsen.“

    Spieler 2: „An meinem Auto quietscht dafür während der Fahrt ständig etwas.“

    Spieler 1: „Aber an meinem Auto lassen sich die Scheiben nicht mehr öffnen.“

    Spieler 2: „Dafür schaltet sich bei meinem Auto der Motor regelmäßig von alleine aus.“

    Spieler 1: „Und meinem Auto fällt immer wieder die hintere Tür ab. Auch während der Fahrt.“

    Spieler 2: „Das ist ja gar nichts. Mein Auto fängt immer wieder mal Feuer und brennt aus dem Motorraum.“

    Spieler 1: „Mir fliegen während der Fahrt alle vier Räder weg und das Dach explodiert in hohem Bogen davon.“

    Spieler 2: „Also… ich… mein Auto… okay, du hast gewonnen. Dein Auto ist beschissener als meins.“

    Spieler 1: „Ich hab zwar gewonnen, aber du darfst es gerne behalten.“

  • The Deep Sea Visualization

    Neal Agarwal, ein sehr kreativer Entwickler, hat auf seiner Seite Neal.Fun eine – wie soll man es beschreiben – Animation, Präsentation, interaktive Visualisierung der Tiefe der Ozeane namens The Deep Sea erstellt. Und das mit allen möglichen und unmöglichen Lebewesen darin. Warnung: Wenn man einmal damit begonnen, hinabzusteigen, kann man nicht mehr aufhören, bis man – SPOILER – den tiefsten Punkt erreicht hat.

    Ich habe dabei gelernt, dass es in den Untiefen der Ozeane Monster wie die japanese Spider Crab (3,8m Spannweite der Beine) oder den Headless Chicken Fish gibt. Für Menschen mit Thalassophobie eher ungeeignetes Wissen. Thalassophobie ist im Übrigen die Angst vor dem Meer (oder wahrscheinlich eher die Angst davor, was da so alles auf einen lauert). Ich bin ja immer wieder begeistert, welch überraschende Phobien manche Menschen haben. Siehe in diesem Artikel über Coulrophobie, der Angst vor Clowns. Übrigens einer der meistkommentierten Beiträge.

    Und jetzt taucht mal schön.

  • Trailer Parade: Ghostbusters, Wonder Woman 84, No Time to die, Free Guy

    Ghostbusters: Afterlife, oder Ghostbusters 3, wie ihn alle nenne werden (da die letzte Ghostbusters-Inkarnation einfach ignoriert wird). Geschrieben, produziert und inszeniert von Jason Reitman, Sohn von Ivan Reitman, der auch die ersten beiden Ghostbuster Filme schuf. Nun also eine Fortsetzung, 35 nach dem ersten Teil. Mir persönlich etwas zu warm, zu episch, zu wenig Komödie. Aber gut, dass noch nicht viel gezeigt wurde.

    No Time to die. Daniel Craig zum letzten Mal als James Bond 007. Großartige Bildsprache, sehr wenig Action (die dafür aber exzellent aussieht), dafür viel zu viel Story und Spoiler. Nach eher mauen Bonds freue ich mich auf den wieder sehr. Auch wenn ich diese Franchise-artige Verknüpfung von allem nicht so sehr mag.

    Free Guy. Ein normaler Kerl stellt fest, dass er ein NPC in einem GTA-ähnlichen Videospiel ist. Mit Ryan Reynolds. Mit diesen Fakten hatten sie mich schon. Und verloren mich mit dem Trailer. Was eine großartige Satire oder philosophische Parabel auf das Leben und die Realität a la Truman Show hätte werden können, scheint eher ein Spy Kids ähnliches Action-Gezappel zu werden. Nett für nen DVD-Abend (Nutzt man diesen Ausdruck noch?)

    Wonder Woman 1984. Ich hasse DC. Bis auf Man of Steel, Aquaman und Wonder Woman (alles mit Einschränkungen) könnte ich bei jedem DC Film schreien, so schlecht sind sie. Und dann kommt dieser Trailer und ich bekomme mein Grinsen nicht aus dem Gesicht. Er ist perfekt. 80er Jahre Setting, phänomenaler Blue Monday-Mix, perfekter Schnitt, gute Action Szenen, abgefahrene Bilder, toller Cast. Das könnte wirklich was werden. Ich möchte ihn lieben. Bitte, DC, verkackt es nicht.

  • Straßenbahn und Trolleybus in Aachen

    Wenn man, wie ich, im südlichsten Südbaden aufwuchs, kennt man lange Zeit nur zwei Großstädte: Basel oder Freiburg. Alles weitere ist weit entfernt. Beide Städte zeichnet bis heute eine starke Vorliebe für nachhaltigen öffentlichen Nahverkehr aus. So ist Freiburgs Stadtkern völlig autofrei und das Rad eines der beliebtesten Fortbewegungsmittel. In Basel ist das bis auf wenige verkehrsberuhigte Zonen ähnlich. In beiden Städten gehören Straßenbahnen (in Basel seit 1895 in Freiburg seit 1901 und in beiden liebevoll „Trämli“ genannt) zum ganz normalen Alltag.

    Was Basel dabei seit meiner Kindheit einzigartig machte, waren sogenannte Trolleybusse. Wer das nicht kennt: Trolleybusse wirken und fahren wie normale Busse, tun dies aber rein elektrisch. Den Strom dafür beziehen sie wie Züge und Straßenbahnen aus einer Oberleitung und einem dazu gehörigen, sehr flexiblen Stromabnehmer. Also neben Straßenbahnen ein weiteres, emissionsfreies Angebot des Nahverkehrs, überall dort, wo keine Schienen liegen. Und das schon seit 1941. Aus purer Not wurde das System damals eingeführt, um der Rohstoffknappheit während des Krieges etwas entgegen setzen zu können. Leider wurden die Trolleybusse offenbar 2008 abgeschafft.

    Für mich gehörten Straßenbahnen und Trolleybusse immer zum Bild einer „Großstadt“ (wobei richtige Großstädte mit U- und S-Bahnen natürlich noch weit mehr Angebote haben). Umso ärgerlicher ist es, in einer Stadt zu leben, die nichts dergleichen zu bieten hat. In Aachen fahren ausschließlich Busse. Diesel-Busse wohlgemerkt. Und damit ist das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs auch schon ausgeschöpft. Bemühungen, Straßenbahnen oder Projekte wie eine „Campus-Bahn“ zu etablieren, scheiterten immer wieder.

    Gräbt man aber nur leicht unter der Oberfläche, entdeckt man schnell Dokumente, Filme und Zeitzeugenberichte, die Aachen in einem anderen Licht strahlen lassen. Nämlich mit einem dichten Straßenbahnnetz und – man höre und staune – Trolleybussen. Aachens Nahverkehr war bis zum Jahr 1974 elektrisch unterwegs. Das Straßenbahnnetz wurde ab 1895 (ähnlich wie in Basel) elektrifiziert, verband dabei sogar über Land die Stadt Aachen mit den umliegenden Ortschaften, Belgien und Holland und zählte im Jahr 1914 zum viertgrößten Straßenbahnnetz Deutschlands!

    Und heute ist Aachen eine reine Autostadt. Nur wenige Fußgängerzonen bieten Ruhe. Radwege sind so gut wie nicht vorhanden. Bäume werden gefällt, um weitere Parkplätze zu bauen. Diesel-Busse schieben sich durch die täglichen Staus und Baustellen der teilweise vierspurigen Straßen. Aachens Stickoxidwerte liegen seit Jahren über dem erlaubten Grenzwert, doch statt Verkehrswende probiert man lieber neue Straßenbeläge aus, die die Emissionen binden sollen. Und das in einer Universitätsstadt, die mit ihrer RWTH eine der renommiertesten technischen Hochschulen bieten kann, die Projekte wie den Streetscooter oder den eGo hervor gebracht hat.

    Wenn man, wie ich, in südlichsten Südbaden aufwuchs, blutet einem das Herz, wie wenig sich Aachen um das Wohlbefinden der Bewohner, um gute Anbindung, um moderne Nahverkehre, und um ruhige schöne, grüne Innenstädte kümmert. Und dabei hatte Aachen das schon alles. Schande.

    Wäre dies vielleicht eine Alternative?

  • Meine Märklin Modellbahn

    Schöner kleiner Artikel bei „brand eins“ zu meiner liebsten Modellbahn Marke Märklin. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit denke ich immer wieder nostalgisch an meine damalige Bahn, von der es heute nicht einmal mehr ein einziges Foto gibt. In meinem Kopf ist allerdings noch alles präsent. Zwei Züge fuhren gleichzeitig, begegneten sich in einem großen Bahnhof, durchfuhren Tunnel, überquerten Brücken und konnten bei Bedarf ein Betriebswerk anfahren.

    Die Anlage hatte Oberleitung und gleichzeitig besaß ich zwei Dampflokomotiven (Baureihe 01 und 050), die echten ( wohlriechenden) Dampf während der Fahrt ausstießen. Wenn ich das Zimmer verdunkelte leuchteten Züge, Signale, Straßenlaternen und Häuser um die Wetter. Güterzüge, Schnell- und Nahverkehrszüge waren unterwegs, wie auch Schienenbusse und ein exotisches, amerikanisches Diesel-Kraftpaket.

    Irgendwann, nach dem x-ten Umzug trennte ich mich schweren Herzens von der Bahn, baute alles ab, verpackte jedes Teil sorgfältig in Kartons und versuchte Jahre später eine neue Anlage in einem Kellerraum aufzubauen. Über den Rohbau- Status kam ich nie hinweg. Und seitdem lagern die Lokomotiven, die Waggons, die Häuser, Schienen und Signale und der originale Haltinger Wasserturm in den Kartons und werden hin und wieder zu Weihnachten hervor gekramt. Zuletzt vor zwei Jahren, wo meine Züge klappernd den Weihnachtsbaum umrunden konnten.

    Toll, dass es Märklin wieder gut geht und diese Traditionsmarke weiter großartige Modelleisenbahnen heraus bringen wird. Und ihre Strategie, dabei nicht nur auf Kinder, sondern auch auf eine weitaus solventere Klientel als bisher zu setzen (zu der ich leider nicht gehöre), klingt spannend.

    Und wer weiß? Vielleicht werde ich ja irgendwann wieder einen Keller, viel Zeit und Lust haben, meine Züge fahren zu lassen.

  • User Interface gone wrong

    Für mich als UX Designer sollte die Seite User Inyerface ein Alptraum sein. Ist sie aber nicht, weil sie sehr konzentriert zeigt, was so alles schief laufen kann, wenn man ein User Interface falsch gestaltet. Wir haben im Büro Tränen gelacht beim Versuch, den Ablauf komplett durchzugehen.

  • Happy Birthday. Die Playstation ist 25.

    Heute feiert die Playstation von Sony ihren 25. Geburtstag. Happy Birthday. Ich erinnere mich noch gerne an meine erste Playstation, die ich nur für Gran Turismo kaufte und mein letztes Geld dafür zusammen kratzen musste. Jahrelang hatte ich Spaß, bis das Laufwerk seinen Geist aufgab und Spiele nur noch geladen werden konnten, wenn ich die Konsole auf den Rücken legte.

    Die Zeit der Playstation 2 übersprang ich irgendwie komplett und ging direkt über zur Playstation 3. Auch wenn sie damals ihren Platz unter dem Fernseher mit einer Xbox und einer Wii teilen musste, blieb sie immer mein Favorit. Heute teilt sie sich den Schrank mit einer Playstation 4, weil die tollen Rockstar- und Move-Spiele einfach nie auf die vierte Generation gebracht wurde. Und auch die Vierte ist schon meine Zweite, diesmal als Slim Version. Also habe ich mittlerweile doch schon 4 Playstations gekauft.

    Und die Playstation 5? Wird vermutlich ebenfalls erworben, sobald sie ein vernünftiges Preislevel erreicht und einen ausreichend großen Spielekatalog in Petto hat. In meinem Alter kauft man Spielekonsolen nicht mehr direkt bei Erscheinen? Oder sollte man vielleicht gerade deswegen…?

    Hier noch ein hübsches kleines Video zur Geschichte der Playstation:

  • An Katrin aus Hildesheim

    Wunderbare Beobachtung in einem Twitter Thread, der mich sehr zum schmunzeln brachte. Lasst es bitte wahr sein.

    https://twitter.com/plbkwsk/status/1198208936647766019?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E1198208936647766019&ref_url=https%3A%2F%2Fwww.allesroger.net%2Farchives%2F12735-an-katrin-aus-hildesheim.html

    Psst: Thread bedeutet, dass da eine kleine Geschichte aus mehreren einzelnen Tweets erzählt wird. Öffnet einfach die komplette zugehörige Unterhaltung (xxxx Nutzer sprechen darüber). Bittegerne.

  • Satsumas sind keine Mandarinen

    Als ich jung war™ gab es in den Supermärkten zur Advents- und Weihnachtszeit nicht nur Marzipan und Schokolade, sondern auch Orangen und Mandarinen. Und Mandarinen waren zur damaligen Zeit meist Satsumas. Ja, so hießen sie. Wie es nicht einfach nur Äpfel, sondern Granny Smith, Elstar, Boskop und Pink Lady gibt, so gibt es eben auch Clementinen, Tangerinen und Satsumas.

    So dachte ich zumindest. Denn eigentlich ist die originale Mandarine der Ursprung der hierzulande bekannten Sorten. Die Satsumas sind nur Mandarinen-ähnlich, aus dem japanischen Raum stammend und süßer als die hier weit verbreitete Clementine. Gleichzeitig ist die Mandarine, gekreuzt mit der Pampelmuse, der eigentlich Ursprung der Orange.

    Worauf ich hinaus wollte: Warum zum Geier gibt es eigentlich keine Satsumas mehr in den Supermärkten, sondern nur diese saueren, harten Clementinen, die nicht, wie überall behauptet, immer kernlos sind? Also als ich jung war™…

  • Ich bin kein Cowboy

    Während Jugendliche heute bereits mit 17 Jahren den Autoführerschein machen wollen, war ich in meinem Freundeskreis eher ein Spätzünder. Erst mit 21 erhielt ich das kleine, rosafarbene Dokument. (Welches ich noch heute in meinem Portemonnaie mit mir führe. Inklusive einem Foto, auf dem ich schätzungsweise gerade mal 16 Jahre alt bin.) Bis dahin erreichte ich jedes Ziel bequem mit meinem Fahrrad. Ich liebte es und bilde mir auch ein, recht gut trainiert und fit gewesen zu sein.

    Als ein Auto unausweichlich wurde, blieb das Rad im Keller. Es war stets nur ein Fortbewegungsmittel, nie ein Sportgerät. Dies blieb nicht nur jahre- sondern jahrzehntelang so. Und doch fehlte es mir. Also machte ich mich auf die Suche, erwarb ein neues Rad, das mir wenige Wochen später aus dem abgeschlossenen Fahrradkeller gestohlen wurde. Das nächste Rad erwies sich sofort als Fehlkauf, war ständig defekt und bereite mir Nacken- und Handgelenk Schmerzen.

    Aber ich möchte doch wieder Radfahren, das Auto stehen lassen, mich bewegen und all das möglichst entspannt und wen es geht auch ein bisschen stylish. So stieß ich auf das Cowboy E-Bike, das elektrische Rad für Urban Bikers. Auf den ersten Blick schien dieses Bike all meine Wünsche zu erfüllen. Das in Belgien erfundene Rad nutzt ein recht innovatives Antriebssystem, hat einen sehr schlanken, leistungsstarken und schnell wieder aufladbaren Akku, hat eine sehr reduzierte und schicke Optik und einige smarte Features, die per App zu steuern sind.

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    Da kein Ständer vorhanden, musste ich das Rad zum Fotografieren festhalten.

    Außerdem kann ich das Rad über meine Firma leasen. Ich vereinbarte unkompliziert (!) eine Probefahrt, die mittlerweile auch in Aachen angeboten wird und traf mich an einem sonnigen und eiskalten Samstag Nachmittag mit einem der „Cowboys“, wie sich die Mitglieder der Community selbst nennen. Diese Community scheint übrigens sehr stark und per App gut vernetzt zu sein. Sollte man Probleme mit dem Rad haben, ist Hilfe immer nah.

    Der Cowboy erklärte zunächst einige grundsätzliche Details, die Vor- und Entstehungsgeschichte des Bikes und ging dabei auf alle Besonderheiten ein, die das Rad von der Konkurrenz abhebt. So zum Beispiel der Riemenantrieb, der selbst entwickelte Motor in der Hinterachse, die Sensoren in der Pedalachse, die eine Gangschaltung obsolet machen sollte, da durch die Geschwindigkeit und den „Druck“ der Füße die Motorleistung jederzeit genau angepasst wird.

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    Das Licht wird per App ein- und ausgeschaltet.

    Nachdem der Sitzt auf meine Größe eingestellt war, konnte ich endlich eine halbe Stunde herum fahren. Und wow, das Rad zieht einen wirklich davon. Ein phantastisches Gefühl. Der Motor ist nicht zu hören und schaltet sich so sanft zu, dass man hin und wieder nicht sicher sein kann, ob man nun Unterstützung hat oder nicht.

    Fahren in der Ebene war ein flottes, angenehmes Erlebnis. Genau so hatte ich es mir erwünscht und begann in Richtung einer kleinen Anhöhe zu rasen. Diese nahm ich Anfangs noch zügig, doch schnell wurden mir zwei Dinge bewusst: Der Motor hatte nicht genug Kraft, mich den Berg hinauf zu bringen. Erschwerend kam die fehlende Gangschaltung dazu. Und zu meiner Schande (oder der des Bikes?) erklomm ich die Anhöhe nicht, sondern musste enttäuscht auf halber Höhe stehen bleiben.

    Was war passiert? Hatte ich etwas falsch gemacht oder ging ich von falschen Erwartungen aus? Meine Hoffnung war, dass mich ein E-Bike gerade bei Steigungen unterstützt und ich nicht jeden Hügel schweißüberströmt nehmen muss. War es der nicht zu starke Motor, der mich in der Ebene wie eine Rakete nach vorne trieb? Oder die fehlende Möglichkeit, wie bei jedem anderen Rad ein paar Gänge runter zu schalten, um die Steigung nehmen zu können?

    Vermutlich war es ein Zusammenspiel aller Faktoren. Dies hinterließ allerdings ein enttäuschtes Gefühl, das sich zu den weiteren negativen Aspekten gesellte: Das Bike ist für mich persönlich zu sportlich ausgelegt, mit seinem sehr engen, sehr tief liegenden Lenker. Dieser kann nicht höher gestellt werden, sondern benötigt Zusatzteile. Wie das ganze Rad überhaupt Zusatzteile benötigt. Weder Schutzbleche, Gepäckträger oder ein Ständer sind im Lieferumfang dabei. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein und unterstützt natürlich auch das sehr schlanke Aussehen des Rads. Alltagstauglich (also eben nicht als Sportrad) ist es im Auslieferungsstatus aber nicht.

    Mein Fazit auf der Pro Seite:

    • Tolles, schlankes, sehr reduziertes Design
    • Toller Motor und praktikabler, schnell aufgeladener Akku
    • Innovative Ideen
    • Extrem sportliches und rasantes Fahrgefühl

    Und auf der Negativ Seite:

    • Keine Gangschaltung (und dabei fehlende Kraft des Motors), die jeden Hügel nicht nur schwer, sondern teilweise unbezwingbar machen
    • Reduziert bis auf wirklich jedes kleinste Detail, so dass selbst Standardzubehör dazu gekauft werden muss
    • Für mich persönlich zu sportlich. Ich kann mir nicht vorstellen, mit dem Rad eine Stunde ohne Nackenschmerzen fahren zu können

    Schade. Ich wollte so gerne ein Cowboy sein. Ich mochte so vieles an diesem Rad. Aber ein Rad, das mich an der ersten Anhöhe stehen lässt, ist nicht das Richtige für mich. Ob das Electrified S2 von Vanmoof die bessere Wahl ist? Ich werde es testen.